Fernsehen, heißt es, macht dumm, aber das stimmt natürlich nicht, und gerade Zufallsfunde erhellen den Geist und erweitern den Horizont. Dass es z.B. praktisch gar keinen Zusammenhang zwischen den Werbeversprechen auf einem Milchkarton (glückliche Kuh auf grüner Wiese) und dem im Milchkarton befindlichen Produkt gibt (Milch von Stallkühen, die im Leben noch keinen Grashalm gesehen haben), hatte das ARD-Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ herausgefunden, und da war man freilich baff. Sogar die teuren, sogenannten Premiumprodukte: alles Industrie und Kraftfutter. Parbleu.
Kaum erforschte Langzeitfolgen
Aber man soll auch nicht gratis spotten. Es war ja immerhin interessant zu erfahren, dass sich im Labor anhand der Milch nachweisen lässt, was eine Kuh gefressen hat, und angeblich wollte ein Discounter sogar überlegen, das mit den glücklichen Kühen auf der grünen Wiese vielleicht abzuschaffen, was einem Discounter aber auch vergleichsweise leicht fallen mag, der hat nämlich nur eine Marke Milch, und die wird nicht wegen der glücklichen Kuh gekauft, sondern weil sie billig ist. Markenprodukte, die sich gegen andere Markenprodukte durchsetzen müssen, haben es da schwerer, denn die Unterschiede im Produkt selbst sind zumeist marginal und nicht der Rede wert. Also muss man klappern, denn das gehört zum Handwerk, das da Marketing heißt: So senkt Becel-Margarine „nachweislich den Cholesterinspiegel“ dank nämlich „hochwirksamer Pflanzensterine“. In Wahrheit ist allerdings laut „Süddeutscher Zeitung“ „nicht geklärt, ob die Pharma-Margarine dem Herzen nutzt oder vielleicht sogar schadet … Auch die Langzeitfolgen sind kaum erforscht.“ Da muss man sich als getäuschter Konsument doch erst mal einen Tee machen auf den Schreck, vielleicht einen „Landlust Mirabelle & Birne“ der Fa. Teekanne: „Entdecken Sie den ursprünglichen Genuss vertrauter Früchte, die noch in Ruhe heranreifen können.“ Indes, man ahnt es: „Genießen kann man hier höchstens das Industriearoma. Die namensgebende Mirabelle ist nämlich zu sage und schreibe null Prozent enthalten“ (SZ), weshalb der prima teure Früchtetee auch Kandidat für den „Goldenen Windbeutel“ ist, ein Preis, den die Verbraucherschützer von Foodwatch alljährlich für die „dreisteste Werbelüge der Lebensmittelindustrie“ ausloben.
Und auch wenn uns Insassen des Spätkapitalismus nicht mehr viel überrascht: dass im Waldfruchttee der hochintegren Kinderkost-Firma Hipp, deren Chef, man erinnert sich, im Werbefernsehen mal höchstpersönlich für die Qualität seiner Produkte bürgte, ein Pfund Zucker steckt, ist dann doch mindestens so schön wie das Light-Hackfleisch, das der Netto-Supermarkt mit Wasser und Weizen streckt, um es mit 30 Prozent Aufschlag als „Vital“-Produkt zu verhökern.
Vegan oder getäuscht werden
Lügen, das hatten wir hier schon mal, ist eine anthropologische Konstante, und wenn industrielle Nahrungsmittelherstellung die glückliche Kuh auf der grünen Wiese im Regelfall nicht mehr erlaubt, kann man entweder Veganer werden oder sich eingestehen, dass man, um nicht völlig aus dem Gleichgewicht zu geraten, die trübe Täuschung, von der man doch immerhin ahnt, dass sie nicht nur gang und gäbe, sondern durchaus systemisch ist, stillschweigend hinnimmt. So aufschlussreich die Berichte über „alkoholfreie“ Biere, die gar nicht alkoholfrei sind, und erratische Werbekühe sein mögen, so bedienen sie doch ebenfalls bloß die Illusion vom kritischen Konsumieren, wenn hinter den fünf dreistesten Werbelügen zwanzigtausend weniger dreiste warten, von Freiheit (Tabak) über Abenteuer (Auto) bis „Neue Serie: Eine Rettung für den Kapitalismus?“ („Süddeutsche“, 18.5., und zwar über der Titelnachricht „Existenzangst bei deutschen Opel-Werken“), die nur deshalb keiner Auszeichnung unterfallen, weil sie im Grundrauschen einer Gesellschaft, die, wenn sie ehrlich wäre, gar nicht funktionierte, ohne Weiteres untergehen.
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