Man kann sagen: Viagra schuf mehr Härtefälle als Rot-Grün. Harald Schmidt

Gib ab, du Arsch!

Wenn's um die Bildung geht, ist es im christlich-abendländischen Bürgerdeutschland mit der Nächstenliebe vorbei: In Bayern hat ein Arbeiterkind eine siebenfach geringere Chance auf das Abitur, der Wissensvorsprung von 15-Jährigen aus der Oberschicht gegenüber Gleichaltrigen aus den unteren Schichten beträgt in Deutschland zwei Jahre. Wer das weiß und das Gymnasium trotzdem “geil” findet, führt genau den Klassenkampf, den es doch offiziell gar nicht gibt.

Das Schöne an der Meinungsfreiheit ist, dass jede Meinung nur so lange gilt, bis man eine bessere liest; weswegen Sie, verehrte wertkonservative Leserin, verehrter wertkonservativer Leser, ab sofort und bis auf Weiteres allfreitäglich an dieser Stelle in den so verstörenden wie aber unbedingt notwendigen Genuss kommen, das genaue Gegenteil dessen lesen zu können, was Sie zu wissen glauben – und solange Sie es lesen können, heißt das, dass es, wo nicht gutgeheißen, so doch toleriert wird. Demokratie pur also; und was “repressive Toleranz” bedeutet, lernen wir später.

Die Guten ins gymnasiale Töpfchen, die anderen, na ja, egal

Am übernächsten Sonntag stimmt Hamburg über seine Schulreform ab, und vorgestern haben Sie an dieser Stelle lesen können, dass das Gymnasium “geil” sei. Sie werden das gerne gelesen haben, denn Sie sind alle gelernte Gymnasiasten und würden ihre Kinder auch niemals auf eine irgendwie integrative, gleichmacherische Schule schicken, weil Sie nie daran zweifeln würden, “dass Menschen mit unterschiedlichen kognitiven Begabungen ausgestattet sind. Daher ist ein mehrgliedriges System nötig, um dem Rechnung zu tragen”, i.e.: Die guten ins gymnasiale Töpfchen, die anderen, na ja, egal.

Nun ist es aber so eine Sache mit den unterschiedlichen kognitiven Begabungen, wie “Talent” ja nicht einfach vom Himmel fährt: Mozart, in einem Slum geboren, hätte ein Klavier erst gar nicht zu Gesicht gekriegt. Nirgends in Europa hängt der Bildungserfolg der Kinder so sehr von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland, und das Lieblingsbeispiel bürgerlicher Bildungsredner ist der Migranten- und sonstige Verlierernachwuchs, der von ignoranten Eltern vor dem Fernsehapparat geparkt wird: Die Versäumnisse solcher Elternhäuser könne die Schule einfach nicht auffangen. Daran ist nur soviel richtig, dass sich Loserkarrieren ad infinitum vererben, wenn man Kinder für Elternhäuser büßen lässt, für die sie nichts können, und deren finanziell-intellektuelle Misere als selbstverschuldet zu stempeln den sozialen (kapitalistischen) Zusammenhang ausblendet.

Es mag ja sein, dass eine Gesamt- oder Gemeinschaftsschule, wenn’s um die Exzellenz von wenigen geht, nicht das leisten kann, was ein Gymnasium leistet, weil, wie man so sagt, “schwächere Schüler mitgeschleppt” werden müssen. Aber nun: Ist das nicht Abendland, ist das nicht Christentum und Humanitas, mit den Armen zu teilen? Und zwar evtl. ein bisschen mehr und grundsätzlicher, als es wohlmeinende “Projekte” tun, “die aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft kommen, die versuchen und helfen, diesen (armen) Kindern zu zeigen, was Bildung bedeutet und dass man es mit Bildung schaffen kann, zu Erkenntnis, Anerkennung und einem bestimmten Maß an Wohlstand zu kommen” (The European, 7.7.)? Bedeutet Nächstenliebe denn tatsächlich nicht mehr als diese herablassende Almosengesinnung, die zwar gern mal was abgibt, aber ums Verrecken nicht mehr als das Maß, das zu bestimmen man sich aber bitte schön vorbehält?

