Sie haben eine gute Chance verpasst, den Mund zu halten. Nicolas Sarkozy

Amen

Ein Pfarrer als Präsident ist nicht so schlimm, weil Deutschland keine Staatskirche hat. Gott sei Dank!

Jetzt, wo sich die ersten Aufgeregtheiten gelegt haben und, nach der entschlossenen Begeisterung über den spitzenmäßigen, mit einer vorbildlich freiheitskämpferischen Vita ausgestatteten „Bundespräsidenten der Herzen“ (Franziska Augstein, „SZ“, allerdings ironisch), sogar die Meinung zulässig ist, der evangelikale Selbstdarsteller sei „alles andere als ein Konsenskandidat“ („Spiegel online“), ja vielleicht sogar ein fulminanter Schwätzer (Augstein a.a.O.), darf sich unsereins mit dreierlei trösten: erstens, dass den Zuständigen und Begeisterten noch aufgehen wird, was für eine kapitale Nervensäge sie sich da vor die Nase gesetzt haben; zweitens, dass sich die Dummheit, Kleist und Schopenhauer wussten es, nur in genügendem Maße zu verdichten braucht, um, in dieselhafter Selbstentzündung, eine Explosion ins Erlösende oder wenigstens Wurschtige zu zeitigen; und drittens, dass, wenn Gauck, weil aller guten Dinge drei sind, jetzt auch noch zurücktritt, mit den gleichfalls sehr gottbefohlenen Wolfgang Huber (Ex-Bischof) und Margot Käßmann (Ex-Bischöfin) bereits eine gar nicht so stille protestantische Reserve zur Verfügung steht.

Alterssitz für protestantische Pfaffen

Keiner hat gelacht, als die Namen Huber und Käßmann in die Debatte gelangten, so wie ja auch schon keiner gelacht hatte, als die Frankfurter SPD M. („Sehnsucht nach Leben“) Käßmann um das Amt der Oberbürgermeisterin konkurrieren lassen wollte. Die Diagnose, Deutschland werde mit seiner Vereinigung protestantischer, ist so alt wie die sogenannte Einheit selbst und wird dieser Tage gerne wiederholt; warum es so gut wie niemanden schert, dass das höchste Amt im Staate, dem ja auch Katholiken, Muslime, Juden und Atheisten angehören, zum Alterssitz für protestantische Pfaffen wird, wäre eine andere Frage.

Deutschland, das muss man sehen, ist kein laizistischer Staat. Zwar herrscht Religionsfreiheit, und eine Staatskirche ist (jedenfalls laut Verfassung) verboten; aber der Religionsunterricht ist grundgesetzlich verankert, der Staat zieht Kirchensteuern ein, und wenn in Bayern ein Kruzifix aus dem Klassenzimmer soll, steht die halbe Republik kopf. Die Trennung von Kirche und Staat gibt’s hierzulande nur dann, wenn ein junger Muslim in der Schule beten will: Statt ihm das einfach stiekum in irgendeinem Abstellraum zu erlauben, wird da die „weltanschauliche Neutralität“ des Staates betrommelt, bis im Verwaltungsgericht der Putz von der Decke fällt.

Christliche Aberglaubensvereine

Die bevorstehende Wahl Gaucks zum Bundespräsidenten und „Staatspfarrer“ (Gustav Seibt, „SZ“, allerdings unironisch) wäre Anlass, einmal grundsätzlich nach der Legitimität der Rolle zu fragen, die die christlichen Aberglaubensvereine in Deutschland spielen und die mit dem christlichen Abendland viel weniger zu tun haben mag als mit einer glücklichen Aufgabenteilung: Die staatsfrommen Kirchen (die Protestanten seit Luther, die Katholen seit dem Konkordat) halten die Schäfchen auf Kurs, und der Staat sorgt dafür, dass nicht alles aus dem Klingelbeutel bezahlt werden muss. Das Grundgesetz verbrieft Religionsfreiheit, zu der aber auch die negative Religionsfreiheit gehört: Der Nicht- oder Andersgläubige hat das Recht, mit Religion nicht behelligt zu werden; alles kann, nichts muss. Dieses Recht, durch die kaum vermeidbare Präsenz des Christentums im öffentlichen Leben eh schon eher hohl, wird spätestens da entwertet, wo Pfarrer(innen) oder sonstwie christlich Bewegte (Katrin Göring-Eckardt, EKD) als allererste Wahl für höchste Staatsämter gelten. Dass die SPD das alles wieder mal klaglos mitmacht, ja sogar ausdrücklich begrüßt, sollte für eine weitere Grabumdrehung August Bebels („Genau genommen ist aber ein Arbeiter, der Kloaken auspumpt, um die Menschen vor gesundheitsgefährdenden Miasmen zu schützen, ein sehr nützliches Glied der Gesellschaft, wohingegen ein Professor, der gefälschte Geschichte im Interesse der herrschenden Klassen lehrt, oder ein Theologe, der mit übernatürlichen transzendenten Lehren die Gehirne zu umnebeln sucht, äußerst schädliche Individuen sind“) gut sein.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Stefan Gärtner: Zum ewigen Kriege

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