Ein Angriff auf die Inkonsequenz

von Sören Heim19.03.2015Gesellschaft & Kultur, Medien

Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ wurde als Hetze gegen den Islam interpretiert, als Schreckensszenario. Das ist schlicht falsch. Das Buch ist eine feinfühlige Auseinandersetzung mit Transzendenz und Doppelmoral.

Die Aufregung hat sich rasch gelegt. Kein Wunder. In einer Zeit, in der selbst andauernde Kriege in den Nachrichten bald wieder hinter Promihochzeiten und Sport zurückzutreten haben, kann man kaum erwarten, dass ein Roman viel länger als eine Woche die Gemüter erregt. Nun da man die Chance hat, ihn zu lesen, trauen sich nur noch wenige, an Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ herumzumäkeln. Vielleicht auch, weil einzelne Feuilletonisten früh ihrer Aufgabe nachkamen und die moralisierende Kritik am Roman in die Schranken wiesen. So stellte “Nils Markwardt”:http://www.zeit.de/kultur/literatur/2015-01/michel-houellebecq-charlie-hebdo-roman/komplettansicht fest:

bq. In Bezug auf die Frage „Wer spricht?“ treibt Houellebecq mit dem Leser somit ein veritables Katz-und-Maus-Spiel. In der Tat lockt er uns zunächst auf die Fährte, François, den Protagonisten des Romans, als eine Art Alter Ego des Autors zu lesen (…) Dass man dieser Lesart jedoch nicht umstandslos folgen sollte, macht Houellebecq wiederum schon in der Jobbeschreibung seines Antihelden deutlich. Dieser arbeitet nämlich an der Pariser Sorbonne als Professor für Literaturwissenschaft, der sich zudem noch auf Joris-Karl Huysmans spezialisiert hat.

Der Islam ist die einzige Religion, die noch Gesellschaften formen kann

Richtig. Zu überraschen vermag eigentlich nur, wie man einen Roman überhaupt so hysterisch fehl lesen kann, “wie es etwa Rudolf Balmer in der „taz“ tat”:http://taz.de/Roman-von-Michel-Houellebecq/!152330/, wo doch genau diese Spielereien offensichtlich auf den ersten fünf Seiten vorexerziert werden. „Lies mich mit Blick auf Huysmans“, sagt „Unterwerfung“, und damit immer auch: „Lies den Islam des Protagonisten François hinsichtlich des Katholizismus Huysmans.“ Denn in erster Linie ist „Unterwerfung“ kein Roman über eine Machtübernahme von Islamisten. Auf der allgemeinen Ebene lotet Houellebecq vielmehr aus, ob Gesellschaft ohne verbindende Transzendenz längerfristig möglich sei. Dass er hierbei auf den Islam rekuriert, ist folgerichtig. Tatsächlich zeigt sich dieser in der Neuzeit als einzige Religion, die noch fähig ist, Gesellschaften – lassen wir das erst mal so wertneutral stehen – zu formen.

Houellebecqs geschickter Kniff besteht nun darin, im Roman neben den Sozialisten auch all die Nationalkonservativen und Nietzscheaner, eben die selbsternannten “Verteidiger des Abendlandes”:http://www.theeuropean.de/hasso-mansfeld/9461-pegida-keine-bastion-westlicher-ideale einsehen zu lassen, was unter anderem in “christlichen Initiativen zur Verschärfung des Blasphemie-Paragrafen im Anschluss an islamistische Attentate zu erahnen ist”:http://www.focus.de/politik/deutschland/oeffentlichen-frieden-sichern-csu-will-blasphemie-haerter-bestrafen_id_4400405.html. Dass nämlich ein „Euroislam“ tatsächlich ein dankenswerter Bündnispartner aller Gegner der von Salman Rushdie so schön auf den Punkt gebrachten westlichen Freiheiten sein könnte: „Küssen in der Öffentlichkeit, Schinken-Sandwiches, offener Streit, scharfe Klamotten, Kino, Musik, Gedankenfreiheit, Schönheit, Liebe.“

Im Roman bezeugt dieses Bündnis der Universitätsrektor, einstiger christlicher Nationalist und nun Islamkonvertit Rediger:

bq. Der ganze Artikel war ein einziger Aufruf an seine früheren traditionalistischen und identitären Freunde. Es sei tragisch (…), dass eine irrationale Feindseligkeit gegenüber dem Islam sie daran hindere, die folgende Gewissheit nicht [sic!] zu erkennen: Sie seien in den wesentlichen Punkten im völligen Einklang mit den Moslems.

