Mails lesen und beantworten ist gut für das Image. Markus Beckedahl

Schwul oder nicht schwul

Das ist hier nicht die Frage: Über das Private des Politischen und warum es keine revolutionäre Pflicht ist, mit seiner Sexualität hausieren zu gehen.

Folgendes trug sich zu im Sommer des Jahres 2012, und ich berichte, wie es zu lesen stand.

Der Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit lud eine große deutsche Sonntagsquatschzeitung zwecks sogenannter „Homestory“ zu sich ins Haus, ein bei Lesern und Protagonisten gleichermaßen beliebtes Format, die Neugier jener zu befriedigen, die Öffentlichkeitsarbeit dieser zu unterstützen. Der Bundesminister, ein schwerer, dem Lebensgenuß sichtlich zugetaner Mann, ließ sich am Herd und mit einer Pfanne Bratkartoffeln abbilden und äußerte, auf seine Lebensumstände angesprochen, es habe sich in seinem Leben nun einmal so gefügt, dass er es alleine, als Junggeselle zubringe, was aber nichts mache, denn er liebe die Oper und habe gute Freunde, die ihm sein „Schicksal“ erleichterten.

Daraufhin tat ein Redakteur des Berliner Zentralorgans für rotgrüne Lebensentwürfe seinen Ärger kund darob, dass der Minister sich nicht angemessen, nämlich im Gegenteil „verschwurbelt“ zu seiner privaten Lebenssituation geäußert habe, er, der Redakteur, hätte nämlich gern gewusst, ob es der Minister evendöll mit Männern tut. Daraufhin löschte die Chefin der Zeitung den Beitrag aus dem weltweiten Informationsnetz mit der Begründung, die sexuelle Orientierung politischer Akteure sei irrelevant, und entschuldigte sich in aller Form.

Etwas Privates, Peinliches, Schmuddeliges, Gefährliches

Wiederum daraufhin schüttelte der Medienjournalist und Blogbetreiber Stefan Niggemeier vernehmlich den Kopf: Es gebe da nämlich ein Informationsinteresse der Öffentlichkeit, ein Politiker sei ja nun nicht irgendwer: „Es ist selbstverständlich eminent politisch, ob und wie schwule Politiker und Prominente zu ihrem Schwulsein stehen. Guido Westerwelle hat in all den Jahren, als er sich weigerte, öffentlich zu seiner Homosexualität zu stehen, ein verheerendes Zeichen gesetzt. Er hat der Welt demonstriert, daß Schwulsein etwas ist, das man am besten verheimlicht, etwas Privates, Peinliches, Schmuddeliges, Gefährliches.“ Deswegen sei die Ausgangsfrage der Zeitung, wen der Minister ficke, auch berechtigt, und die Entfernung des Beitrags aus dem weltweiten Informationsnetz durch die Chefin der Zeitung ein Fall von Selbstzensur. Analog bestand ein M. Schulze von queer.de in einem offenen Brief an I. Pohl („Taz“) darauf, in seiner Publikation „klipp und klar vom ,schwulen CDU-Umweltminister Peter Altmaier’“ zu schreiben, und schalt den Minister eine „Klemmschwester“, die der homosexuellen Sache furchtbar schade.

Auf „Spiegel online“ schließlich kennzeichnete der Kolumnist Fleischhauer, in einer neuen Volte, diese Haltung als einer „Befreiungstheorie“ verpflichtet, wonach „jedes Bekenntnis ein wertvoller Tabubruch“ sei. „Dieser Lesart zufolge können Spitzenpolitiker über ihre Homosexualität nur kodiert reden, weil die Gesellschaft abweichendes Verhalten bestraft. Umgekehrt wird daraus für mehr oder weniger bekannte Menschen die Pflicht abgeleitet, sich zu ihrem Anderssein zu bekennen, da nur so auf Dauer eine Normalität hergestellt werden kann, die es Schwulen erlaubt, sich frei in der Öffentlichkeit zu bewegen. Die Wahrheit ist, dass es den meisten Leuten ziemlich egal ist, welche sexuellen Vorlieben ihre Politiker haben.

