Unter Aufbaudiät verstehen die Ärzte ein totes Huhn, das man in heißem Wasser ausgewrungen hat. John Wayne

Den Lebenden die Toten

Die Kunstaktion „Die Toten kommen“ hat eine Debatte ausgelöst. Kritiker_innen reagieren harsch: Alles ist ihnen zu symbolisch. Dabei liegt genau darin die Stärke der ganzen Aktion.

Zumindest in deutschen Städten dürften es inzwischen Hunderte sein: kleine, symbolische Gräber, die an die toten Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen erinnern sollen. Spätestens seit Sonntag, als – je nach Zählung – zwischen 5.000 und 10.000 Demonstrant_innen die Wiese vor dem Reichstagsgebäude „stürmen“, um dort einen Friedhof für die im Mittelmeer und anderswo sterbenden Flüchtlinge zu errichten.

Schon vor Beginn des „Marsches der Entschlossenen“ war man sich uneins, was von der Aktion „Die Toten kommen“ des Zentrums für politische Schönheit (ZPS) zu halten sei. Von Leichenfledderei, politischer Pornografie und Entwürdigung der Opfer war die Rede. Ganz so, als hätte man einem über Wochen in einem Kühlhaus „zwischengelagerten“ Menschen noch irgendeine Würde gelassen. Dem entgegen stand natürlich eine ebenso einseitige Begeisterung für die an Christoph Schlingensief erinnernde Inszenierung und Thematisierung eines der drängendsten Probleme der deutschen Außenpolitik.

Als am Sonntag also die Bauzäune rund um den frisch gesäten deutschen Rasen fallen und Dutzende kleiner Gräber direkt vor dem Reichstag entstehen, ist klar, dass sich deutsche Journalist_innen in ähnlicher Weise wie zuvor auf die Aktion stürzen würden. Überraschend ist jedoch der sehr negative Tenor der Kritik. Mal abgesehen von bürgerlicher Empörung über einen Rasen, der nun gar nicht mehr so schön grün ist, liefern einige Journalist_innen Kritikpunkte, die es sich lohnt, genauer zu betrachten.

Die Journalistin überschätzt das Publikum

So kritisiert etwa Hannah Beitzer in der „SZ“, das ZPS schade mit der pathetischen Inszenierung dem eigentlich Zweck, da nur noch über die Mittel der Künstler_innen gesprochen werde, statt über das eigentliche Thema. Und:

Was bleibt aber? Das ZPS will zum Nachdenken anregen, aufrütteln, aufwecken. Nur wen eigentlich? Die Deutschen, die täglich mit dem Schicksal der Flüchtlinge konfrontiert sind, in den Medien, aber vielmehr noch in den Städten und Dörfern, in denen immer neue Unterkünfte gebaut werden? Es entsteht schnell der Eindruck: Die Künstler unterschätzen ihr Publikum.

Was angesichts solcher Zeilen entsteht, ist der Eindruck, dass Frau Beitzer aufgrund ihrer guten Bildung das Publikum überschätzt. Wenn nur zwei Tage später ein rechter Mob im sächsischen Freital aufmarschiert, um Lichtenhagen neu zu inszenieren, so vermittelt zumindest dieser Teil des Publikums nicht gerade den Intellekt eines einsichtigen Zuschauers. Der Fakt, dass die Flüchtlingsproblematik durchaus seit Wochen in den Medien und in der Politik verhandelt werden, garantiert noch lange nicht, dass davon irgendwas bei den Menschen ankommt, die nicht ohnehin offen sind für derartige Problemlagen. Denn sind wir ehrlich, dann müssen wir konstatieren, dass die Macht der Medien gerne mal überschätzt wird – gerade wenn es um Themen geht, die Menschen entweder gar nicht oder sehr direkt betreffen. Im ersten Fall scheint das Interesse einfach nicht allzu groß zu sein – daran ändert auch das von Beitzer angenommene mediale Dauerfeuer über Flüchtlinge nichts. Im zweiten Fall will man von den neunmalklugen Medien nichts wissen, weil dieser kriminelle Ausländer schließlich in der ganz eigenen Nachbarschaft angesiedelt wird.