Die folgende Umgestaltung der Gesellschaft ist dabei ausgerechnet eine Feier des nationalkonservativen Flügels des Wirtschaftsliberalismus von Teilen des FN über Wilders bis UKIP, in dessen Sinne die Islamisierung abläuft. Arbeitslosenhilfe und Gelder für staatliche Schulen werden gestrichen. Nur macht das eben nicht die christliche Familie als Keimzelle der Gesellschaft, sondern muslimische Familienmodelle und von Ölmonarchien finanzierte Koran- und Eliteschulen attraktiv. Der Islam substituiert in „Unterwerfung“ bis zu einem gewissen Grad Machtfantasien, die man unter christlichem Vorzeichen von der religiösen Rechten ebenso zu hören bekommt, allerdings ohne dass der Roman die Gleichheit von Islam und Christentum behaupten würde. Insbesondere die Engführung von Nietzsche und islamischem Gesellschaftsmodell ist dabei so dreist, wie einsichtig:

bq. Die Idee der Göttlichkeit Christi, fuhr Rediger fort, sei der grundlegende Irrtum gewesen, der unausweichlich zum Humanismus und zu den „Menschenrechten“ geführt habe. Auch das hatte Nietzsche schon mit deutlichen Worten gesagt, so wie er sich sehr wahrscheinlich auch der Vorstellung angeschlossen hätte, dass die Aufgabe des Islam darin bestehe, die Welt zu reinigen.

Weder Islamophobie noch Rassismus – nicht mal Religionskritik

Es scheint nachvollziehbar, dass sich von Houellebecqs neuestem Werk Sozialisten und Konservative, Liberale, Linke und Atheisten angegriffen fühlen, führt „Unterwerfung“ doch deren jeweilige Inkonsequenzen vor Augen. Der Islam kommt dagegen regelrecht positiv weg, er stellt die Ordnung in bürgerkriegsartigen Zuständen wieder her.

Dass „Unterwerfung“ auf diese Weise weder an die Abwehrreflexe europäischer Rechter andockt noch es dem Leser ermöglicht, sich in der schönen neuen Welt des Euroislams gemütlich einzurichten, macht den besonderen Reiz des Textes aus. Ähnlich den Verknüpfungen von Gentechnik und Esoterik, die in den früheren Romanen Houellebecqs das Zeitalter des Humanismus ablösten, wird der Islam als natürliche und naheliegende historische Option aufgebaut, die den Leser, den zeitgenössischen Leser, dennoch schreckt. In die Seelen der von allen Seiten zunehmend unter Beschuss geratenden wenigen genuinen Aufklärer und Humanisten fühlt sich „Unterwerfung“ ein, wenn in den zärtlichsten Passagen des Romans beschrieben wird, was unwiederbringlich verloren ist: kurze Röcke im Sommerwind, feuchtfröhliche Versammlungen in den Parks von Paris, spannende und schmerzhafte Liebeleien. Und dann ist da natürlich der Exodus der französischen Juden, ein Stachel im Fleisch selbst jener wachsenden Masse, die sonst keine Möglichkeit auslässt, gegen den Staat Israel zu poltern. Dass „Unterwerfung“ keine Bosheiten gegen den Islam, keine rassistischen Invektiven, noch nicht einmal Religionskritik enthält, begründet die Kraft des Textes. Da ist nur die Frage: „Kann eine Gesellschaft ohne Transzendenz überleben?“

Und die pessimistische Antwort: „Nein.“

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