Zu all unseren Rechten gehören auch gewisse Pflichten. Alec Ross

Mit Gewalt in die Zukunft

Mit „Breaking Bad“ und „Game of Thrones“ wurden in den letzten Jahren zwei Erfolgsserien für ihren düsteren Realismus gelobt. Sucht der Zuschauer in Krisenzeiten Halt in der massenkompatiblen Verrohung? Weicht das Gesetz dem Faustrecht?

Staffelschluss bei „Game of Thrones“, „Breaking Bad“ noch immer in aller Munde. Zwei wegweisende Serien, die ob ihrer Authentizität gelobt werden, ob ihres realistischen Blicks auf die Grausamkeit des Lebens. „Die Tiefe der Geschichte, die Qualität der Akteure und die Liebe zum Detail … tragen dazu bei, dass ‚Game of Thrones‘ kein bloßer Fantasy-Stoff ist, sondern fast schon eine Parabel auf menschliches Zusammenleben und Streben nach Macht in der realen – ja auch der heutigen – Welt“, so kürzlich Andreas Kern in seiner Kolumne.

Die 90er waren die Zeit hintergründiger Sitcoms wie „Seinfeld“ oder „Frasier“, deren Durchexerzieren banaler Konflikte und Skurrilitäten im Alltäglichen perfekt in eine Ära passten, in der man glaubte, mit Fukuyama „das Ende der Geschichte“ eingeläutet zu haben. Ende der 90er und in den frühen Nullerjahren hatten Gerichtsstoffe Hochkonjunktur. „Ally McBeal“, „Boston Legal“, „The Practice“ zelebrierten bei allen Abgründen, die dahinter lauerten, die Einhegung des Hobbes’schen Wolfsmenschen durch Recht und Gesellschaftsvertrag. All diese Serien, dachten wir, erfassen in irgendeiner Weise treffend unser Leben und unsere Perspektive auf die Welt. Muss man sich also Sorgen machen, wenn heute die Conditio humana sich in dealenden Lehrern und mittelalterlichen Machtkämpfen widerspiegelt?

Allgegenwart des Todes – ein Missverständnis?

Es wäre doch denkbar: In einer Zeit andauernder Rezession, unter dem Eindruck islamistischen Terrors, in einer Zeit, in der die Demokratie mit einer ernsthaften Legitimationskrise ringt, macht in der Massenkultur zunehmend das Gesetz dem Faustrecht Platz, wird die unmittelbare Gewalt, die Zivilisation mühsam überlagerte, neuerlich zum Ideal.

Bei genauerem Hinschauen muss diese finstere Perspektive allerdings relativiert werden: Beide Serienhits sind weniger radikal als behauptet. Sie geben sich den Anschein absoluter Kompromisslosigkeit, doch servieren meist alten, obschon schmackhaften, Wein in neuen Schläuchen.

Für die mehrbändige Romanvorlage zu „Game of Thrones“, „A Song of Ice and Fire“, hat das Matt Hilliard herausgearbeitet. In einiger Ausführlichkeit zeigt Hilliard, dass wahrscheinlich das ausufernde „Game of Thrones“-Kapitel des Zyklus in erster Linie Teil eines außer Kontrolle geratenen klassischen Fantasyromans ist, der, Grauzonen zum Trotz, letztendlich um den ewigen Kampf von Gut und Böse kreist. Das auch bei Kern anklingende Fanmantra „Jeder kann jederzeit sterben“ wäre dann vor allem ein Missverständnis, der Fülle des Materials geschuldet. Und die tatsächlich zur Zeit der ersten Romane unerhört amoralische Darstellung kompromissloser Machtkämpfe, damals zumindest im Fantasygenre recht neu, wurde ja bereits durchaus fernsehtauglich auf Effekt getrimmt.