Indem Beitzer so tut, als wäre abseits deutscher Großstädte, in denen Migrant_innen und Geflüchtete zum Alltag gehören, ein ausreichendes Bewusstsein vorhanden, scheint sie dem Thema gewissermaßen einen Riegel vorzuschieben. „Wozu noch mehr Aufmerksamkeit? Selbst Jean-Claude Juncker hat schon was dazu gesagt!“, scheint sie sagen zu wollen. Na dann. Als würde sich ein Rentner in der Steppe Vorpommerns für das interessieren, was Jean-Claude Juncker sagt! Dass die „SZ“-Autorin obendrein so wirkt – und nicht nur sie –, als hätte sie in den vergangenen Monaten nichts von brennenden Flüchtlingsheimen und -wohnungen gelesen – geschenkt.

Die Menschen sind besessen vom Tod

Klar, man kann bestimmte Aspekte der Kritik teilen. Werden die Mittel zu drastisch, lenken sie zu sehr vom Thema ab. Diskutiert wird dann über die Form, nicht über den Inhalt. Andererseits wirkt die Empörung über Särge, öffentliche Begräbnisse und einen symbolischen Friedhof vorgeschoben, denn so drastisch die Darstellung auch sein mag: Zu keinem Zeitpunkt der Aktion hat sie den Inhalt zu verdecken vermocht. Weder auf dem Begräbnis, auf dem auch in der Rede des Imams das Thema Inhalt war, noch auf dem „Marsch der Entschlossenen“, der natürlich kein Trauermarsch, sondern eine Demonstration ist, auf der Inhalte natürlich eine Rolle spielen. Das Neue, was die Kritiker_innen zu stören scheint, ist die Symbolik. Ihnen ist alles zu symbolisch. Dabei besteht genau darin das Verdienst (und der Selbstanspruch) des Zentrums: Es schafft eine Symbolik, die es überhaupt erst vermag, für ein politisches Problem empfänglich zu machen.

Die Menschen sind besessen vom Tod. Die meisten haben Angst vor ihm, sie zögern ihn hinaus und: Sie verschließen die Augen vor der Tatsache, dass die Toten für sie auf den Friedhöfen liegen. Nicht für die Toten. Damit die Lebenden trauern können, damit die Lebenden sich erinnern können, damit die Lebenden mahnen können, liegen die Toten da. Insofern ist ein Grab, das hier zum Symbol wird, nicht einfach eine Ruhestätte – es ist immer ein Symbol, das von jeher instrumentalisiert wurde, ob im Privaten oder im Öffentlichen. Woher also kommt plötzlich die Empörung, wenn ein Grab dazu instrumentalisiert wird, die deutsche und die europäische Abschottungspolitik anzumahnen? Weil die Instrumentalisierung plötzlich für jeden sichtbar wird?

Schließlich ist dies ein gern erhobener Vorwurf: „Auf dem Rücken der Toten …“ Ja, auf dem Rücken der Toten, so wie auf dem Rücken anderer Toter unzählige andere politische Projekte ausgetragen werden. Der Unterschied besteht allein darin, dass das Zentrum für politische Schönheit keinen Hehl daraus macht. Viel zu deutlich ist die politische Agenda hinter der Aktion. Dass es nie nur um die Wiederherstellung der Würde der toten Flüchtlinge ging, war von Anfang an klar. Darin steckt etwas Radikales, weil es mit den Gewohnheiten spielt. Der Tod ist eben heilig. Selbst wenn es um Tote geht, von denen wir bis eben noch gar nichts wussten.

Dass es dabei vor allem um Aufmerksamkeit geht, ist auch klar, womit wir wieder bei der Frage wären, was öffentliche Aufmerksamkeit denn nun bringt. Für das ZPS ist sie nur Mittel zum Zweck. Anzunehmen, es erhoffe sich davon ein Einlenken der Politik, wäre naiv. Schenkt man Philipp Ruch Glauben, dann hat auch er „den Glauben an die Macht von Information“ verloren. Sie ist also nur ein Zwischenschritt, um „der politischen Schönheit“, die nicht mehr aber auch nicht weniger als die Geste ist, den Weg zu ebnen.

