Europa ist nur möglich innerhalb der Welt und innerhalb der Weltwirtschaft. Gustav Stresemann

„Nur für eine kleine Runde Applaus“

Annie Clark, besser bekannt als St. Vincent, hat eine Platte über das Leben im digitalen Zeitalter gemacht. Mit Max Tholl und Lars Mensel sprach sie über ausuferndes Teilen im Netz, Beyoncé und ihre Flucht vor einer Klapperschlange.

The European: Ihr neues Album, „St. Vincent“, liegt seit dieser Woche in den Regalen. Welches Gefühl überwiegt bei Ihnen: Vorfreude oder Lampenfieber?
St. Vincent: Angst habe ich keine, aber ich bin ein bisschen verwirrt. Ein Teil meines Gehirns denkt weiterhin: „Warte, es kommt jetzt erst raus?“, weil ich jetzt schon so lange Zeit darüber geredet habe. Ich fühle mich wie der erste Besucher einer Party, der sich im leeren Raum umschaut, ein Geburtstagshütchen trägt und darauf wartet, dass andere erscheinen.

The European: Sie haben das Album als „Party-Platte, die man auf einer Beerdigung spielen könnte“, bezeichnet.
St. Vincent: (lacht) Ja, das habe ich wohl gesagt.

„Nimm das Banale und stelle es auf den Kopf“

The European: Was meinen Sie damit?
St. Vincent: Ich wollte das Groove-Element, zu dem Leute tanzen können, mit etwas Herz, Pathos und Empathie verbinden.

The European: Wie in Ihrem vorangegangenem Album, „Strange Mercy“, ist der erste Titel, „Rattlesnake“, recht komplex, eine klare Abweichung von Ihren ersten Alben. War das eine bewusste Entscheidung?
St. Vincent: „Rattlesnake“ ist nicht komplex!

The European: Wir finden schon.
St. Vincent: Wirklich? Es ist immer und immer wieder dasselbe (summt die Melodie). Ich dachte, es wäre ein ungezwungener Titel und deshalb ein guter Anfang. Er bezieht sich auf die Schaffung der Welt. Und es ist eine wahre Geschichte. Es ergab also vollkommen Sinn, mit diesem Lied anzufangen.

The European: Es ist eine wahre Geschichte? Sie waren nackt in der Wüste und wurden von einer Klapperschlange gejagt?
St. Vincent: Ja! Für viele Lieder muss man lange die eigene Vorstellungskraft bemühen, aber einige Songs sind einfach Geschenke des Universums – so wie es bei „Rattlesnake“ der Fall war. Ich war im Westen von Texas, um die Rinderfarm einer Freundin zu besuchen, und sie empfahl mir, meine Kleidung auszuziehen, wenn ich umherlief, weil es angeblich das beste Gefühl der Welt sei. Also tat ich es. Als ich unterwegs war, hörte ich ein klapperndes Geräusch und dachte, dass es der Wind sei. Doch es war völlig windstill. Ich drehte mich um und sah eine Klapperschlange, direkt hinter mir! Ich fing sofort an zu rennen – und ich meine wie eine Olympia-Sprinterin. Zurück in der Farm trank ich erst einmal einen Tequila …

The European: … und kamen auf die Idee, dass dieses Erlebnis einen guten Song abgeben würde?
St. Vincent: Nein, das kam mir zuerst nicht in den Sinn. Ich erzählte meiner Familie und meinen Freunden darüber und eine meiner Freundinnen, die auch Musikerin ist, sagte sofort: „Das ist ein Song!“ Sie lag richtig, es ist einer! Also musste ich die ganze Geschichte nur noch niederschreiben.

The European: Viele Ihrer Lieder werden von solch seltsamen Ereignissen inspiriert. Ihr Lied „Just The Same But Brand New“ basiert auf Möbeln …
St. Vincent: So ist es, ich laufe herum und sammle Geschichten. Im Fall von „Just The Same But Brand New“, gab es diese ältere Frau von der Upper East Side, die umzog und wollte, dass ihre neue Wohnung exakt wie ihre alte aussah. Sie hatte all diese Möbel und Tapeten aus den Sechzigern und der Innenarchitekt, den sie beauftragte und gleichzeitig ein Freund von mir ist, musste die exakt gleichen Tapeten besorgen und alle Möbel so beziehen, dass es identisch aussah. Sie wollte ihre alte Wohnung zurück, aber brandneu – daher der Name des Songs.