Warum Merkel keine Kinder hat und von der Leyen sieben

Sicher, es ist immer interessant, Näheres über das Privatleben von Prominenten zu erfahren, darauf beruht die Existenz einer ganzen Klatsch-und-Tratsch-Industrie. Aber die wenigsten machen von solchem Nebenwissen ihre Zustimmung, geschweige denn ihre Wahlentscheidung abhängig.“ Dass Schwule „sich frei in der Öffentlichkeit bewegen“ dürfen, kennzeichnet den Gedanken wiederum als einen, der weiter ist als sein wahlkonservativer Urheber; und die „Normalität“, die Fleischhauer ausmacht, wäre ja vielleicht doch erst erreicht, wenn man solche Debatten gar nicht mehr verstünde.

Solange es sie aber gibt, geht es weniger um die Angst, als Homosexueller nicht mehr wählbar zu sein: Wowereit ist populär, Westerwelle ist es nicht, schwul sind beide. Es geht um die Frage, inwieweit eine Person das Recht hat, über ihr Privatleben zu schweigen, völlig unabhängig davon, ob dieses Schweigen irgendeine Emanzipation behindert oder nicht. Peter Altmaier ist Umweltminister, und ob er schwul ist, mag mich privatim interessieren, geht mich aber so wenig an wie die Frage, warum Merkel keine Kinder hat und von der Leyen sieben. Das hat nicht, wie Niggemeier schreibt, primär mit dem Goût des Schmutzigen und Devianten zu tun, sondern erst einmal mit dem Recht eines jeden, die Auskunft zu verweigern, wenn er keine Auskunft geben mag. Warum er sie nicht geben mag und ob es besser wäre, wenn er sie gäbe, ist davor zweitrangig.

Die Intimsphäre genießt den Schutz der Verfassung

Vor Gericht kann ich schweigen, ob mir das nun nützt oder schadet, und so verständlich die Enttäuschung (oder Empörung) homosexueller und anderer Richter sein mag, wenn ein schwuler Politiker keine Lust oder nicht den Mut hat, eine Aussage zu machen, so anmaßend, selbstgerecht und autoritär ist es, auf einer Offenbarungspflicht zu bestehen, erst recht, wenn der Betreffende Grund zu der Annahme hat, es wisse sowieso jeder Bescheid. Es ist Altmaiers Sache, ein guter Umweltminister zu sein; dass er als Homosexueller immer auch und by nature Antidiskriminierungsbeauftragter sein müsse, heißt das Schlagwort vom Politischen des Privaten missverstehend ins Totalitäre wenden.

Die Intimsphäre genießt den Schutz der Verfassung. Wenn Altmaier im Bundestag ein schwulenfeindliches Gesetz mitbeschließt, dann ist er vielleicht ein schlechter Politiker; aber eine schwule Stimme für ein schwulenfeindliches Gesetz ist nicht schlimmer als eine heterosexuelle Stimme für ein schwulenfeindliches Gesetz und eine Homestory aus vielen Gründen eklig, aber nicht, weil ein Junggeselle darin nicht als schwul benannt wird.

Mit Kraus fallen Anwürfe, das Sexuelle betreffend, immer auf den Ankläger zurück, und bei aller Sympathie für die umfassende Gleichberechtigung aller, die unter ihrem Fehlen leiden, gilt doch die simple Wahrheit, die ich in einem Blog gefunden habe:

„Aus meiner Sicht sollte es unter dem Niveau eines ernstzunehmenden Mediums sein, Mutmaßungen darüber anzustellen, mit welcher Art Mensch Herr Altmaier gerne Geschlechtsverkehr hat, falls überhaupt. Für wen soll das denn eine relevante Information sein, außer natürlich für Leute, die gerne mit Menschen wie Herrn Altmaier Geschlechtsverkehr haben? Und ich finde, denen ist zuzumuten, ihn selbst zu fragen, ob er zur Verfügung steht.“

So ist es.

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