Ein Kunstwerk Benjamin’schen Typs

Betrachten wir „Die Toten kommen“ noch mal mit etwas Abstand, ergibt sich ein recht ausgeklügeltes Bild, das Walter Benjamin helle Freude gemacht hätte: Mit einem Akt von Schönheit, also dem Begräbnis, wird Öffentlichkeit generiert, die genutzt wird, zu einem „Marsch der Entschlossenen“ aufzurufen. Dessen einziger Zweck besteht darin, eine neue, viel stärkere Symbolik zu schaffen: das deutschlandweite, dezentrale, unorganisierte Ausheben symbolischer Gräber.

Viel deutlicher kann man die Kritik des Sich-selbst-Abfeierns nicht ins Leere laufen lassen. Denn so zentral das ZPS zuvor für die ganze Aktion war, so bedeutungslos ist es jetzt für deren Fortlauf. Einige Tage oder Wochen lang werden überall weitere Gräber entstehen – vielleicht sogar in der Steppe Vorpommerns. Und weil der Tod heilig ist, werden diese Gräber zum Nachdenken anregen – selbst den Opa in Vorpommern. Wenn er auf dem örtlichen Marktplatz vor einem Grab aus seinem Eierkauf-Alltag gerissen wird, wird auch er wissen: Da sterben Menschen. Und es gibt jemanden, der um sie trauert.

Was das Zentrum für politische Schönheit damit geschaffen hat, ist ein Kunstwerk Benjamin’schen Typs: losgelöst vom Künstler, die Reproduzierbarkeit inhärent in sich tragend, ist es politisierte Kunst, die es eventuell schafft, etwas zu bewegen, weil sie mit Emotionen interagiert.

Weit schwerer wiegt die Kritik, die Ines Kappert in der „taz“ übt: Die Konzentration auf die Toten vergesse die Lebenden. Und ja, zu Beginn von „Die Toten kommen“ bestand die Kritik vor allem darin, den Umgang mit Leichen zu geißeln. Das gehörte zum Programm, den Tod als Symbol zu verwenden. Dass es lebende Geflüchtete gibt, die drangsaliert, diskriminiert und unwürdig behandelt werden, kann darüber leicht in Vergessenheit geraten. Aber unterschätzt hier die Journalistin das Publikum, das nicht weiter denken kann, oder wird es von den Künstler_innen überschätzt? Vermutlich beides. Gleichsam lässt sich auch hier anführen: Die Toten existieren nur für die Lebenden. Und das gilt für beide Seiten: für die Künstler_innen, die erinnern, wie für die Flüchtenden, an die eigentlich erinnert werden soll, denn sie sind es, die schlimmstenfalls getötet werden.

Das Ziel ist das Ziel

Am Ende aber steht dennoch der Zweifel: Was nun? Die Toten sind da – symbolisch. Lösungen für die Lebenden fehlen. Die Frage aber ist auch: Ist es die Aufgabe der Kunst, Lösungen zu präsentieren oder nicht viel eher, Fragen aufzuwerfen und bisher nicht Gedachtes denkbar zu machen? Gemäß der letzten Sätze des Essays von Ruch, der das bisher fundierteste Dokument der Ansprüche des ZPS zu sein scheint, muss diese wohl verneint werden:

„Das klingt ,zu schön, um wahr zu sein‘? — Genau das bildet die Substanz der Suche nach politischer Schönheit.“

Es geht um die Suche nach dem Möglichen, das zu schön scheint, um wahr werden zu können. Ein Beispiel dafür wäre ein Friedhof vor dem Reichstag, der toten Flüchtlingen gemahnt. Ein anderes eine Gesellschaft, die nicht nur die Menschenwürde der eigenen Bürger_innen achtet, sondern aller. Die Aufgabe von Kunst aber ist es nicht, den Weg dorthin vorzugeben, denn das wäre Politik. Und auch, wenn das ZPS politisierte Kunst macht, so bleibt es Kunst. Und die denkt ein Ziel, keinen Weg.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sören Musyal: Aus Prinzip Hoffnung

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