Es ist gut, dass die Menschen ihr Geldsystem nicht verstehen, denn sonst hätten wir noch vor morgen früh eine Revolution. Henry Ford

Aus Prinzip Hoffnung

Der linke Kampf besteht nur noch aus Rückzugsgefechten, aus Progressiven sind Reaktionäre geworden. Alles was uns Linken bleibt, ist die Hoffnung.

Den Text vorlesen lassen:

Ich verstehe mich als links. Laut der Freien Universität Berlin bin ich sogar linksextrem. Ich finde das okay. Seitdem ich politisch sozialisiert wurde, war ich links und tief in meinem Herzen hoffe ich, dass das so bleibt. Denn die Angst, im Fall der Fälle doch noch irgendwie zum Konterrevolutionär zu werden, besteht. Nicht nur bei mir. Kein Witz.

Der konservative „SPON“-Kolumnist Jan Fleischhauer schrieb unlängst in seiner Kolumne, Konservative seien die glücklicheren Menschen. Das Problem ist: Er hat recht. Konservativen geht es um den Erhalt des Status quo und solange dieser gut lebbar ist, bleibt fast nichts anderes übrig, als zufrieden zu sein. Linke hingegen sehen vornehmlich das Übel in der Welt – und die eigenen Privilegien sind stets Teil dessen. Ich bin weiß, männlich, habe Akademikereltern, darf studieren, habe einen deutschen Pass – all das macht mich in der heutigen Gesellschaft zu einem besseren Menschen – leider. All das steht für unzählige Übel dieser Welt. Sich dessen bewusst zu sein, verhindert quasi automatisch, wirklich froh darüber zu sein.

Für Gilles Deleuze ist Linkssein im Grunde genommen eine Wahrnehmungsfrage. Während Konservative ihre Welt wie eine Postadresse betrachten, sei es bei Linken genau anders herum. Der esoterisch-naive Satz, man sei Weltbürger, steht dann als Antipode zu „mein Haus, meine Straße, mein Block“. Und das bringt Probleme mit sich: Während das konservative Ich bei eigenem Wohlergehen vollkommen zufrieden mit der Welt sein kann, erblickt das linke Ich stets neues Leid am Horizont, auf dessen Behebung es hofft.

Freiheit, Gleichheit, Solidarität oder was auch immer

Die Hoffnung ist an dieser Stelle zentral, denn – und hier sind wir beim Kernproblem angelangt – mehr ist der Linken nicht geblieben. Wir leben in einer Welt, in der zumindest aus linker Sicht alles den Bach runter geht: Griechenland wird von einem neoliberalen deutschen Finanzminister zugrunde gerichtet, der vorhat, die deutsche Dominanz in Europa endlich wiederherzustellen und zu manifestieren. In Berlin wird wieder öffentlich „Juden ins Gas“ gerufen, ohne dass die Staatsgewalt eingreift. Beinahe täglich brennen Flüchtlingsunterkünfte und CDU-Politiker_innen reden immer noch von „Asylkritikern“ statt nationalistischen Rassisten. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, erlässt die Große Koalition ein neues Einwanderungsgesetz, das die Lage der Geflüchteten verschlimmert. Das ehemalige Schlachtross Linksdenkender, die SPD, wird von einem Parteivorsitzenden angeführt, der mit „Bild“-Rhetorik gegen „die Griechen“ hetzt und die umstrittene Vorratsdatenspeicherung gegen jeden Widerstand der Basis durchpeitscht. So hoffnungsvoll stimmende Demonstrationen wie jene in Spanien, Portugal, Griechenland oder den USA sind mehr oder weniger im Sande verlaufen und die wohl größte Krise des Kapitalismus hat dem System vor allem eines eingebracht: Profit. Man kann nicht mal behaupten, dass ihm die Krise irgendwie geschadet hätte. Stattdessen wird seit 2008, spätestens 2010, noch rigider neoliberalisiert. Kurzum: Aus linker Sicht ist die Welt am Arsch und es beschleicht einen, also mich, das Gefühl, dass sich daran nichts ändern lässt.

Linker Protest und linkes Engagement bestehen seit geraumer Zeit ausschließlich aus Rückzugsgefechten. Flüchtlingsheime werden beschützt, Naziaufmärsche verhindert, gegen TTIP protestiert – Linkssein bedeutet momentan vor allem Dagegensein. Und das ist nicht mal ein Vorwurf. Schließlich wäre es um die Gesellschaft wesentlich schlechter bestellt, wenn es diese Proteste nicht gäbe. Allein: Linke sind in eine Situation geraten, in der kaum noch die Aussicht darauf besteht, Energie oder Zeit darauf verwenden zu können, für etwas zu sein. Freiheit, Gleichheit, Solidarität oder was auch immer. Klar, das sind weiterhin die proklamierten Ideale. Mehr aber auch nicht.

Spätestens seit Karl Marx hängt die Linke an einer bestimmten Zeitvorstellung: Es geht voran, immer dem Ende entgegen, mit messianischer Vorfreude auf den Kommunismus wartend. Das ist freilich zugespitzt, aber auch 150 Jahre nach Erscheinen des „Kapitals“ hält sich diese Zeitvorstellung in der linken Philosophie: Auslöser, Zwischenzeit, Paradies. Man lese nur Agamben, Badiou, Žižek oder auch Foucault – sie alle stehen für eine Philosophie, in der Bereitschaft und in letzter Konsequenz Hoffnung beschworen werden.
Hardt und Negri vertrauen in die Multitude, obwohl es nicht mal die arbeitende Klasse schafft, so etwas wie ein Klassenbewusstsein auszubilden. Andere einflussreiche Denker der Linken wie Adorno oder Benjamin sind entweder gescheitert, etwas ausfindig zu machen, das eine Revolution tragen könnte (Letzterer); oder vermitteln den Eindruck, die Hoffnung, dass sich irgendwann etwas zum Guten ändert, aufgegeben zu haben (Ersterer).

