Eigentlich müsste ich dem Kolumnistenkollegen F. ein paar Cent von meinem Kolumnistensalär abgeben; denn wann immer sich die tages- und wochenaktuellen Themen als zu wenig inspirierend erweisen, kann ich mich auf den fröhlichen Konservativen verlassen, der dem antikapitalistischen Affen in mir Zucker gibt und der die Drahtbürste, die in meinem Abdomen wohnt und auf gut gekleideten, wunderbar provokanten Unflat gerade noch gewartet hat, zuverlässig in die Vertikale bringt.
Eines der ältesten rechtsklassenkämpferischen Klischees
Dass F. am Montag dagegen war, dass andere dagegen sind, Kindern aus Hartz-IV-Familien statt mit Geld, das die nichtsnutzigen Eltern eh nur versaufen, mit Gutscheinen fürs Schwimmbad oder den Flötenunterricht auszustatten, mag mit ein bisschen gutem Willen noch als pragmatisch durchgehen (auch wenn der informierte Leser weiß, dass “pragmatisch” i. d. R. bloß synonym für “Arme verarschen” steht), denn tatsächlich wird es mitunter so sein, dass aus sozialer Verwahrlosung geborene Alkoholnot so wenig ein Gebot kennt wie jede andere auch. Dass es im Fortgang aber um “Leben auf Kosten anderer” geht, das “nicht Normalität” sein könne, das ist, damit muss der European leben, reine “Bild”-Zeitung. Es ist Hetze.
Eine Hetze, die insoweit programmatisch ist, als sie eines der ältesten rechtsklassenkämpferischen Klischees überhaupt bedient: dass nämlich, wer nicht arbeitet, auch nicht arbeiten will, dass persönliche Sozialmiseren grundsätzlich selbst verschuldet sind und der Hartz-IV-Krüppel also durchaus demütig und dankbar dafür zu sein hat, wenn “die Allgemeinheit”, die geflissentlich gegen ihn in Stellung gebracht wird, ihm sein angenehmes Sofaleben finanziert. Ein Sozialstaat, der diesen Titel verdiente, beruhte nämlich auf dem solidarischen Gedanken, dass die Starken die Schwachen mittragen; was F. auftragsgemäß auf den Begriff bringt, ist der Versuch der herrschenden Klasse und ihrer Briefträger, diese Idee zu diskreditieren, vom systemischen Versagen ihrer sagenhaften FdGO abzulenken und den Unmut der wackelnden Mittelschichten auf die zu lenken, die sich nicht wehren können: “Konsequent sind deshalb schon seit Langem Begriffe wie ‘Almosen’ oder ‘Alimentation’ aus dem Sozialdeutsch getilgt. In solchen Worten ist noch die Erinnerung wach, dass es sich bei einer Reihe staatlicher Transfers im Kern eben darum handelt: um wohltätige Gaben an Bedürftige, die zu keinem eigenständigen Leben in der Lage sind. Die Frage ist allerdings, ob es wirklich so schlecht ist, hin und wieder darauf hinzuweisen, dass ein Leben auf Kosten anderer nicht die Normalität sein sollte.”
Das zu sehen braucht’s weder Marx noch Engels
Nun würde ein Blick in eines der bunten Blätter, die beim Friseur oder Zahnarzt herumliegen, genügen, um zu erkennen, wer auf dieser Welt von wem lebt: nämlich nicht die Hartz-IV-Mutti mit dem Alkoholproblem von denen, die auf Industriellenhochzeiten oder “Charity-Events” mit Geld schmeißen, das andere für sie verdienen, sondern der Hofkolumnist von der in Asien sistierten Arbeiterin, die ihm für ein halbes Butterbrot den Laptop zusammenbaut, auf dem er dann gegen just die Armut teufeln kann, die doch Bedingung für seinen Lifestyle ist. Das zu sehen braucht’s weder Marx noch Engels; ja, nicht einmal mich.
Was aber – neben Volksverhetzung – ist dieser Klassenkampf von rechts? “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen” – ich hoffe, der Kollege kann damit leben, dass diese Formel vom “unnützen Esser” nur eine Moralzeigefingerbreite von seinem latent gewalttätigen Almosengewäsch entfernt liegt. Es ist nämlich, halten zu Gnaden, eine faschistische.
Leserbriefe
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Nur weiter feste druff, das es eine Art hat!
Wo ist hier bitte “ART”? Mich nervt dieses freitägliche Linksgequatsche zunehmend.
“Das Schöne an Meinungsfreiheit ist, dass jede Meinung nur solange gilt, bis man eine bessere liest.”
Das Schöne an Propaganda ist, dass sie Kostüm der Meinungsfreiheit daherkommen kann. Und dass man eine Gegenmeinung wie diese hier getrost ignorieren und durch noch lauteres Getöse oder gar ganz banale Phrasen übertrumpfen kann. Zuhören ist in unserer sog. Debattenkultur nicht mehr en vogue.
D’accord! Ich vertrete Gärnters politische Linie eher nur in Ausnahmefällen, aber ich schätze seine Beiträge hier sehr. “Linksgequatsche” vielleicht, aber eben intelligentes Linksgequatsche.
Die eigene Position immer wieder zu überprüfen sowie die Argumente der Gegenseite zu würdigen, ist allgemein eher unüblich, hält aber geistig fit. Mehr zumindest als lediglich die eigene Meinung bestätigt zu sehen. Das ist zwar gut fürs Ego, bringt aber niemanden weiter.
“denn wann immer sich die tages- und wochenaktuellen Themen als zu wenig inspirierend erweisen”
Kommt mie genauso vor, hab diesmal das Gefühl alles schonmal in ähnlicher Form gehört zu haben. Naja aber der Schreibstil macht wie immer lust zum weiterlesen.
Recht hat er. Leute wie Fleischhauer sind zu viel in der Berliner Society unterwegs und glauben den Mist, den man um ihn herum täglich erzählt.
Am geilsten sind dann noch die am Samstag folgenden Zeilen, die diese Leichtigkeit weil Unnützigkeit der Gedanken nur untermauert….