Fortsetzung des Klassenkampfs vor der Schultür

Weniger Reichtum, weniger Armut – wer, selbst wenn er nicht Sozialist sein will, glaubt, dass die Welt, in die seine Kinder hineinwachsen, unter diesem Motto schöner sein könnte als eine, in der Geld zu Geld kommt und Armut zu Armut, der muss das auch für Bildungschancen gelten lassen; und soll doch bitte aufhören, vor einem “Klassenkampf im Bildungswesen” zu warnen – es gibt diesen Klassenkampf längst, und er ist nichts weiter als die Fortsetzung (und Vorbereitung) des Klassenkampfs vor der Schultür.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Matthias Grunau – 09.07.2010 - 11:43

    Zunächst einmal haben Sie völlig Recht, dass man sich immer auch für Gegenmeinungen interessieren sollte.

    Ich möchte Ihrem Aufsatz in zwei Punkten widersprechen:

    1. In den viel gelobten süddeutschen Ländern sind nicht nur die (anspruchsvolleren) Gymnasien erfolgreich, sondern auch die Real- und Hauptschulen. Diese schneiden ebenfalls besser als der Norden ab. Selbst wenn ein Kind in Bayern also “nur” auf die Realschule kommt, steht es immer noch genau so gut oder sogar besser da, als mancher Gymnasiast in Bremen.
    2. Schweden hat versucht, all seine Schüler aufs Gymnasium zu schicken. Das Modell ist weitgehend gescheitert (siehe PISA-Trend). Auch änderte sich nichts an den Chancen für Arbeiter- und Akademikerkinder. Das Gleiche gilt für die 6jährige Grundschule in Brandenburg (siehe ebenfalls PISA-Ergebnisse).

    Daher plädiere ich dafür, die in früheren Studien festgestellte Signifikanz der Leistungen in der 4. Klasse als Maßstab für weiterführende Schulen zu berücksichtigen, die Schultypen noch durchlässiger zu machen (bereits jetzt holen laut Prof. Fend 25% der Realschüler höhere Bildungsabschlüsse nach) und auch die praktischen Begabungen wieder anzuerkennen, wie sie in Real- und mehr noch in Hauptschulen gefördert werden.

    Denn Wissensgesellschaft hin oder her: Dieses Land stützt sich auch auf die anständige Arbeit und Kenntnisse des Handwerks, der Bauindustrie, der mittelständischen Manufakturen und auf die Zuverlässigkeit von Kinderbetreuuern, Lokführern, Wachdiensten und Reinigungskräften und auf die Hilfe von Polizei und Feuerwehr.

    Diese Tätigkeiten sind ebenfalls anzuerkennen. Es darf keine Schande sein, kein Gymnasium zu besuchen.

  • Theeuropean-placeholder
    Jonathan Ullwer – 09.07.2010 - 19:36

    Gut, dass Sie die schwedischen PISA-Ergebnisse ansprechen.
    Die Skandinavier landeten naemlich in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften auf aehnlichen Plaetzen wie die Deutschen. Nur mit ihrem vierten Platz in der Kategorie Chancengleichheit haben sie uns bei weitem ueberfluegelt.
    Warum sollte man nicht von den Schweden lernen, sich an ihren Reformen orientieren, wenn man diese Erfolge erkennt?

  • Theeuropean-placeholder
    Barth – 12.08.2010 - 12:44

    Hallo Herr Grunau

    der beste Beitrag den Ich seit langen gelesen habe.

  • Theeuropean-placeholder
    HamburgerX – 09.07.2010 - 11:48

    Ich verstehe eines nicht:

    Was ändert es an den Chancen eines Arbeiterkinders, z.B. in Harburg, wenn die Bürgertums-Kinder in den Elbvororten länger gemeinsam lernen?

    Inwiefern ändert die (sehr teure) Schulreform etwas daran, dass nach wie vor reichere Eltern viel mehr Nachhilfe spendieren können als arme Eltern?

    Und was für einen Nutzen hat es, das Sitzenbleiben abzuschaffen? Wie soll ein Lehrer auf die Schüler eingehen, wenn in Klasse 6 alle einen unterschiedlichen Kenntnisstand haben?

    Schadet man nicht mit der Kürzung der Gymnasien nicht letztendlich den begabten Kindern aus den weniger begüterten Schichten? Und verbaut so diesen Kreisen erst recht den Bildungsaufstieg?

  • Theeuropean-placeholder
    Roter Hesse – 09.07.2010 - 15:18

    Über die Inhalte der Bildungsreform in Hamburg kann man im Einzelnen lange streiten, Fakt ist jedoch, dass eine bundesweite Schulreform lange überfällig ist.

    Dazu müsste zum Beispiel die Förderung von Schülern mit Leistungsdefiziten IN der Schule gehören, damit eben auch solche Schüler Hilfe bekommen deren Eltern sich keine Nachhilfe leisten können.

