Es gibt zur Zusammenarbeit zwischen den Nationen keine Alternative. Barack Obama

Mein Bac, dein Bac

… oder Ehre sei unserem Deo, denn den Vertrag zur deutschen Einheit, den hat der Herrgott damals selbst geschrieben.

ddr kapitalismuskritik deutsche-einheit saekularismus

Sage keiner, der European sei, wie das meiste Meinungsmachende, das im Netz verkehrt, so verzichtbar wie der Blog eines Prenzlberger Freizeitpoeten; denn diese Information war wirklich eine exklusive: dass der letzte Ministerpräsident der Deutschen Demokratischen Republik und “praktizierende Protestant” Lothar de Maizière den sog. Einigungsvertrag, der grad 20. Geburtstag hatte, mit dem Kürzel SDG versehen habe: Soli Deo Gloria, “allein zur Ehre Gottes”. Und sich mit dem aktuellen und ebenfalls protestantischen Bundesfinanzminister Schäuble bis heute einig sei, dass, jawohl, uns der liebe Gott die Einheit geschenkt hat.

Nun kann sich der Leser, kann sich die Leserin denken, was jetzt kommt: dass man gar kein Anhänger einer materialistischen Geschichtsauffassung sein muss, wonach Geschichte vornehmlich aus dem Kampf um Brot, Macht und Geld entsteht, um angesichts derart offen gelebter Gestrigkeit zu erschrecken; schließlich und endlich ist diese Freitagskolumne für derlei “Linksgequatsche” (so eine dankbare Leserin) ja da. Aber nu’: Überraschung. Denn die Herren haben recht.

Jawohl: Der liebe Gott hat uns die Einheit geschenkt. Denn es haben die Kirchen in der DDR ja nicht nur dazu beigetragen, dass sich Opposition formierte (wogegen erst einmal nichts gesagt sei, Opposition ist nie verkehrt, sofern sie nichts mit SPD zu tun hat), sie haben diese Opposition auch selbst formiert, denn dass das Dagegensein im Gottesdienst stattfand, hatte seinen tieferen Sinn und konnte kaum ohne Folgen bleiben. Gerade ein Protestant ist ja im Zweifel gegen alles, nur nicht gegen die Obrigkeit, sofern sie nur, anders als das kirchenfeindliche Kommunistengesocks, von Gott ist; und war also sowieso dafür, dass die vorbildlich atheistische Ost-Obrigkeit ausgetauscht werde gegen eine, die, wenn schon nicht im Dienst am Ärmsten und Schwächsten, so doch in ihrer Offenheit in Fragen des staatlich sanktionierten Aberglaubens fürs Paradies auf Erden stand.

Kirche und Kapitalismus brauchen einander

Und deshalb mit den Sachwaltern dieses Paradies auch auf allerbestem Fuß steht; es gibt keine christliche Kirche, die dem kapitalistischen Staat nicht das ist, was die Borke dem Baum. Beide brauchen einander: die Kirche den freien Kapitalismus, weil sie nicht nur seinem marktwirtschaftlich nützlichen Toleranzgebot, sondern auch seiner Eigentumsgarantie unterfällt und davon profitiert, wenn die Geschlagenen und Entrechteten und alle, denen’s bei der alltäglichen Akkumulation an seelischem Mehrwert mangelt, die Transzendenz suchen, die weder Stefan Raab noch Reinhard Mey bieten können. Und der Kapitalismus freut sich über die autoritäre Legitimation von ganz oben (denn immanenten Sinn jenseits der freien Verfügbarkeit von iPod und Benz hat er ja nicht); wie darüber, dass er die Opfer, die er notwendigerweise produziert, vorm Spital zum Heiligen Geist ablegen kann. In der Natur nennt man es Symbiose; Max Weber war sogar der Überzeugung, dass es ohne die protestantische Arbeitsethik den modernen Kapitalismus gar nicht gäbe. Und auch der Katholizismus, damit der jetzt nicht als Unschuldiger übrig bleibe, weiß, worauf es auf Gottes schöner Erde ankommt: ora et labora, bete und arbeite.

Wenn also die Kirchen in der DDR halfen, einen Staat abzuwickeln, der schon wusste, warum man mit den Fabrikanten auch die Pfarrer enteignen muss, und ihn endlich in eine BRD überführten, die sich in ihren Gründungsdokumenten, und sei’s auch am Rande, aufs Gottesgnadentum beruft, dann haben die Herren Schäuble und de Maizière recht: Der liebe Gott hat uns die deutsche Einheit geschenkt.

Dass ich ihm dafür nicht recht danken mag und sonntags lieber ausschlafe, versteht sich.

Wehret den Anfängen

Postskriptum. Kaum ist die Kolumne im Kasten, erreicht mich Post vom Arbeitgeber: “Lieber Herr Gärtner, könnten Sie am Freitag was zu Sarrazin schreiben? Evtl. schreibt unser Donnerstags-Kolumnist David Baum auch etwas dazu. Sie können sich auch auf ihn beziehen. Die Debatte ist gerade so groß, dass ich mich sehr freuen würde, wenn Sie dazu schrieben.” Gerne. “Gegen Leute zu sein, die dem Mauerbau nachtrauern beziehungsweise das Holocaustmahnmal als Freihalter für die neue Reichskanzlei ansehen, ist so mutig und schlau, als müsste man sich entscheiden, ob man für oder gegen einen atomaren Weltkrieg eintreten soll” – für dieses mutig-schlaue “beziehungsweise” sollte sich der Kollege B., der aus Gründen des Amüsemangs nicht gegen Nazis und ihre bürgerlichen Trommler sein mag, eine Watschn bei einem der wenigen (m/w) abholen, die noch aus eigener Anschauung beurteilen können, was Birkenau dann evtl. doch vom Konzentrationslager DDR unterschieden hat. Es würde mich sehr freuen.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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Leserbriefe

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