Was mit der Kritik passiert, ist unklar

Diese intellektuelle Situation kommt natürlich nicht von ungefähr: Spätestens seit Margaret Thatcher und Ronald Reagan wird alles demontiert, was man einmal als linke Einhegung des Kapitalismus bezeichnen konnte. Aus Wohlfahrtsstaat wurde Sozialstaat wurde aktivierender Staat, der Sozialleistungen eher als Drohung denn als Hilfe begreift. Die Errungenschaften der Linken aus den 60er- und 70er-Jahren wurden genauso vom Kapitalismus inkorporiert wie so ziemlich jeder öffentliche Sektor, der nun nach privatwirtschaftlichen Maximen organisiert wird. Selbstverständlich gibt es eine kritische Soziologie, die all das – nun ja – kritisiert, die Situation analysiert und die Widersprüche und Probleme aufzeigt. Doch was genau mit dieser Kritik passiert, ist unklar.

Es ist eine Lage entstanden, in der die Theorie mit zunehmender Präzision die Fehler des Systems benennen kann, es jedoch nicht schafft, Auswege aufzuzeigen. Wenn der linke Politikwissenschaftler Ulrich Brand auf einer Veranstaltung die Trennung zwischen dem „Pessimismus des Verstandes“ und dem „Optimismus des Willens“ aufmacht, ist die Lage der Linken exakt benannt: Hören wir auf unseren Verstand, müssen wir uns von der Idee verabschieden, dass es in absehbarer Zeit eine Verbesserung globaler Zustände geben wird. Es spricht schlicht nichts dafür. Uns bleibt nur: die Hoffnung. Oder eben der Optimismus des Willens, irgendwann doch noch eine neue, bessere Ordnung errichten zu können.

Mir scheint, dass nur unter diesen Vorzeichen die linke Theorie vollends verständlich wird. Die Suche nach „Brüchen“ und „Bruchlinien“ im System (Foucault, Badiou), das Vertrauen in sich vollkommen anonym gegenübertretende Menschen (Hardt & Negri) und das Bekenntnis zu Analyse und Pause (Žižek) sind ein Spiel auf Zeit. Der linken, linearen Zeitvorstellung folgend wird der Tag des jüngsten Gerichts, des Umbruchs und der Revolution rhetorisch in die unmittelbare Zukunft gerückt. Man könnte – sehr polemisch zwar – behaupten, dass die Linke momentan in Erlösungsfantasien verharrt. Das momentane Leben ist der zu überbrückende und zu erleidende Zustand, bis uns „das Ereignis“ den Weg ins Paradies weist.

Erfolg ist nur ein Erfrischungstuch

Dass dieses Ereignis, grob gesagt, etwas ist, das sich momentan nicht beschreiben lässt, dementsprechend nicht vorhersagbar geschweige denn erzeugbar ist, zeugt indes vor allem von Ideenlosigkeit. Linke Theorie scheint in weiten Teilen nicht in der Lage zu sein, der Mär der Alternativlosigkeit des Kapitalismus etwas entgegenzusetzen. Sicher, das Prinzip There is no alternative ist hinreichend dekonstruiert und als Mär identifiziert. De facto aber ist der Kapitalismus insofern alternativlos, als dass es derzeit keine mobilisierende Alternative gibt. Dass es Ideen von Sozialismus und Kommunismus, von Weltgesellschaft und globaler Gerechtigkeit gibt, steht außer Frage – dass es diesen Ideen an Vorstellungen der konkreten Realisierbarkeit mangelt, allerdings auch.

Die kapitalistische Gesellschaft ist eine Totalität. Soziologisch gesprochen meint dies, dass alles in ihr aufgeht. Für das Individuum, also für mich, bedeutet das, dass alles so starr wie stark, so groß wie unbesiegbar erscheint. Zwar halten einzelne „Teilsiege“ die Hoffnung auf Besserung am Leben. Aber irgendwie doch nur, um sie sofort wieder zu enttäuschen. In Griechenland kommt eine linke Regierung an die Macht? Auf den Freudentaumel folgt Wolfgang Schäuble. Erfolg ist nur ein Erfrischungstuch.

Was bleibt, ist eine Linke, die – auf den genialen Einfall wartend – die Stellung zu halten versucht. Taktiken, wie das funktionieren kann, gibt es. Doch bestehen sie aus Dagegensein und Rückzugsgefechten. All das ist unerlässlich. Kritik muss formuliert, Protest geübt, Solidarität versichert werden. All das aber macht das Linkssein derzeit so schwierig. Linkssein ist Reaktion geworden und wann es wieder Aktion wird, ist nicht absehbar. In diesem Sinne muss ich mich wohl damit abfinden, ein Reaktionärer zu sein. Im wahrsten Sinne des Wortes: auf den Neoliberalismus reagierend, abwehrend, kritisierend, geifernd, aber eines eben nicht: gestaltend.

Was also ist Linkssein? Am Horizont das Elend der Welt erkennen und hoffen, dass es besser wird. Das gilt heute mehr denn je. Aus Prinzip!

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