Mainstream ist eigentlich nur uncool, wenn du Alternative sein willst. Rea Garvey

Fuck the System ...

… wenigstens ein bisschen.

Widersteht man dem starken Drang angesichts des Kommentars von Michael Kröger auf „Spiegel Online“, den Kopf auf den Tisch zu schlagen; und schafft man es, die darin ausformulierte Kritik am neuerlichen Streik der GDL ernst zu nehmen, liefert der „Spiegel“-Journalist reichlich Argumente, den ohnehin gerechtfertigten Streik unterstützen zu wollen.

Unter der Überschrift „Weselsky rüttelt am Deutschland-Prinzip“ beklagt Kröger die Sabotage des deutschen Erfolges der letzten Jahre, der auf eben jenem Deutschland-Prinzip beruhe:

Konsens statt Konfrontation – diese Formel ist zum Betriebssystem für das Erfolgsmodell Deutschland geworden. Darin spiegelt sich der tiefsitzende Wunsch unserer Gesellschaft wider, dass alles, selbst der Konflikt, funktional zu sein hat. Selbst ein Streik soll bitte schön Regeln folgen und fahrplanmäßig sein Verhandlungsziel erreichen.

Konfrontation statt Konsens

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Konsens statt Konfrontation. Das liest sich nicht nur nach Erfolg durch still zu erduldende Ausbeutung – das ist auch so gemeint und gewünscht. Die Behauptung, es handele sich dabei auch noch um einen „tiefsitzenden Wunsch unserer Gesellschaft“ kann in diesem Kontext nur als Verspottung deutscher Arbeiter_innen gesehen werden.

Schließlich ist es kein Geheimnis, dass der deutsche Wohlstand (der freilich kein deutscher, sondern ein klassenbezogener ist) auf nichts anderem als Niedriglöhnen basiert. Die Behauptung eines gesellschaftlichen Wunsches nach genau diesen, ist nichts weiter als eine reaktionäre, bürgerlicher Attitüde, die versucht zu überspielen, worum es beim Streik der GDL – und auch beim Streik der Erzieher_innen und Postbot_innen der Deutschen Post – geht.

Klar: Ganz konkret geht es um bessere Bezahlung, um das Beharren auf dem Streikrecht, um gesellschaftliche Anerkennung. Auf einer tieferliegenden Ebene aber offenbaren die derzeitigen Streiks, dass – erstens – kein Konsens über die zu erleidende Ausbeutung besteht, und – zweitens – dass Arbeitskampf noch immer (trotz SPD und DGB) das Potenzial bietet, die Gesellschaft etwas besser zu machen.

Spätestens seit der Agenda 2010 tut die Regierung gleich welcher Parteien ihr Bestes, den Neoliberalismus zur Grundsäule des Staates aufzubauen. Kröger nennt es das „Deutschland-Prinzip“, ich nenne es die gnadenlose Ausbeutung, Mobilisierung, Aktivierung und Diskriminierung potenzieller Arbeitskräfte. Wenn Kröger nun vom oben beschriebenen Konsens spricht, so hat er nicht ganz unrecht. Die Krux aber ist: Dieser Konsens besteht nicht, er soll hergestellt werden. Wir – die Menschen – sollen froh sein, Arbeit zu haben – egal zu welchen Bedingungen. Als „Leistung muss sich wieder lohnen“ wurde das vor ein paar Jahren mal angeboten, als „Für Deutschland“ wird es heute verkauft, wenn immer wieder von der Konkurrenzfähigkeit gegenüber China und den osteuropäischen Ländern geredet wird.

Das Funktionieren des Systems hängt von Menschen ab

Und man muss zugeben: Das hat wunderbar funktioniert. Ein schneller Blick auf Leserkommentare unter einschlägigen Artikeln genügt, um zu sehen, dass die Empörung über den Bahnstreik nicht unbedingt von der geplatzten Pfingstreise herrührt, sondern vom vermeintlich drohenden Ruin Deutschlands. Dass sich darin aber die ganze Paradoxie dieser scheinheiligen Empörung offenbart, entgeht den meisten. Denn, wenn die Lokführer_innen Deutschland ruinieren können, dann beruht der zu ruinierende Wohlstand überhaupt erst auf ihrer Arbeit: der Distribution von Waren (dazu zählt dann auch die Arbeitskraft Mensch). Wenn nun die GDL zum Streik aufruft, dann geht es auch um die Anerkennung eben dieser Tatsache. Deutschlands wirtschaftlicher Erfolg steht und fällt mit einer funktionierenden Infrastruktur und die Berufsgruppen, die diese reproduzieren, haben das Recht, für eine angemessene Wertschätzung (monetär und symbolisch) zu kämpfen.

In diesem Sinne können auch die Streiks der Postbot_innen und Erzieher_innen in die Reihe aufgenommen werden. Bei diesen Berufen handelt es sich nicht um wertschöpfende, sondern um systemreproduzierende. Sie erwirtschaften also keinen Mehrwert, sondern sie ermöglichen dessen Erwirtschaftung durch Reproduktion des Status quo. Sie sind damit unverzichtbar und gleichzeitig unsichtbar. Das sinnbildlichste Beispiel dafür sind eigentlich Reinigungstrupps, die nachts Büros aufräumen, um die Arbeit, die tagsüber verrichtet wird, überhaupt erst zu ermöglichen. Ihre Aufgabe ist die Beseitigung des immer wiederkehrenden Chaos, die Wiederherstellung des Status quo eben.

Diese Berufe waren lange dem Vergessen anheimgefallen, was sich nicht zuletzt in einer ungerechten Bezahlung und gesellschaftlichen Anerkennung niederschlägt. Die Streiks in gleich drei dieser Branchen erregen nun endlich etwas Aufmerksamkeit.

