Es gibt keine wertefreie Politik Franz-Josef Overbeck

Ich, die Mehrheit

Ich habe leicht reden. Oder: Wer schweigt, stimmt zu. Eine Einsicht.

Das Schöne an meiner hiesigen Kolumnisterei ist, dass ich mich nicht rechtfertigen muss. Die einen sind einverstanden, die anderen nicht, und nächste Woche schreib ich was Neues.

Neulich musste ich mich aber doch rechtfertigen, privatim, und wenn es nicht schon so spät und ich etwas nüchterner gewesen wäre, hätte ich mein Urteil, es sei „anmaßend, selbstgerecht und autoritär“, von einem Politiker zu verlangen, sich zu seiner mutmaßlichen Homosexualität zu äußern, vielleicht etwas schwungvoller verteidigt, zum Glück wurden wir unterbrochen; doch den halben verkaterten Sonntag wälzte ich die Frage, ob das Argument, kein Mensch müsse über sein Intimleben Rechenschaft ablegen, so stichhaltig sei, wie ich angesichts einer Presse, vor der Intimes zu schützen nicht weniger als Bürgerpflicht sein kann, ohne Weiteres gedacht hatte. Der Sonntag endete dann mit dem Entschluss, mich ein wenig mit Moralphilosophie zu beschäftigen, irgendwann mal jedenfalls.

Mein Kritiker sagt: Du hast leicht reden

Es geht aber gar nicht darum, ob ich recht hatte, recht habe oder im Gegenteil; da sind, wie stets, die einen einverstanden und die anderen nicht. Was mir aufging – spät, aber immerhin –, war, dass ich in diesem Fall ein Teil der Mehrheit bin und dass es deshalb u.U. etwas Anmaßendes, Selbstgerechtes und Autoritäres hat, der Minderheit mit einer bürgerlichen Dezenz zu kommen, die immer die der Mehrheit gewesen ist und unter deren Banner sich die Unterdrückung der Minderheit vollzogen hat. Es berührt seltsam, wenn die Frage, ob es einer Zeitung erlaubt sein müsse, die Frage „schwul oder nicht schwul“ zu stellen, genau entlang der Linie schwul/nicht schwul beantwortet wird: Nein, sage ich und sagen die anderen Heteros. Eben doch, sagen die Homosexuellen, und mein Kritiker sagt: Du hast leicht reden.

Das ist es: dass man leicht reden hat, als weißer Heterosexueller, der sich allenfalls mal (und freiwillig) dem Vorwurf aussetzt, Stalinist zu sein. Es ist erstaunlich leicht, in die Falle zu tappen, in die die Nichtemanzipierten tappen, wenn sie das mit den Frauenrechten für längst abgefrühstückt und nicht mehr der Rede wert halten: Frauen können doch wählen und Karriere machen, wo ist denn das Problem?

Auch Homosexuelle können Karriere machen, und die Abiturklasse meiner Kleinstadtschule hat zwei Schwule in ein Leben entlassen, das nach allem, was ich davon mitbekomme, auch auf dem flachen Land kein diskriminiertes mehr ist. (Dass Christoph jetzt nach Köln zieht, ist allerdings eine Meisterleistung des Weltgeistes.) Trotzdem traut sich kein Spieler der Fußballbundesliga, sich zu outen, und wäre ich schwul, ich würde nicht Hand in Hand durch ein vorpommersches Dorf schlendern, wenn ich nicht genau wüsste, dass der Kameradschaftsabend schon vorbei ist. Homophobie, wie Ausländerfeindschaft und Antisemitismus, ist der Klassengesellschaft eingeschrieben, und populär ist die Ansicht, „der Antisemitismus entstelle die Ordnung, die doch in Wahrheit ohne Entstellung der Menschen nicht leben kann.

Schweigen als Teil des Unrechts

Die Verfolgung der Juden, wie Verfolgung überhaupt, ist von solcher Ordnung nicht zu trennen. Deren Wesen, wie sehr es sich zu Zeiten verstecke, ist die Gewalt“ (Dialektik der Aufklärung). Dann hat ein Umweltminister zwar erst recht allen Grund zu schweigen; der Verfolgte (und nicht nur er) aber dito, dieses Schweigen als Teil des Unrechts zu benennen.

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