Politiker haben nur die Erkenntnis des Tages. Egon Bahr

An deutscher Vorhaut soll die Welt genesen

Das schönste Recht ist das Selbstgerecht oder warum der Deutsche untenrum keinen Spaß versteht.

Wie heißt es so schön: Man lernt nie aus, und was ich eigentlich für eine kaputte Existenz bin, habe ich zwar geahnt, aber noch nie in dieser Deutlichkeit gelesen: Sexualität ist für mich sinnlos („eine Beschneidung hat später die Beeinträchtigung des Lustempfindens bei Jungen zur Folge“, Alexander Görlach), meine Identität gebrochen (Kitschautor und Juraprofessor Schlink), weil ich bis heute nicht verarbeitet habe, „was man Kindern mit der Beschneidung antut“ (R. D. Herzberg, Strafrecht, Bochum).

Denn es ist mit Vorhaut natürlich besser als ohne

Es ist, gerade im Sommerloch, ein ergreifendes Bild, wie der deutsche Mann im Diskurs steht, stolz auf seinen unversehrten Schniedel blickt und mit großer Geste die Gelegenheit nutzt, die Fremdländischen Mores zu lehren.

Herzberg hält – durchaus übereinstimmend mit der unter Juristen herrschenden Meinung in Deutschland – die Vorhautentfernung bei kleinen Kindern für eine „Missachtung des Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit“, die Beschneidung sei „natürlich gerade gegen sein Wohl gerichtet“.

Denn es ist mit Vorhaut natürlich besser als ohne, und nicht auszudenken, wozu Gustav Mahler, Sigmund Freud, Kurt Tucholsky und Albert Einstein in der Lage gewesen wären, wenn sie nicht das Pech gehabt hätten, dem traditionellen jüdischen Angriff aufs Kindeswohl ausgesetzt gewesen zu sein (den Stadtneurotiker hätte Woody Allen dann allerdings nicht geben können; denn ohne Beschneidungstrauma keine Neurose).

Man muss gar nicht bestreiten, dass die Diskussion eine hochinteressante juristische ist und es seinen guten Sinn hat, die Ansprüche von Religionen immer wieder infrage zu stellen. Trotzdem darf man den humorlosen, kulturkämpferischen, kulturalistischen Ton, der in der Debatte angeschlagen wird, für befremdlich halten, wie es interessanterweise die konservativen Meinungsbeauftragten sind, die plötzlich ihr Herz für den religionslosen Rechtsstaat entdecken, der zwar Papstwitze verbieten und Kirchensteuer erheben darf, aber sonst ein streng weltlicher zu sein habe.

Warum das hysterische Gezeter über männliche „Genitalverstümmelung“, die geflissentlich mit der weiblichen gleichzusetzen nicht nur V. Zastrow von der „FAZ“ einfiel, mehr sein sollte als Demagogie, die gleich noch dem Feminismus eins mitgibt, ist allerdings nicht zu sehen: „Feministinnen erklärten die weibliche Beschneidung 1985 zur sexuellen Gewalt. Bei Jungen hat der Bundestag nun als rechtlich ,zulässig‘ definiert, was bei Mädchen als strafbar erachtet wird. Wo bleibt der Aufschrei der Gender-Forscher?“ (ders.) Wahrscheinlich da, wo der Aufschrei der Kindswohlschützer bleibt, wenn deutsche Behörden minderjährige Ausländer in eine Krisenregion abschieben; aber die sind ja auch beschnitten und also Gewalt gewohnt.

Die rechtschaffenen deutschen Unbeschnittenen zeigen mit dem Finger

„Wie in der Islamkritik bricht in der Beschneidungsdebatte ein rabiat religionsfeindlicher Zeitgeist durch, der im Internet zu sich gekommen ist. Durch die Meinungsforen wälzt sich eine Flutwelle der Zustimmung zum Urteil aus Köln – Zastrows „FAZ“-Kollege Patrick Bahners, der in einem klugen Buch die deutsche Begeisterung für den Kulturwahrer Sarrazin analysiert hat, weiß freilich, dass nur ausgewählte Religionen Ziel dieser Feindschaft sind; wie stets Vorsicht walte, wenn Deutsche sich als Menschenrechtsverteidiger aufspielen: „Ein deutscher Sonderweg des Beschneidungsverbots müsste in der Welt als Ausdruck eines humanistisch legitimierten Antisemitismus aus schlechtem Gewissen verstanden werden, wie er in den Enthusiasmus für die Sache der Palästinenser eingeht.“ (Bahners) Das heißt nicht, dass man Rituale – religiöse, blutige zumal – nicht auf ihren Sinn untersuchen dürfe; das heißt bloß, dass ich, wehrloses und bis heute gezeichnetes Opfer einer frühstkindlichen medizinischen Indikation, geradezu gern beschnitten bin, wenn die rechtschaffenen deutschen Unbeschnittenen mit dem Finger auf jene zeigen, deren ganz normale Söhne per Dekret einer Mehrheitsmeinung, die gestern noch Sarrazins Kopftuchmädchen beklatscht hat, zu entrechteten, desexualisierten Gewaltopfern werden.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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