Dass diese Aufmerksamkeit erst wieder erregt werden musste, zeigt aber auch, dass die Menschen vergessen haben, dass auch das System, das Funktionieren der Welt um uns herum, von Menschen abhängt. Zumindest teilweise. Während das Verständnis für die Erzieher_innen in Kitas groß ist, schwindet die Solidarität mit den Lokführer_innen; dass die Postbot_innen streiken, hat wohl kaum jemand mitbekommen. Worin also liegt nun der Unterschied? Ganz einfach: Niemand kann sich vorstellen, sein Kind von einer Maschine erziehen zu lassen. Menschenkontakt ist obligatorisch, man ist sich über die Notwendigkeit von Erzieher_innen bewusst. Anders ist das bei Lokführer_innen, die im Führerhaus mit der Maschine zu verschmelzen scheinen. Waren werden von Zügen (oder LKW, Schiffen etc.) transportiert – nicht von Menschen. Umso größer ist nun die Überraschung, dass da so ein sächsischer Wicht mit Schnauz aus dem Zug steigt und „das halbe Land lahmlegt“.

Profit um jeden Preis

Dabei ist genau diese Erkenntnis unendlich wichtig. Die Welt, in der wir uns bewegen, ist kein Selbstläufer. Sie hängt von Menschen ab, die die Macht haben, Dinge zu verändern. Ob zum Guten oder zum Schlechten, sei erst mal dahingestellt und das ist eigentlich auch egal. Schließlich geht es den Deutschland-Prinzip-Apologet_innen um Reibungslosigkeit. Der Faktor Mensch hat da keinen Platz. Es ist daher nicht überraschend, dass der Mensch, der nun gerade aus dem Führerhäuschen des ICE gestiegen ist, sofort wieder zum Verschwinden gebracht werden soll:

Nicht nur technikbegeisterte Nerds können sich eine Bahnfahrt ohne Lokführer vorstellen. Wenn Computer bald sogar Autos steuern, warum nicht auch den Zug? Die Regierung sollte sich vom strittigen Einheitsgesetz nicht viel versprechen und lieber das Streikrecht ändern. Viele Länder in Europa schreiben für Bereiche wie Gesundheit, Erziehung oder Verkehr vor, dass geschlichtet werden oder ein nennenswerter Teil der Belegschaft für einen Streik stimmen muss. Warum nicht auch in Deutschland?

Nicht nur, dass hier mit der langfristigen Abschaffung der durch die GDL bestreikten Jobs gedroht wird, obendrein wird eine Änderung des Streikrechts gefordert, die ausschließlich den reibungslosen Ablauf der kapitalistischen Gesellschaft zum Ziel hat – also dem Streikrecht an sich Hohn spricht. Auch hier gilt: Funktionieren, oder viel eher Profit, egal zu welchem Preis.

Der Mensch hat sich dem System zu beugen. Wenn nicht, droht er bzw. seine Existenz, die leider immer noch stark an den Beruf gebunden ist, auf dem Müllhaufen der Geschichte zu landen. Es geht um die Ausschaltung des Faktors Mensch im wirtschaftlichen Betrieb, der uns ohnehin als naturwüchsige und damit nicht hinterfragbare Ordnung erscheint.

Die Streiks der Lokführer_innen, der Erzieher_innen und der Postbot_innen haben einen Kratzer in den Lack der perfekt funktionierenden Wirtschaft geschlagen, die vorgibt, über den Dingen zu stehen. Sie haben aufgezeigt, dass wir auch heute in einer globalisierten, mitunter postdemokratischen Gesellschaft die Chance zur Intervention haben. Es bedarf nicht allzu viel und das System gerät ins Stocken.

Seid der Sand im Getriebe!

Diese Einsicht enthält enorme Sprengkraft. Nicht umsonst wird gerade nun in aller Konsequenz jener Glaube an Deutschland, an den Volkskörper, beschworen, der in „Geiselhaft“ genommen werde. Mit dieser Rhetorik wird versucht, die Streikenden zu einer Minderheit zu deklarieren, die die Interessen der Nation bedrohen. In Wirklichkeit bedrohen sie die Interessen einiger weniger und treten ein für die vielen, die bisher dem Glauben aufgesessen sind, nicht mehr als ein funktionierendes Teilchen im kybernetischen Gesamtbild Deutschlands sein zu dürfen. Reibungslosigkeit ist eine Illusion, die mit aller Macht aufrecht erhalten werden soll, die mit der Behauptung des Konsens, des allgemeinen Interesses, vor der Desillusionierung geschützt werden soll.

Wenn nun über Pfingsten die Bahnen still stehen, dann stehen nicht Bahnen still, sondern die Menschen, die diese steuern. Es ist ein Akt der Sabotage, um Interessen gegen eine Minderheit durchzusetzen. Und es ist ein Akt, der wiederholbar ist, wobei eine Wiederholung freilich immer anders, immer neu sein wird.

Die GDL hat ohne Frage eine privilegierte Stellung inne, was den Eingriff in das System angeht. Wenn aber das Ziel der Deutschland-Prinzipien-Reiter_innen der reibungslose Ablauf des wirtschaftlichen Alltags ist, dann kann auch ein kleines Zahnrad diesen Ablauf stören. Dann können auch die Busfahrer_innen einer Kleinstadt Sand im Getriebe sein und zeigen, dass es Menschen sind, die das System gestalten. Dass die Wirtschaft dem Menschen zu dienen hat und nicht andersrum. Dann hat jede_r die Möglichkeit, einer alten Aufforderung von Blumentopf zu folgen: Fuck the System! Wenigstens ein bisschen …

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sören Musyal: Aus Prinzip Hoffnung

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Kolumne

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von Heinrich Schmitz
09.05.2015
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