The European: Sind solche zufälligen Ereignisse Ihre Hauptinspirationsquelle?
St. Vincent: Sie sind sehr wichtig, aber ich nutze auch eine Menge anderer Dinge. In „Regret“ benutzte ich eine Zeile, an die ich mich aus einer Unterhaltung mit einer Freundin erinnerte. Sie sagte irgendetwas darüber, dass Erinnerungen „so strahlend sind, dass man blinzeln muss, um sich an sie zu erinnern“. Ich bin sehr dankbar für solche Beiträge.

The European: Eines der Schlüssellieder auf dem neuen Album heißt „Digital Witness“ und handelt davon, dass Menschen ihr ganzes Leben mit anderen teilen. Wie kamen Sie auf dieses Thema?
St. Vincent: Ich finde das Thema interessant, weil es so beherrschend ist. Technologie ist allgegenwärtig, dass wir viele Dinge über dasselbe Medium tun. Wir benutzen denselben Computer zum Arbeiten, Chatten, Daten und zum Einkaufen. Wir benutzen denselben Computer, um uns Pornos anzuschauen und mit unseren Eltern in Kontakt zu bleiben. Ich frage mich nur, wie uns diese ganze Sache kurzfristig und langfristig verändern wird.

The European: Ihre Vermutung?
St. Vincent: In der analogen Welt äußern wir uns auf viele verschiedene Weisen: Du entscheidest dich, dein Haar so zu tragen, ich habe meines so. Wir kommunizieren ständig Dinge an andere, ob nun bewusst oder unbewusst. Doch jetzt haben wir dieses digitale Medium, in dem die banalsten Dinge unserer täglichen Routine zur Performance werden. Ich kann ein Bild meiner Kaffeetasse mit etwas Lippenstift darauf machen, es auf Facebook posten und 5.000 Leute werden sagen: „Das gefällt mir total gut!“ Wir haben die banalsten menschlichen Tätigkeiten mit etwas verschmolzen, dass performativ ist, um eine kleine Runde Applaus zu bekommen. Ich frage mich, warum wir nach Bestätigung für so etwas suchen.

The European: Und warum können diese banalen Dinge diese Art von Reaktion hervorrufen? In der realen Welt würde niemand die Kaffeetasse mit dem Lippenstift darauf mögen.
St. Vincent: Genau! In gewisser Weise ist das exakt das, was die Kunst früher tat: Nimm das Banale, stelle es auf den Kopf, und jeder wird sagen: „Oh mein Gott, ich habe noch nie auf diese Weise darauf geschaut!“ Das ergibt sich auch aus der Tatsache, dass aufgrund der technologischen Demokratisierung heutzutage jeder ein Musiker oder Fotograf sein kann.

The European: Wir neigen dazu, Quantität mit Qualität zu verwechseln.
St. Vincent: Auf jeden Fall: Wir verbeugen uns alle vor dem Gott des Contents.

The European: Sind Sie besorgt darüber, dass es so viel Content über Sie im Internet gibt? Wenn Sie während eines Konzertes einen Fehler machen und das jemand aufnimmt, wird dieser Moment für immer festgehalten.
St. Vincent: In gewisser Weise denke ich, dass die Leute es nicht zwangsläufig mitkriegen werden, weil es dort draußen so viele Inhalte gibt. Es gibt nicht besonders viel Filmmaterial über David Bowie. Viele Interviews sind nicht länger verfügbar oder sehr schwer zu kriegen. Die meisten seiner Konzerte wurden nicht aufgenommen. Das erlaubte es ihm, einen Kult und einen Mythos um seine Person zu konstruieren.

The European: Ist ein Mythos immer noch das, wonach viele Künstler streben?
St. Vincent: (zögert) Ich glaube schon.

