Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten. Albert Camus

Milliarden für Minuten

Wo Modernität zum Selbstzweck wird, wird sie reaktionär und blind für das, was sie vernünftigerweise zu leisten hätte. Ein (aus Gründen) unfeuriges Plädoyer wider die Minutensparprojekte der Bahn in Stuttgart und anderswo.

Wenn Stuttgart 21 tatsächlich einmal so stünde wie geplant, der Kopfbahnhof zu einem unterirdischen Durchgangsbahnhof geworden wäre und Passanten obendrüber wegflanierten, dann wäre das mit einem Wort: cool. Wer jetzt im besten Erwachsenenalter und nicht gerade im Wendland aufgewachsen ist, sondern in der klassisch verbauten bundesdeutschen Spätnachkriegsumgebung, wer als Junge nicht nur Lolek und Bolek, sondern auch “Captain Future” sah und selbige Animations-Science-Fiction mit der Lego-Raumstation nachspielte, der wird das Empire State Buildung für eine viel schönere Aussichtsplattform halten als den Rügener Kreidefelsen; und wird, bei aller Kenntnis von Verblendungszusammenhängen, Fordismen und komplementären Zurichtungen, sein Interesse an und Wohlwollen gegenüber der technisch-architektonischen Moderne nicht ablegen. Und die Lektüre des “Technik und Motor”-Teils der FAZ, der die Autoquartettspiele der Kinderjahre aktualisiert, als durchaus frivoles Vergnügen verstehen.

Coolness gegen Vernunft

Aber man ist nun mal älter geworden, und bei aller Begeisterung für Schnellbahnstrecken und die Coolness souveräner, cleaner und Zeitungslektüre ermöglichender Schnellstmobilität (eine Reise im ICE ist, wenn sie denn störungsfrei gelingt, um einiges cooler als Auto fahren oder fliegen) kann und will man sich doch den Einwänden der Vernunft nicht verschließen und fragt sich, ob die Verkürzung irgendwelcher Fahrzeiten um eine Viertelstunde Milliardeninvestitionen rechtfertigt in einem Staat mit Billionenschulden und einer stetig steigenden Kinderarmutsquote. Es fragt sich dies nicht nur der Vulgärmarxist, sondern auch der preisbewusste Bahnfahrer, der, weil er es als Tagedieb und Freiberufler nie allzu eilig hat, sich nach Möglichkeit die um ein Viertel günstigeren Intercitys aussucht, die überdies (so es nicht umlackierte Interregios sind) viel gemütlicher sind als die meist noch mit Blackberry-Trotteln vollgestopften ICE und die aber, wohl weil zu billig, peu à peu eingemottet werden.

Und hier stößt selbst uns gemäßigt Technophilen der ganze Schnellbahnquatsch schon wieder als fortschrittsfeindlich auf, sofern Fortschritt nicht bloß als nominell-technischer verstanden wird, der sich an 18 gesparten Minuten von Stuttgart nach Ulm hochzieht (“wobei man um jede 20 Minuten froh sein müsste, in denen man noch nicht nach Ulm kommt”, G. Stadelmaier, FAZ), sondern als gesellschaftlicher, der Teilhabe und Egalität bedeuten würde und das Bahnfahren auch für Leute ohne Festgeld möglich machte: Von einmal München–Hamburg in 5:49 Stunden und zurück (unermäßigt) muss ein Hartzler drei Wochen leben. Dass alles immer schneller gehen müsse, ist überdies bloß älteste kapitalistische Leier, und wer, ohne Blick für die Proportionen, Minuten mit Milliarden bezahlt, ist kein Visionär, sondern ein Ausbeuter. Eine Vision für die Bahn des 21. Jahrhunderts – und das sage ich als einer, der sich für automatische Uhren und Raumfahrt begeistern kann – wäre also nicht Topspeed-Futurismus auf Biegen und Brechen, sondern eine Bahn als komfortables, zuverlässiges Verkehrsmittel für alle, das den sprunghaft wachsenden Güterverkehr nach Kräften auf die Schiene holte und sich nicht an Prestige und Börsentauglichkeit, sondern am, horribile dictu, gesellschaftlichen Gesamtnutzen orientierte.

