Wer 1989 bewusst erlebt hat, weiß, dass Veränderungen und die Befreiung aus hoffnungslosen Situationen möglich sind. Marianne Birthler

TV total

Völker, seht die Signale: Was wir im Fernsehen sehen, ist nicht die Wirklichkeit, sondern Fernsehen. Das soll man der Uefa nicht vorhalten.

Was hat sich die Union der europäischen Fußballverbände, kurz Uefa, zuletzt nicht alles anhören müssen: Von einer „Weltbildherrschaft“ bei der Europameisterschaft war in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ die empörte Rede, von einer „,Truman Show’-artigen Privatwirklichkeit“, die sich der Verband zusammenschneide und die „die Flitzer und die leeren Ehrentribünen, die Banner und Bengalos“ unterschlage, „von denen man mit etwas Glück am nächsten Tag in der Zeitung lesen konnte“. Laut „taz“ haben ARD und ZDF „geschäumt“, weil die „,Uefa-Weltregie’, dieses zynische Reich des Bösen“, eine Szene vom Spielfeldrand (Löw erlaubt sich einen Jux mit einem Balljungen) als live verkaufte, obwohl sie es gar nicht war, und obwohl der Chefredakteur des WDR gleich klarstellte: „Für uns wäre jede Form von Zensur oder Manipulation nicht tragbar“, sprach die „Süddeutsche Zeitung“, die fragte, warum eine elfmeterwürdige Situation zuungunsten der deutschen Mannschaft im deutschen Fernsehen nicht analysiert und praktisch totgeschwiegen wurde, von „etwas Manipulation“, die „vermutlich doch schon in all unseren Köpfen“ stattfinde.

Was im Programm noch funktioniert, findet nach 23 Uhr statt

Vermutlich nämlich doch schon; und die Aufregung um das tatsächlich barbarische, totale, jedenfalls à la longue schwer erträgliche Fernseh- und Reklame- und Zwischenschnitt-Theater, das die Uefa „Europameisterschaft“ nennt, wäre ein bisschen verständlicher, wenn man nicht annehmen müsste, das deutsche und internationale Medialwesen sei ohnehin eine hochgradig manipulative Veranstaltung, die in dem, was Präsident Platini und seine Schergen da an Welttheater werden lassen, allenfalls ihre Kulmination findet.

„Ist die Presse ein Bote? Nein: das Ereignis“, schrieb Karl Kraus schon 1914, und die Vermutung, das Medium sei selbst die Botschaft und habe, seinem Substrat, der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, entsprechend, immer bloß sich selbst zum Gegenstand, hat ihren festen Platz in Medien- und Sozialtheorie. Tatsächlich muss man nicht den Eindruck haben, bei den als „politisch“ gelabelten Talkshows von ARD und ZDF gehe es um irgendetwas anderes als um die Show als solche, und was im Programm noch irgend referenziell funktioniert, also auf (beklagenswerte) Realität außerhalb der Fernsehstudios weist, findet frühestens und grundsätzlich nach 23 Uhr statt, wenn die Masse der Werktätigen, die es doch anginge, bereits im Bett liegt.

Ein ganztägiges Kraft-durch-Freude-Sperrfeuer

„Vergnügtsein heißt Einverstandensein“, wusste die „Dialektik der Aufklärung“, und deutsches Fernsehen, das ist ein annähernd ganztägiges Kraft-durch-Freude-Sperrfeuer aus Quiz und Talk und Krimi und Volksmusik, und man muss schon naiv (oder Journalist) sein, um nicht zu sehen, dass dieser Wahnsinn, vom Privat-TV forciert und zum tatsächlich Totalitären gerundet, dieselbe manipulative (und also politische) Methode hat, wie man sie der Uefa jetzt so medienkritisch und hochmoralisch vorwirft. Angesichts von Verhältnissen, die ohne die abendliche Fluchtmöglichkeit in „bunte Assoziation und glücklichen Unsinn“ (ebd.) für die allermeisten schon gar nicht mehr erträglich wären, hat das Gebaren der Uefa direkt pädagogischen Wert, wenn sie vergebene Torchancen mit hadernden Fans illustriert und Spielpausen mit Blondinen füllt, die reflexhaft-tautologisch in die Kamera winken, und also geradezu penetrant ausmalt, was Kulturindustrie kann und ist: „Der Zuschauer soll keiner eigenen Gedanken bedürfen: das Produkt zeichnet jede Reaktion vor: nicht durch einen sachlichen Zusammenhang …, sondern durch Signale. Jede logische Verbindung, die geistigen Atem voraussetzt, wird peinlich vermieden“ (a.a.O.). Und wenn es in der „SZ“ völlig zutreffend heißt, Sportberichterstattung bei ARD und ZDF sei „eher Wok-WM als Fußball-EM“, dann heißt Uefa-Kritik, die aus Redaktionssesseln kommt, den Esel schlagen und die Ochsen meinen.

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