Persönliche Daten sind das neue Öl. Andrew Keen

Manns genug!

Mit dem Unwort post-gendering versucht die Piratenpartei, über einen zu geringen Frauenanteil hinwegzutäuschen. Zudem macht sie damit konstruktive Debatten zur Gleichberechtigung von Frauen unmöglich.

Zur Europawahl 2009 war die Welt noch in Ordnung – zumindest was die Piratenpartei angeht. Denn mit Wahlergebnissen mit maximal 2 Prozent befand sich die Partei dort, wo sie hingehört: außerhalb des Parlaments.

Im vergangenen Jahr änderte sich dies, als die Piraten mit 8,9 Prozent in den Berliner Senat einzogen und seitdem Ahnungslosigkeit repräsentieren und politische Weitsicht vermissen lassen.

Seither hat sich viel getan: der Holocaust wurde geleugnet, das Palituch hielt Einzug ins Abgeordnetenhaus, Posten wurden an gute Freund_innen vergeben und Zeitschriften fingen Feuer. Sicher – es handelte sich stets um einzelne Mitglieder der Piratenpartei, doch zeigt dies, dass einigen Pirat_innen politisches Gespür fehlt.

Eine naive Utopie

Mal abgesehen davon, dass das Verbrennen der „Emma“ wegen eines kritischen Artikels über den Frauenanteil der Piratenpartei unfassbar geschichtsvergessen ist, verweist diese Reaktion auf einen Begriff, der im vergangenen Jahr besonders durch Pirat_innen lanciert wurde: post-gender.

Sie seien über die Gender-Debatte hinaus, sagen große Teile der Partei. Daher sei es auch nicht schlimm, dass im Berliner Abgeordnetenhaus neben 14 Männern lediglich eine Frau säße, denn im Vordergrund stünde die Kompetenz. Das klingt charmant. Im Wahlprogramm der Berliner Piratenpartei liest man wohlklingende Dinge wie Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Geschlechterrolle, der sexuellen Identität oder Orientierung ist Unrecht. Gesellschaftsstrukturen, die sich aus Geschlechterrollenbildern ergeben, werden dem Individuum nicht gerecht und sind zu überwinden. Der von der Partei verfolgte Ansatz des post-gendering suggeriert jedoch, dass jene Gesellschaftsstrukturen dadurch überwunden würden, indem eine Debatte über das soziale Geschlecht nicht mehr geführt wird.

Das ist bequem, das ist naiv und es lässt die angesprochene politische Weitsicht vermissen. Das Beharren auf jener Utopie verkennt die virulente Benachteiligung von Frauen und macht diesbezügliche Debatten unmöglich. Warum sollte es ein ausgewogenes Verhältnis von Männern und Frauen geben? Warum sollte es eine quotierte Rednerliste geben? Der Begriff des post-gendering verhindert ein Problembewusstsein darüber, dass es in der aktuellen Gesellschaft ohne Zweifel feste Rollenbilder gibt – auch bei der Piratenpartei.

Nicht post-gendering, sondern Feminismus

Es wäre jedoch ungerecht, zu behaupten, alle Pirat_innen seien so naiv wie der Palituch tragende Gerwald Claus-Brunner. In einem Kommentar in der „taz“ setzt sich die Piratin Julia Schramm durchaus differenziert mit dem Gender-Problem in ihrer Partei auseinander. Bei vielen Dingen, die sie schreibt, hat sie recht und es stellt sich die Frage, warum Schramm den Begriff des post-gendering überhaupt noch verwendet. So sei das Ziel der Pirat_innen ein „Equalismus, die piratige Vorstellung der Gleichwertigkeit aller Menschen“, welcher „den Angriff auf die stereotype Weiblichkeit weiterführen, weiterdenken und auf alle Menschen ausbreiten“ muss. Es gehe um einen Kampf gegen stereotype Geschlechterbilder. Post-gendering bedarf es dafür jedoch nicht. Im Gegenteil. So, wie Julia Schramm diesen Begriff umschreibt, handelt es sich um nichts anderes als einen modernen Ansatz des Feminismus, den viele in der Piratenpartei eigentlich ablehnen.

Post-gendering hingegen stellt einen Widerspruch zum erklärten Ziel der Partei dar. Denn während sie die freie Entfaltung des Individuums fordert, versucht sie ein identitätskonstituierendes Konstrukt abzuschaffen: In der Welt der Pirat_innen darf ich mich nicht darüber definieren, eine Frau sein zu wollen. Und das finde ich schade.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alexandra Schade, Florian Guckelsberger, Alexander Görlach.

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