Die Tragödie als verhinderte Komödie

Doch auch mit alleinigem Bezug zur Serie setzt die Vorstellung, man könnte ausgerechnet in einem mittelalterlichen Szenario die doch als Idee rückwirkend erst mit Hobbes in die Geschichte gebrachte „Konkurrenz aller gegen alle“ besonders unverstellt finden, ein gehöriges Maß an Projektion voraus. Denn diese Konkurrenz kommt erst frei zum Tragen, wo ein gewisser zivilisatorischer Rahmen den „Machtmenschen“ von der dauernden Sorge um die blanke Existenz freistellt – als Weltformel ist der Wille zur Macht eine moderne Erfindung. Die Notwendigkeit zu überleben trieb den Großteil der Menschheit seit jeher an, und der sichere Tod bei Machtverlust zwang historische Herrscherfamilien, sich an Herrschaft zu klammern (ein Grund übrigens, wie Stratfor mit Bezug auf Gaddafi 2011 zu bedenken gab, warum das unerbittliche Verschließen aller Rückzugsmöglichkeiten Konflikte entgegen der Intention menschenrechtlich motivierter Eingriffe verlängern kann). Mit Konkurrenzsituationen unserer heutigen Erfahrungswelt hat „Game of Thrones“ nur sehr vermittelt zu tun, als düsteres Märchen für Erwachsene, als Seifenoper um Affären und Schlachten.

Und auch „Breaking Bad“, der andere Überraschungserfolg der letzten Jahre, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als relativ konventionelles Programm mit unkonventioneller Ausgangslage. Krebskranker Lehrer wird Drogenbaron: Krass ist im Falle von „Breaking Bad“ das Was, kaum aber das Wie des Erzählten. Mit einem arbeitssüchtigen Investmentbanker würde die Geschichte in ihrer Dynamik beinahe genauso funktionieren, auch wenn sie sich natürlich schlechter verkaufte. Und der Topos, der unterschwellig die große Faszination von „Breaking Bad“ ausmacht – die „Tragik des Mannes“, der sich in der Ernährerrolle gefangen sieht und für die Familie umso weniger da ist, je mehr er für sie opfert –, ist seit Plautus’ Amphitryon beständiges, wenn auch selten offen diskutiertes Thema der Weltliteratur. In der Art und Weise, wie immer wieder gerade nicht das von außen kommende Schicksal Walter White Dilemmata aufzwingt, sondern dessen eigene Sturheit und Dummheit, steht die Serie gar der Komödie nahe. Und abseits von Momenten unfreiwilliger Komik handelt es sich beinah um einen prototypischen Western. Alle Elemente sind da: Der liebenswerte „Outlaw“ mit Abgründen, der archaische Konflikt zwischen „Law of the Gun“ und „Rule of Law“, sogar die für das Genre stilbildenden Canyons New Mexicos.

Nix neues in Western und Westeros

Familiendramen im Wilden Westen und Mittelalter mit Blut und Brüsten – keine unerhörten Neuen, sondern liebgewonnene Alte sind die Fluchtpunkte, die uns die Serienhits des 21. Jahrhunderts zu bieten haben. Wenn Kern und mit ihm viele andere Fans also meinen: „Martin hat eine Geschichte geschaffen, die in einer Fantasiewelt spielt, die aber mit ihrem Menschenbild und in ihren Kernaussagen der Realität näher kommt als viele wohlfeile Gemeinplätze, die etwa Margot Käßmann auf einem Kirchentag oder Claudia Roth auf einem Parteitag der Grünen kundtun“, dann hängt das wohl stark von der Erwartungshaltung ab, die an das Werk herangetragen wird (las ich doch schon manche beinahe Roth’sche Interpretation von „Game of Thrones“ als Aufruf zur Einigkeit gegen den Klimawandel – „Winter is coming“). Als Tolkien zwischen 1937 und 1949 seinen „Herrn der Ringe“ verfasste, leuchtete dessen Bild der Geschichte als ewiger Kampf zwischen Gut und Böse nicht zufällig seinen zahlreichen Lesern ein. Und das bringt uns zurück zum Anfang: Sowohl „Game of Thrones“ als auch „Breaking Bad“ vermögen auf vielfältige Weise zu begeistern. Man kann mit Recht die Inszenierung, die Vielzahl und Tragweite der Handlungsbögen, oder auch die Art und Weise, wie klassische Topoi durchmischt und neu aufbereitet werden, loben. Wo aber die Willkürlichkeit und Drastik der Tode als künstlerisches Qualitätsmerkmal per se herausgestellt werden (als würde zum Beispiel Kafkas „Schloss“ besser, raffte K. gegen Mitte des Romans ein unerwartetes Leiden dahin), sagt das mehr über den Zuschauer aus als über das Werk. Und darüber darf man, vorheriger Relativierung zum Trotz, einen Moment sorgenvoll verharren: Denn wie man je nach Zeitgeist aus Nietzsche das freudige „Ja“ zum Leben ebenso herauslas wie den unbedingten Kampf ums Dasein, kommt die veränderte Mentalität vielleicht nicht von ungefähr.

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