Unsere zivilisierte Welt ist nur eine große Maskerade. Arthur Schopenhauer

Die Gelben auf der Roten Liste

Ganz unten, tief im Umfragekeller, bereitet sich die FDP auf einen geradezu epischen Abstieg vor. Eigentlich zu Unrecht. Fünf Tipps, die sie in letzter Minute retten können.

Es steht null zu null zwischen Rot-Rot-Grün und Schwarz-Gelb. Die Beine werden träge, die Stinkefinger krampfen. Nur noch wenige Stunden bis zum Elfmeter-Schießen. Alle Augen sind auf die verbliebenen Spieler gerichtet. Auf der schwarz-gelben Seite stehen die Feldspieler längst unter der Dusche – nur Torwart Angela Merkel ist noch übrig. Doch auch unter diesen günstigen Bedingungen hat der politische Gegner keine Chance – jeder Angriff wird von der Kanzlerin routiniert abgewehrt. Selbst Beinahe-Eigentore aus Bayern können ihren Sieg nicht gefährden.

Währenddessen versuchen die Spieler von Rot-Rot-Grün sich in Rautenformation bei Günther Jauch freizuspielen. Es hagelt Fouls und rote Karten – doch wieder kann niemand punkten. In dieser Saison beherrscht die Langeweile der gegenseitigen Neutralisierung die politische Champions League. Kein Wunder: Das ganz große Spiel findet eh in der Kreisliga statt.

Fünf Tipps für die FDP

Dort unten, tief im Umfragekeller, bereitet sich die FDP auf einen geradezu epischen Abstieg vor. Wer hätte vor sechs Monaten gedacht, dass sich die FDP nicht mit den Grünen oder den Linken, sondern mit der AFD um die Fünf-Prozent-Hürde prügeln muss? Eigentlich zu Unrecht. Schließlich macht die FDP mal wieder einen ungewohnt sauberen Wahlkampf. Die Wahl von Dirndl-Brüderle als Kopf der Wahlkampagne war nicht geschickt, aber immerhin sehr viel weniger suizidal als seinerzeit das Guido-Mobil oder der Möllemann-Störfunk. Zudem kümmert sich Wirtschaftsminister Rösler geradezu rührend um die deutsche Start-up-Wirtschaft, und die nimmt sonst eigentlich niemand ernst. Aber mal ehrlich. Die FDP ist Kult und gehört vor dem Aussterben bewahrt. Im Folgenden fünf Tipps an die FDP, wie sie ihrem eigenen Untergang doch noch in letzter Minute entgehen kann:

1. Köpfe, Köpfe, Köpfe.
Sorry, Jungs, aber wo ist Lindner? Wo ist Kubicki? Trotz geshoptem Plakat wirkt Brüderle wie ein Genscher-Comeback. Zwar überraschend spitzig, aber irgendwie dinosaurös. Dynamisch, erfolgreich und „alt“? Nein, das zieht nicht beim Liberalen von heute.

2. Klaut euch die Themen bei den Piraten!
NSA-Affäre, YouTube-Sperren, Urheberrechtsverfriemelung. Alles kernliberale Themen, die eigentlich auf jedes blau-gelbe Wahlplakat gehören. Wenn wir schon mal bei Piratenthemen sind: Wo ist eigentlich Sabine Leutheusser-Schnarrenberger? Ohne sie im Kabinett würden wir alle wahrscheinlich schon längst Überwachungsimplantate unter unserer Haut tragen. Es gibt absolut keinen Grund, diese grandiose Leistung zu verstecken.

3. Zieht ins Promi-Big-Brother-Haus.
Fragt Guido Westerwelle. Der war schon mal da drin. Zwar nur für ein paar Stunden, aber er war drin. Da die fünf Prozent seinerzeit nicht unterschritten wurden, hat es wohl nicht viel geschadet. Clevere PR-Gags sind dieses Jahr irgendwie nicht eure Stärke, liebe FDP. Macht mal was. Was Buntes, was mit Spannung und mit Schokolade. „Sicheres Geld“ ist schön, aber das können andere auch. „Mehr Netto vom Brutto“ ist auch ziemlich 2001. Die Wähler mögen euch, aber sie lieben euch nicht. Ändert das.

4. Macht nicht immer den Balljungen für die Kanzlerin.
Ihr seid zu berechenbar. Jeder weiß: Wenn die FDP in der Regierung ist, dann immer mit der alten Union. Macht es doch mal spannend. Stellt euch doch mal rotzfrech auf die Wahlkampfbühne und sagt: „Och, vielleicht machen wir’s auch mal mit der SPD.“ „Wer mit wem“ ist immer Stadtgespräch. Doch ihr tut so, als hättet ihr nur eine große Liebe. Niemand mag die Klette, also werdet endlich mal erwachsen.

5. Wechselt eure Farben.
Gelb und Blau? Nun ja. Keine Kombination, die ich irgendjemandem empfehlen würde. Sieht nach Edeka um die Ecke aus, und nicht nach großer Politik. Ich empfehle euch ein Navy-Blau als Grundton. Nichts weiter. Das wirkt edel und souverän. Schickt dieses fiese Gelb in die längst überfällige Rente!

Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass wir uns an einen Bundestag ohne FDP gewöhnen müssen. Denn noch hat die liberale Kernklientel keine passende Alternative zur Hand. Weder Newcomer wie die AFD noch andere etablierte Parteien fischen derzeit mit größerer Anstrengung in liberalen Gewässern. Trotzdem muss die FDP aufpassen, dass sie sich stets neu erfindet. Mit charismatischem Personal, Antworten auf aktuelle Probleme des Informationszeitalters und einer hellwachen Wahlkampfstrategie zur richten Zeit am richtigen Ort. Jeder Partei, der das gelingt, wünsche ich ohne zu zögern und von ganzem Herzen den Einzug in den Bundestag.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Stefan Andersen: Der 20.000-Punkte-DAX

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