    Zum Thema “Sitzenbleiben” sei nur so viel gesagt: Sitzenbleiben kostet den Steuerzahler bundesweit 900 Mio. Euro, jedes Jahr. Andere Länder (wie zum Beispiel Kanada oder Japan) haben kein Sitzenbleiben in ihrem Schulsystem vorgesehen und schneiden trotzdem bei PISA besser ab als Deutschland.

    Und was die Heterogenität von Lerngruppen betrifft: Damit muss ein Lehrer umgehen können, dafür wird er ausgebildet, dafür wird er bezahlt, das muss von ihm erwartet werden können. Glauben Sie mir, ich spreche aus eigener Erfahrung.

    Eines der grundlegensten Probleme unseres Schulsystems ist es nach wie vor, dass die Schule das Vorwissen der Schüler belohnt, anstatt nach ihren kognitiven Fähigkeiten zu fragen. Dass ein Kind aus einem Akademikerhaushalt schon in der fünften Klasse Standard-Hochdeutsch beherrscht, bedeutet noch lange nicht, dass ein gleichaltriges Kind, das dies nicht kann, automatisch dümmer ist.
    Eine echte Reform müsste unser Bildungssystem so umbauen, dass es allen Schülern die gleichen Chancen entsprechend ihrer Begabungen ermöglicht, anstatt nur die Klassenunterschiede der Elterngeneration zu reproduzieren und die Begünstigten noch mehr zu begünstigen.

  • Theeuropean-placeholder
    CiceroFreund – 09.07.2010 - 13:25

    Linksruck bei The European?

  • Theeuropean-placeholder
    Stefan Schwaneck – 09.07.2010 - 13:57

    Ich teile die Auffassung Herrn Grunaus und möchte sie in zwei Punkten ergängen.

    1. Das Problem der Hauptschulen besteht nicht in der Dreigliedrigkeit des Schulsystems, sondern in der mangelnden Anerkennung der Leistungen. Jeder Mensch hat das Recht darauf, seine Talente und Potenziale möglichst gut zu nutzen. Manche Kinder haben ein größeres Sprachtalent, andere sind mathematisch begabt, wieder andere handwerklich. Wenn jede Schulform dafür Sorge trägt, dass die Schüler ihre Talente gewinnbringend nutzen lernen, ist bereits viel gewonnen. So gelten Hauptschüler in Bayern mitnichten als “unvermittelbar” – ganz im Gegenteil. Gute Hauptschüler werden Realschulabsolventen oftmals gleich gestellt. Sie haben sehr gute Chancen, ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachzuholen oder mit Übergangsklassen direkt im Anschluss an die Realschule zu erwerben – oftmals stellen Absolventen der Ü-Klassen sogar die notenbesten Abiturienten eines Jahrgangs. Gerade im Vergleich der “reinen Gymnasiasten” und der “Ü-Klassen” wird dabei völlig unterschiedliches Lernen deutlich: Erstere lernen oftmals weniger und abstrahieren stärker – sie leiten sich ihre Kenntnisse in vielen Fällen aus anderen Bereichen ab. Ü-Klässler hingegen sind vielfach fleißiger – sie lernen viel und besitzen unheimlich viele Detailkenntnisse, sind aber oftmals nicht dazu in der Lage, zu abstrahieren und ihr Wissen zu transferieren. Gerade in diesen Klassen werden Unterschiede deutlich, und trotzdem bekommen beide Schülergruppen am Ende das gleiche Abitur. Es ist die Frage der Wertschätzung von Leistungen, über die man sich auseinandersetzen sollte.

    2. Direkt daran anknüpfend: Wann fangen wir endlich einmal damit an, Berufsausbildungen und Meisterbriefe wertzuschätzen? Wer nach Hauptschule und Ausbildung einen Meisterbrief erworben hat, kann sicherlich auf eine ebenso wertvolle Ausbildung zurückblicken, wie ein Universitätsabsolvent. Ein guter Handwerker verdient in der Regel auch nicht wesentlich weniger, wird aber dennoch über sprachliche Herabsetzungen als Mensch zweiter Klasse gebrandmarkt. Würden wir uns einen Zacken aus der Krone brechen, einen guten Ausbildungsabschluss auf die gleiche Ebene eines Bachelor-Abschlusses, einen Meisterbrief hingegen auf Ebene eines Master-Abschlusses zu setzen? Diese Praxis ist in anderen Ländern seit Jahren Gang und Gäbe und trägt erheblichen Anteil daran, dass Deutschland im internationalen Vergleich eine so niedrige Akademikerquote aufweist – würden wir unsere Handwerksmeister ebenfalls als Akademiker in den Büchern führen, hätten wir schon längst ein ganz anderes Bild. Dabei würde faktisch sich rein gar nichts ändern, mit Ausnahme der Wertschätzung von erbrachten Lebensleistungen – denn wer Hauptschülern tatsächlich die Chance auf sozialen Aufstieg nimmt, sind vor allem diejenigen, die ihre Leistungen grundsätzlich nicht zu würdigen bereit sind und regelmäßig verniedlichen. Aus dieser Verzweiflung resultiert oftmals auch die Verweigerungshaltung von Hauptschülern: Ihnen wird pausenlso eingeredet, dass ihre Ausbildung für die Katz ist – wer will ihnen da verdenken, dass sie ihre Lust verlieren?