The European: Wie viel Zeit verbringen Sie mit dem Aufbau Ihres Images? Wir haben vor Kurzem Amanda Palmer interviewt, die uns sagte, dass sie mehr Zeit damit verbringt, Fans zu treffen, als an neuem Material zu arbeiten.
St. Vincent: Sie ist fantastisch und unglaublich großzügig mit ihren Fans – und sie zahlen es ihr mit einer Menge Unterstützung und Loyalität zurück. Es gab diese Kickstarter-Debatte, in der Leute sie der Ausbeutung ihrer Fans beschuldigten. Aber wer sie dafür kritisierte, dem haperte es an einem fundamentalen Verständnis darüber, welche Beziehung sie zu ihren Fans hat …

The European: Sie sagte uns, dass Crowdfunding für sie funktionierte, aber dass es nicht das richtige System für die meisten Künstler sei. Stimmen Sie dem zu?
St. Vincent: Das tue ich. Kickstarter ist kein ideales Medium für etablierte Künstler.

The European: Warum?
St. Vincent: Viele denken: „Warte eine Sekunde, warum sollte ich dir Geld geben?“ Sehr oft gibt es eine Diskrepanz zwischen Berühmtheit und dem Geld auf dem Bankkonto. Ich mag Kickstarter wirklich, aber es wird die finanziellen Probleme nicht lösen, denen viele Künstler gegenüberstehen.

The European: Da Sie über Berühmtheit und das Banale reden: Sie sagten dem „Guardian“, dass Sie wirklich auf das neue Album von Beyoncé stehen, weil es über solch alltägliche Dinge geht – wie Shopping oder …
St. Vincent: Shopping habe ich nicht gesagt! Shoppen gehen ist für Beyoncé sicher keine alltägliche Aufgabe. Mit all den Paparazzi und so.

The European: Sie shoppt wahrscheinlich online – an demselbem Computer, den sie verwendet, um ihre neuen Lieder zu schreiben …
St. Vincent: (lacht) Wahrscheinlich! Aber lassen Sie uns konzentrieren: Was ich an der Platte mag, ist, dass sie darüber singt, wie es ist, eine erwachsene Frau mit einem Mann und einem kleinen Kind zu sein, und dass sie nicht so tut, als ob sie noch sechzehn wäre. Menschen können diese Authentizität oder diese Darbietung von Authentizität nachempfinden.

„Ich hatte nie einen Plan B“

The European: Es war überraschend, zu lesen, dass Sie Beyoncés Musik mögen. Wir stellen uns vor, dass eine Menge Ihrer Fans nichts damit anfangen können – oder gar darüber spotten, weil die Musik zu sehr aus dem Mainstream kommt oder kommerziell erfolgreich ist …
St. Vincent: Möglich. Ich kann mich ehrlich gesagt auch nicht daran erinnern, wie das während des Interviews aufkam, aber ich bin mir sicher, dass es keinen großen Einfluss auf ihre verkauften Platten hat, wenn ich den Leuten sage, wie toll ihr Album ist. Beyoncé braucht keine Hilfe dabei, Platten zu verkaufen. Es ist nicht so, dass ich irgendeine neue, trendige Sängerin empfohlen habe, von der noch nie jemand gehört hat.

The European: Da wir gerade von Erfolg sprechen: Sie haben einmal gesagt, dass Sie noch nie gescheitert sind. Niemals?
St. Vincent: Das muss eine falsche Wiedergabe sein. Ich sagte einmal, dass ich niemals einen Plan B hatte. Es gab und gibt nur die Musik. Die Idee des Scheiterns kam mir nie. Ich war wie ein Roboter, der die Möglichkeit des Scheiterns ausblendet, weil ich so darauf erpicht war, eine Musikerin zu werden. Glücklicherweise hat das für mich irgendwie geklappt. Ich kann meinem jüngeren Ich über den Kopf streicheln und ihr sagen: „Gute Arbeit!“

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Peter Altmaier: „In jedem von uns steckt ein Pirat“

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