Von einmal München–Hamburg und zurück muss der Hartzler drei Wochen leben

Also lieber kleine, aber gute und bezahlbare Brötchen backen und nicht die Stadt der Zukunft vom Bahnhof aus bauen, lieber das chronisch überlastete Streckennetz samt Flotte pflegen, lieber vier Stunden in einem pünktlichen Intercity sitzen als drei Stunden in einem knüppelvollen, überhitzten und verspäteten ICE stehen, weil das Geld für vernünftige Züge und neue Weichen in einem angesichts all der Dauermängel des deutschen Bahnbetriebs zutiefst unvernünftigen (und damit uncoolen) Bahnhofsprojekt versenkt worden ist. “Im Namen eines technischen Fortschritts, von dem nur eines gewiss ist: dass er Unsummen kostet” (Stadelmaier a. a. O.).

Und, versteht sich, die üblichen Verdächtigen reich macht.

Leserbriefe

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    BiBo – 08.10.2010 - 08:13

    Als leidgepruefter, BahnCardbesitzender,auch-in-laendliche-Regionen-fahrender,auch-Blackberry-nutzender Vielfahrer kann dem nur zustimmen.

    Nur ich fand den Stuttgarter Bahnhof immer haesslich, wenn ich von Essen (den aber auch) kam und mein Praktikatengehalt damals direkt an die Bahn ueberwiesen werden konnte. Aber man kann es halt uebertreiben.

    Hat wohl einen Grund, warum es in keiner Sprache der Welt die Redewendung, “Schoen wie ein Bahnhof” gibt…..

  • Theeuropean-placeholder
    RCB – 08.10.2010 - 19:59

    Er hat ja so Recht, sogar da, wo er nich Recht hat, der Stefan Gärtner (auch wenn er noch immer zu viele Fremdwörter benutzt). Das sollten die zuständigen Politiker (die Entscheidungsträger) einmal ganz wertfrei und in Ruhe lesen und dann noch ein bissl sinnieren (nachdenken).

    Die Absurdität ihres Verweilens an über fast 15 Jahre hingezogenen und “getürkten” Planfeststellungsverfahren und deren Ergebnissen würde ihnen wohl dann bewußt.

    Und Eines ist noch anzumerken: Das was die Befürworter in den letzten Tagen an Argumenten vorgetragen haben, sollten die Medien (in Wort und Bild!) gut aufheben und konservieren, damit man es ihnen (sofern sie dann noch leben) in 20 Jahren um die Ohren hauen kann wenn sich bewahrheitet hat, dass das ganze Projekt doch nicht unter 10 Mrd, zu haben war!

  • Theeuropean-placeholder
    Ebse – 09.10.2010 - 01:05

    Sagt der Wulff zur Merkel:
    “Frau Merkel, warum sagen Sie immer Stuttgart22?”

    Sagt Frau Merkel zum Wulff:
    “Na ja, wird wohl ’ne Milliarde teurer.”

    Spässle g’machdd, gell?

    Neuer Erkennungsspruch für die Schwaben:
    “Schaffa – schaffa – Scheissle baua.”

  • Theeuropean-placeholder
    Horst Maschke – 11.10.2010 - 11:26

    Der völlig überflüssige Neubau des Stuttgarter Hbf`s ist nicht nur nicht notwendig sondern auch ein unkalkulierbares finanzielles Risiko, was der Steuerzahler gefälligst auszugleichen hat. Die Eitelkeitsbefriedigung von egozentrischen Bahnmana-
    gern und Landesfürsten auf Zeit, denen jeglicher Reali-
    tätssin über den Volkswillen abhanden gekommen ist,
    sollte nicht hingenommen werden. Für uns in der strukturschwachen OPberpfalz bleibt u.a. auch deswe-
    gen kein Geld mehr übrig, für die dringend notwendige
    Elektrifizierung der Strecke Regensburg-Hof-Leipzig.
    Für 300 m Lärmschutzzaun an den frequentierten Bahnstrecken, sind auch keine Mittel mehr vorhanden.
    Kein Wunder, angesichts der Stuttgarter Situation,wo eine Mrd. allenfalls Kleingeld (Peanuts) ist. Wahltag ist
    ja lt. unserer Kanzlerin Volksabstimmungstag. Na dann viel Vergnügen am 27. März 2011.

  • Theeuropean-placeholder
    RCB – 31.10.2010 - 00:28

    WUNDERBAR verehrter Stefan Gärtner! Kann man nicht besser machen! Alles dran, Alles drin! Meine uneingeschränkte Zustimmung (die selten ist!).

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