    Ähnlich wie im Gesundheitsbereich wird man noch 50 Jahre darüber diskutieren können, wie ein idealer Schultyp auszusehen hat. Diese Punkte kann man als Individuum auch kaum beeinflussen. Was aber jeder Einzelne von uns schon heute leisten kann, ist die Wertschätzung erbrachter Leistungen. Hier können wir alle dazu beitragen, dass Haupt- und Realschüler nicht pauschal als “Versager, Trottel & Nichtsnutze” abgestempelt werden, sondern eine echte Chance auf Teilnahme am Lebensalltag haben.

    Wie das funktioniert, zeigt das Beispiel Bayern – hier gibt es bei Unternehmen weitaus geringere Vorbehalte gegenüber Hauptschülern, als es in anderen Ländern der Fall ist. Die Leistungen der Schüler fallen dementsprechend erheblich besser aus und die Ablehnung von Seite der Arbeitgeber ist faktisch kaum zu spüren. Vielleicht sollten sich die Nordländer (und deren Politiker) gerade daran ein Beispiel nehmen und endlich aufhören, Hauptschulen und die Leistungen deren Schüler systematisch klein und kaputt zu reden.

  • Theeuropean-placeholder
    Jan K. – 11.08.2010 - 10:31

    “Wie das funktioniert, zeigt das Beispiel Bayern – hier gibt es bei Unternehmen weitaus geringere Vorbehalte gegenüber Hauptschülern, als es in anderen Ländern der Fall ist. Die Leistungen der Schüler fallen dementsprechend erheblich besser aus und die Ablehnung von Seite der Arbeitgeber ist faktisch kaum zu spüren.”
    Beispiel Bayern? Ich kanns nicht mehr hören. Die Voraussetzungen in Bayern sind doch völlig andere! Der Anteil sozialer Benachteiligung ist doch um ein Vielfaches geringer, als im Norden des Landes. Erst dadurch sind die Leistungen der Hauptschüler besser und als Folge werden diese von den Arbeitgebern entsprechend angenommen. Die Kausalitätskette ist nämlich genau umgekehrt: Der Arbeitgeber toleriert nur gute Leistungen. Norddeutsche Hauptschüler würden von den Bayrischen Unternehmen genauso geschnitten und benachteiligt werden, wie von jedem anderen gewinnorientierten Unternehmen. Diese haben nämlich keine Vorbehalte gegenüber Hauptschülern, sondern gegenüber mangelenden Leistungen.

  • Theeuropean-placeholder
    Erwin Vomberg – 09.07.2010 - 14:08

    tja, auch ein (ex-)titanic-redakteur kann mal etwas zu kurz denken, und zwar in geisteigertem masse immer dann, wenn ein unbedingter wille dahingehend besteht, die richtigkeit einer bestimmten (in diesem fall linken) aber sehr eingeschränkten interpretation der realität unbedingt beweisen und zu schlussfolgerungen zwingen zu wollen. nicht besonders schlau der artikel, wenn auch – wie immer – sehr eloquent. gymnasiale bildung eben. wie soll denn bitteschön ein wie auch immer geartetes schulsystem einfluss darauf haben, welche kinder vor der schulpflicht schon “vor dem fernseher geparkt” wurden?? an dieser realität kann kein schulsystem etwas ändern, dazu müssten gewisse, als bildungsfern bezeichnete, bevölkerungsgruppen and genau diese wieder herangeführt werden. zwangs-erwachsenen-bildungs-schulen für hartz4-empfänger? das wäre mal eine provokante these …

  • Theeuropean-placeholder
    Stefan Gärtner – 09.07.2010 - 16:12

    Da muß ich Sie enttäuschen — Gesamtschulbildung.

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