Leute haben zu meiner Meinung eine Meinung. Matthias Matussek

Die Piraten-Ferz

Die Piraten sehen sich im Saarland und anderswo als neue Kraft, denn tausend Meinungen, das lehrt das Internet, sind hilfreicher als eine.

„Piraten auf Erfolgskurs“, „Piraten setzen Segel“, „Piraten: Entspanntes Klarmachen zum Entern“ – das Einzige, was eventuell noch deprimierender ist als die habituelle Stupidität deutscher Journalistik, ist das Piratengewese selbst, und sei es nur deshalb, weil es meine Gebetsmühlenmeinung, das System sei überhaupt und insgesamt dysfunktional, glänzend korrigiert.

Jede, wirklich jede Stimme soll zählen

Das System funktioniert nämlich wunderbar, weswegen die Ansicht der „Tagesschau“, die Piraten seien ein „Geschenk für den Parlamentarismus“, auch völlig in Ordnung geht. Denn der bürgerlichen Demokratie, in der, wie die Mehrheit argwöhnt, sich Politiker und Volk längst voneinander entfremdet haben, weil die da oben machen, was sie wollen, und bei denen da unten die Unlust wächst, alle paar Jahre per Wahlkreuz eine Politik zu bestimmen, die doch immer dieselbe bleibt, haben die Piraten gerade noch gefehlt.

Alle können zu jeder Zeit ihrer Meinung Gehör verschaffen, jeder soll freien Zugang zu den informationellen Ressourcen haben, die für die politische Willensbildung notwendig sind, wie überhaupt „Wissen für alle“ das alte, auf Informationsvorsprung basierende Machtprivileg aushebeln und aufheben soll. Das Einfache ist nicht, wie Thomas Bernhard vermutete, das Fürchterliche, sondern das Charmante: per liquid democracy geht keine Einzelmeinung verloren, jede, wirklich jede Stimme soll zählen. Und wenn die Stimme morgen ihre Meinung ändert, dann wird auch das registriert und eingespeist. So einfach ist das.

Dass es so einfach möglicherweise nicht ist und eine Meinung erst mal nur eine Meinung, darf ahnen, wer sich mit einer einfachen Frage ins Internet begibt, dessen Amateurexperten auf jede Frage nicht nur eine, sondern tausend Antworten bereithalten und sich, sofern möglich, alle widersprechen; und wem plötzlich das rechte Augenlid zuckt, der spart sich den Arzt und fragt Google und ist dann entweder so gut wie tot oder bloß potenzieller Kunde eines neuen Naturheilverfahrens, auch wenn da die Meinungen in kaum vorstellbarem Maße auseinandergehen. Anzunehmen, ausgerechnet in politischen Fragen könne das Netz mehr sein als ein Jahrmarkt der un- bis halbfundierten Überzeugungen, die kostenlos in den Diskurs zu klicken mehr wäre als eine „leere Teilhabegeste“ (Dietmar Dath), will da wie Zweckoptimismus, vielleicht auch Blindheit scheinen.

Die Parteien, spricht das Grundgesetz, wirken bei der politischen Willensbildung mit. Was die Piraten (sofern sie nicht einfach aus den ewig schwachsinnigen „Denkzettel“-Gründen gewählt werden) so attraktiv macht, ist die Suggestion, das Wahlvolk sei mündig genug, sich seinen Willen per Internet selbst zu bilden. Abseits ihrer Kernthemen: keine Internetzensur, informationelle Selbstbestimmung, Abschaffung des Urheberrechts und „freier“ Austausch geistigen Eigentums – ist denn auch programmatisch bei den Piraten nicht mehr zu holen als beim lokalen AStA: „Die Piratenpartei setzt sich daher für Lösungen ein, die eine sichere Existenz und gesellschaftliche Teilhabe individuell und bedingungslos garantieren und dabei auch wirtschaftliche Freiheit erhalten und ermöglichen. Wir wollen Armut verhindern, nicht Reichtum.“ Ob das eine eventuell die Kehrseite des anderen ist, wäre freilich eine Google-Anfrage wert.

Jobs, nicht Gott, Smith oder Keynes

Ein fröhlich-fairer Mitmach-Kapitalismus also, der sich nicht mehr auf Gott, Adam Smith oder Keynes beruft, sondern allenfalls auf Steve Jobs, im Letzten aber auf die Macht der Mehrheit, die sich im Netz selbst organisiert und weiß, was gut für sie ist (nämlich z.B., nichts mehr für Musik oder Filme zu zahlen). Deshalb ist es auch kein Zeichen von Inkompetenz, sondern Programmatik, wenn nach der Wahl im Saarland der lokale Vorsitzenden-Schluffi im Fernsehen hockt und nicht wenig stolz darauf ist, auch nicht so viel mehr Ahnung von allem zu haben als die, die ihn gewählt haben; ein Anti-Experten-Affekt, der sich auch in der naiven Forderung nach vollständiger, tatsächlich hundertprozentiger Transparenz von politischen und Verwaltungsprozessen niederschlägt – 90 Prozent der Leute verstehen schon die „Tagesschau“ nicht, was sollen sie dann mit einem Referentenentwurf aus dem Wirtschafts- oder Gesundheitsministerium? Das sind, wie man in meiner hessischen Heimat sagt, „Ferz“ (Fürze), die die Menschheit so entscheidend voranbringen werden wie Facebook und Google+.

Und so gemeindet das System, in einer wirklich überzeugenden Volte, die Nachwachsenden und die Unzufriedenen wieder ein, indem es eine neue Milieupartei schafft für die, die den Unsinn von der Selbstermächtigung glauben und sich freuen, dass ihre Leidenschaft fürs nimmermüde Twittern, Chatten und Mailen plötzlich die Rettung der Demokratie ist. Den Strom freilich produziert E.on, und der Rechner wird in irgendeinem Schwellenland zusammengeschraubt – ein altertümlich analoger Einwand, ich weiß; aber wer davon schweigt, soll mir mit Demokratie nicht kommen.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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