Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu. Ödön von Horváth

Mit Sicherheit tot

Fahrradhelmträger dieser Welt, ich hasse euch, denn was ihr behütet, ist das falsche Leben im falschen.

Vorgestern, am nationalen Jubeltag, nachdem sich bei einer Radioumfrage herausgestellt hatte, dass ein Gutteil der Einwohner unserer sagenhaften „Bildungsrepublik“ (Merkel) gar nicht wusste, was da gefeiert wird („Heilige Drei Könige?“), war ich mit meiner Frau spazieren, nicht vor der Tür, da geht die Hauptstraße lang, sondern fünf Minuten weiter, wo sich ein parkähnlicher Grünstreifen durch eine ruhige, von Einfamilienhäusern der gehobenen Klasse gesäumte Wohnstraße zieht, die deswegen auch „Promenade“ heißt. Und da waren sie wieder: Mutti radelnd vorne, Vati radelnd hinten, Sohn oder Tochter (oder beides) im Grundschulalter radelnd dazwischen. Und alle, versteht sich, mit Helm.

Dann lieber gar kein Vorbild

Ich liebe meine Frau u.a. deswegen, weil sie meine Anfälle von Zivilisationskritik so stoisch erträgt, manchmal sogar regelrecht abnickt, und es muss an den ausgesucht milden Verhältnissen gelegen haben – milde Sonne, milde Luft, milder Verkehr –, vor denen die Helme so grotesk abstachen, dass ich auf eine dieser trauten, in der immergleichen Outdoorkluft steckenden Ausflugsfamilien wies und (sinngemäß) sagte, dass ich diesen Anblick deprimierend fände, ganz außerordentlich deprimierend und dass ich mich, wenn wir mal Eltern würden, jedenfalls weigern würde, einen solchen Helm aufzusetzen, ich hätte als Kind keinen getragen, ich würde auch als Erwachsener keinen tragen, und wenn ich dem sozialen Druck nicht standhielte und dem Spross einen verordnen würde, dann sei ich lieber gar kein Vorbild als so eins.

Meine Frau war sofort einverstanden; es hat Gründe, dass wir verheiratet sind.

Ich weiß, liebe Gemeinde: Im Falle eines Falles rettet so ein Helm Leben und Gesundheit. Statistisch betrachtet liegt aber die Wahrscheinlichkeit, an einem Oktobernachmittag beim Feiertagsradeln durch den Park in eine Situation zu kommen, in der ein Fahrradhelm von Nutzen ist, bei eins zu einer Zahl mit so vielen Nullen, dass mir allein diese verbissene Rechtschaffenheit, mit der hier Vorsorge getroffen und behütet wird, schon auf den Zeiger geht.

Am Wochenende zuvor besuche ich meine Eltern, wir reden über früher, und Mutti sagt, sie würde, wäre ich heute Kind, mehr Ehrgeiz an den Tag legen, was meine intellektuelle Förderung angehe, richtige Schule und so, Sprachen, Musik; und ich denke und sage das auch: Eben das hast du aber völlig richtig gemacht. Mich auf die Schule nebenan geschickt, obwohl die das Gegenteil eines Elitegymnasiums war; mich unbeobachtet auf der Straße kicken und auf dem Bauernhof eines Sandkastenfreundes durch den Kuhstall toben lassen; nicht gefragt, was wir eigentlich den ganzen Tag im Wald beim Baumhausbauen treiben, so dass ich dir nicht stecken musste, dass Alexander Möll von oben der Hammer auf den Dez gefallen war, was ihm zwar eine ordentliche Beule eingetragen, ihm aber, soweit ich weiß, im weiteren nicht geschadet hat. (Für Fans von Stephen King: Für „Es“ gäbe es heutzutage gar kein Setting mehr. Oder, Bernd Begemann: „Ein Teil von mir / ist gefangen in einem Samstagnachmittag / ich bin zehn Jahre alt / und komme gerade vom Fußballspielen / ich trinke eine kalte Fanta“ – Fanta, man denke! Mit Zucker!)

Kapitulation vor der „Risikogesellschaft“

Vielleicht ist es richtig, Kinder Fahrradhelme tragen zu lassen, und dass ich nicht Klavier spiele und bloß eineinhalb Fremdsprachen kann, ist gewiss kein Wert an sich. Aber „erst wo die Funktionen gestört sind, schwingt der Geist sich empor“ (Cioran); und ich komme nicht umhin, es lächerlich und traurig zu finden, sich gegen diese falsch eingerichtete Welt, die Tag für Tag brutaler, katastrophischer und dümmer wird (vgl. u.v.a „Die Bülent Ceylan Show“, RTL), ausgerechnet mit einem Fahrradhelm versichern zu wollen. So wie Adorno die Menschen in „Scheinbefriedigungen“ sich flüchten sah, „kraft derer in ihnen die abscheuliche Ordnung noch mal am Leben sich erhält, wie wenn sie sie nicht bereits von außen fest genug in ihrer Gewalt hätte“, so umgeben sie sich zusehends mit Scheinsicherheiten, sei’s in ihren gepanzerten, hochbeinigen, mit Warn- und Hilfssystemen vollgepackten Autos, sei’s mit dem Beharren auf Helmen für Kinder, die eben erst das Rollern lernen.

Das alles ist nichts weiter als Selbstaufgabe, Kapitulation vor der „Risikogesellschaft“ (U. Beck) und der angeschlossenen Lüge, dass jeder seines Glückes Schmied sei; und seines Unglückes erst recht. Und so essen sie korrekt und erziehen sie korrekt und fördern sie korrekt und fahren sie korrekt; und ich, das Bürgerkind, dessen Eltern am Küchentisch noch geraucht haben, sehe das und weiß, wie recht der alte Frankfurter selbst im Pathos noch hatte: „Auf dem Grunde der herrschenden Gesundheit liegt der Tod.“

Er komme beizeiten.

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