Der Sicherheitsmythos soll Ängste vertreiben. Ken’ichi Mishima

Gib ab, du Arsch!

Wenn’s um die Bildung geht, ist es im christlich-abendländischen Bürgerdeutschland mit der Nächstenliebe vorbei: In Bayern hat ein Arbeiterkind eine siebenfach geringere Chance auf das Abitur, der Wissensvorsprung von 15-Jährigen aus der Oberschicht gegenüber Gleichaltrigen aus den unteren Schichten beträgt in Deutschland zwei Jahre. Wer das weiß und das Gymnasium trotzdem “geil” findet, führt genau den Klassenkampf, den es doch offiziell gar nicht gibt.

Das Schöne an der Meinungsfreiheit ist, dass jede Meinung nur so lange gilt, bis man eine bessere liest; weswegen Sie, verehrte wertkonservative Leserin, verehrter wertkonservativer Leser, ab sofort und bis auf Weiteres allfreitäglich an dieser Stelle in den so verstörenden wie aber unbedingt notwendigen Genuss kommen, das genaue Gegenteil dessen lesen zu können, was Sie zu wissen glauben – und solange Sie es lesen können, heißt das, dass es, wo nicht gutgeheißen, so doch toleriert wird. Demokratie pur also; und was “repressive Toleranz” bedeutet, lernen wir später.

Die Guten ins gymnasiale Töpfchen, die anderen, na ja, egal

Am übernächsten Sonntag stimmt Hamburg über seine Schulreform ab, und vorgestern haben Sie an dieser Stelle lesen können, dass das Gymnasium “geil” sei. Sie werden das gerne gelesen haben, denn Sie sind alle gelernte Gymnasiasten und würden ihre Kinder auch niemals auf eine irgendwie integrative, gleichmacherische Schule schicken, weil Sie nie daran zweifeln würden, “dass Menschen mit unterschiedlichen kognitiven Begabungen ausgestattet sind. Daher ist ein mehrgliedriges System nötig, um dem Rechnung zu tragen”, i.e.: Die guten ins gymnasiale Töpfchen, die anderen, na ja, egal.

Nun ist es aber so eine Sache mit den unterschiedlichen kognitiven Begabungen, wie “Talent” ja nicht einfach vom Himmel fährt: Mozart, in einem Slum geboren, hätte ein Klavier erst gar nicht zu Gesicht gekriegt. Nirgends in Europa hängt der Bildungserfolg der Kinder so sehr von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland, und das Lieblingsbeispiel bürgerlicher Bildungsredner ist der Migranten- und sonstige Verlierernachwuchs, der von ignoranten Eltern vor dem Fernsehapparat geparkt wird: Die Versäumnisse solcher Elternhäuser könne die Schule einfach nicht auffangen. Daran ist nur soviel richtig, dass sich Loserkarrieren ad infinitum vererben, wenn man Kinder für Elternhäuser büßen lässt, für die sie nichts können, und deren finanziell-intellektuelle Misere als selbstverschuldet zu stempeln den sozialen (kapitalistischen) Zusammenhang ausblendet.

Es mag ja sein, dass eine Gesamt- oder Gemeinschaftsschule, wenn’s um die Exzellenz von wenigen geht, nicht das leisten kann, was ein Gymnasium leistet, weil, wie man so sagt, “schwächere Schüler mitgeschleppt” werden müssen. Aber nun: Ist das nicht Abendland, ist das nicht Christentum und Humanitas, mit den Armen zu teilen? Und zwar evtl. ein bisschen mehr und grundsätzlicher, als es wohlmeinende “Projekte” tun, “die aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft kommen, die versuchen und helfen, diesen (armen) Kindern zu zeigen, was Bildung bedeutet und dass man es mit Bildung schaffen kann, zu Erkenntnis, Anerkennung und einem bestimmten Maß an Wohlstand zu kommen” (The European, 7.7.)? Bedeutet Nächstenliebe denn tatsächlich nicht mehr als diese herablassende Almosengesinnung, die zwar gern mal was abgibt, aber ums Verrecken nicht mehr als das Maß, das zu bestimmen man sich aber bitte schön vorbehält?

Fortsetzung des Klassenkampfs vor der Schultür

Weniger Reichtum, weniger Armut – wer, selbst wenn er nicht Sozialist sein will, glaubt, dass die Welt, in die seine Kinder hineinwachsen, unter diesem Motto schöner sein könnte als eine, in der Geld zu Geld kommt und Armut zu Armut, der muss das auch für Bildungschancen gelten lassen; und soll doch bitte aufhören, vor einem “Klassenkampf im Bildungswesen” zu warnen – es gibt diesen Klassenkampf längst, und er ist nichts weiter als die Fortsetzung (und Vorbereitung) des Klassenkampfs vor der Schultür.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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