Politiker haben nur die Erkenntnis des Tages. Egon Bahr

Allzeit bereit

Es geht weiter, immer weiter (Oliver Kahn): Während die Kinder aus dem falschen Elternhaus nach wie vor abgehängt bleiben, steht die Leistungselite von morgen immer begeisterter in den Startlöchern.

Was ich mit vierzehn gemacht habe, ist mir im Detail nicht mehr erinnerlich, aber was macht man schon mit vierzehn: persönliche Onanierrekorde aufstellen, Fußball spielen, Fahrrad putzen. Und natürlich Hausaufgaben, menno, wie doof ist das denn!

Kein „Sinn für das Defizitäre“

Das alles ist freilich schon ein Vierteljahrhundert her; wer heute vierzehn ist, steht total auf Hausaufgaben, findet Leistungsdruck spitzenklasse und seine Eltern nicht etwa peinlich, sondern schreibt mit Mutti Erziehungsratgeber mit dem Untertitel „Wie junge Menschen erzogen werden wollen“. Nämlich mit Ehrgeiz; und Mami darf in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, die auf so was gerade noch gewartet hat, das Fazit des Buches auf einer ganzen Seite ausmalen: „Wer glaubt, dass Jugendliche unter den Erwartungen ihrer Eltern leiden, täuscht sich. In Wahrheit ist der Nachwuchs bereit, sich anzustrengen – und erwartet Ermunterung“; wird schon so was sein. „Es ist mehr denn je vom Unglück der Kinder in Deutschland die Rede, von Überforderung, Stress und Depressionen … Drill, Selbstdisziplin, Erwartungsdruck – das alles sind längst Unworte im Jammer-Deutschland, die mit Wohlgefühl und Glück anscheinend nicht zusammengehen. Doch die Larmoyanz der Erwachsenen teilen viele Kinder und Jugendliche vermutlich gar nicht“, wie nämlich die Tochter in einer selbst verantworteten Umfrage unter 120 Gymnasiast(inn)en herausgefunden haben will: „Verblüffend war (…), dass vor allem diese unter Leistungsdruck stehenden Jugendlichen, die von ihren Eltern unaufhörlich angespornt werden, (…) angaben, ihr Leben besonders zu genießen. Ändern würden sie wenig. Ihren eigenen Kindern würden sie später sogar noch mehr abverlangen. Ganz nach der Devise: Noch mehr ist möglich. Und ihren Eltern gaben sie für ihren Einsatz Bestnoten.“

Es gibt hier nun zwei Interpretationen; die erste, für uns Linksemanzipatoren günstige: 120 befragte Schülerinnen und Schüler sind nicht im mindesten repräsentativ, die sogenannte Sonntagsfrage („Wenn am Sonntag Wahl wäre …“) wird 1.000 Personen gestellt, damit sie aussagekräftig ist; wie Jugend wildfremden Menschen auch nicht auf die Nase bindet, was sie zu Hause stört, man weiß, wie lange es dauert, bis selbst missbrauchte oder -handelte Kinder ihre Eltern preisgeben (in der Regel nämlich gar nicht). Die zweite, beunruhigende (für mich jedenfalls): Das ist die neue Generation, die Hanno Buddenbrook, Hans Giebenrath und den Schüler Gerber für Weichkekse hält und das immer emphatischer formulierte Leistungsprinzip längst kritikfrei verinnerlicht hat. „Ich wäre gerne ein leistungsorientierter, motivierter Schüler“, gibt einer zu Protokoll, dessen Eltern den Schuss noch nicht gehört haben. „Die lasche Erziehung schadet einem nur“, wenn nämlich die, die daheim Tigereltern haben, vielsprachig und klavierspielend an einem vorbeiziehen und dabei dieses Selbstbewusstsein haben, das mit dem Erfolg kommt.

Nun sei hier gar nicht bestritten (schon gar nicht von einem, der täglich sein Amazon-Ranking kontrolliert), dass Erfolg, in welchem Feld auch immer, Spaß macht und dass Höchstleistungen, die auch Tagediebe wie ich bewundern, in der Musik, im Sport, ohne hartes Training nicht zu haben sind. Motivation, ohne den ekligen Beigeschmack des Managerseminars, kann auch einfach ein Zeichen dafür sein, dass Eltern ihr Kind nicht egal ist, und ohne Fleiß kein Preis, es muss ja nicht der Hauptgewinn sein. Unangenehm, ja fürchterlich wäre gleichwohl die schwindende Differenz zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt, wenn die Lütten, statt, maulend und kiffend, die ewige Schlacht ums kalte Büffet wenigstens ein paar lustig-traurige Jährchen lang infrage zu stellen, schon genauso proper und spießig in die Welt wachsen, wie sie Staat und Gesellschaft zur gar nicht so besonderen Verwendung benötigen. Den löblichen „Sinn für das Defizitäre“ (Gunnar Homann), die Unlust, das Aus-dem-Fenster-Träumen, die Differenz per se, die einem der Lebensabschnitt schenkt – vorbei, verweht, nie wieder? „Das Motto meiner Eltern ist schon immer: ,Wir gehen davon aus, dass ihr euer Bestes gebt.‘ Und darüber bin ich sehr froh!!!“ Neben Milena (14) hätte man selbst (14) in der Schule nicht unbedingt sitzen mögen; aber wenn Inge und Isabel Kloepfer, unsere zwei Damen vom Drill, recht haben, hätte man heute gar nicht mehr die Wahl.

Chancengerechtigkeit: Ungenügend

Jedenfalls nicht im Gymnasium, und was woanders vor sich geht, ist ja gottlob drittrangig. „Auch zehn Jahre nach dem Pisa-Schock gilt die Chancengerechtigkeit in deutschen Schulen als ungenügend. Nach wie vor ist die Abhängigkeit zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg riesengroß“ („Augsburger Allgemeine“ mit Blick auf den „Chancenspiegel“ der Bertelsmann-Stiftung).

Schön, dass es dabei nicht bleiben wird; schließlich gilt: Noch mehr ist möglich. Ich freu’ mich drauf.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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