Die Verfassung ist doch kein Abreißkalender. Ralf Stegner

Die Lyrik blüht? Die Kritik darbt

Der Umgang mit dem Lyriker Jan Wagner zeigt, dass sich Debattenkultur und konzentrierte Lektüre ausschließen. Dem Feuilleton fehlt das literarische Rüstzeug.

Sängerkrieg auf der Wartburg in Wiesbaden, Poetry Slams im ganzen Land und nicht zuletzt mit Jan Wagner natürlich die Verleihung des renommierten Preises der Leipziger Buchmesse an einen Lyriker. In der Spitze wie in der Breite konnte sich das Gedicht in der ersten Hälfte 2015 nicht über mangelnde Wertschätzung beklagen. So sehr im Fokus der Öffentlichkeit stand Lyrik lange nicht mehr. Liebhabern der Gattung macht das Hoffnung. Doch gerade der mediale Umgang mit der zuvor beinahe erwartungsvoll herbeigeschriebenen Auszeichnung Wagners zeigt: Dem Feuilleton fehlt das Rüstzeug zum adäquaten Umgang mit moderner Lyrik.

So gab etwa im Anschluss an die Preisverleihung im März in der „taz“ Ulrich Gutmair folgende Plattitüde zum Besten, die es zumindest fragwürdig erscheinen lässt, wie eingehend er sich mit den Texten Wagners beschäftigt hat: „Jan Wagner ist ein Reisender in der Tradition der Romantiker, ein Wanderer, der die ,kleinen‘ Dinge vor sich sieht.“ Quer durch die Feuilletons überwogen oberflächliche, romantisierende Betrachtungen über Dichtung, in denen die Auseinandersetzungen mit Wagner am Text eine, wenn überhaupt, auf wenige Zeilen beschränkte Seltenheit darstellten. Das ging so weit, dass sich zuletzt Michael Braun im Lyrikportal „Poetenladen“ genötigt sah, eine Verteidigung Wagners zu verfassen, die diesen vor dem „vergifteten Lob“ als Naturlyriker in Schutz nimmt.

Im Mittelpunkt der Dichtung Wagners stehe nicht der „locus amoenus“ der Idylle, der „liebliche Ort“ also, stellt Braun klar, „sondern ein finsterer Grund“. Insbesondere die von „Spiegel“-Autor Georg Diez geäußerte Kritik, Wagner betreibe eine „Verkitschung der Natur“ weist Braun zurück: „Zarte Naturphänomene“ seien ihm „nie artistischer Selbstzweck, sondern prallen zusammen mit den brutalen Faktizitäten einer mörderischen Lebenswirklichkeit“.

Starke Meinung statt Analyse: Hat recht, wer schreit?

Tatsächlich wirkt Diezens Beitrag wie geschrieben, um zu verdeutlichen, was in der Literaturkritik falsch läuft. Munter reißt Diez Verse aus dem Zusammenhang, assoziiert frei, und attackiert Wagners angebliche Feier der „Landlust und Versenkung, Verklärung“, ohne übrigens zu begründen, warum das inakzeptabel sei (dass er Wagner nachweislich falsch liest, einmal dahingestellt). Und er schließt mit einem Rundumschlag gegen alle zum Buchpreis nominierten Texte, „pseudo-kunstvoll“ und „anämisch“ seien diese. Man lernt: Der Rezensent liebt die Literatur wie sein Steak. Möglichst blutig.

Den Lyriker Wagner konfrontiert das Feuilleton in erster Linie mit ganz viel Meinung darüber, worüber ein Dichter zu schreiben habe und worüber eher nicht. Zentrale Fragen der literarischen Komposition – wie nähert sich der Dichter seinem Gegenstand, wie ist das Werk im großen Ganzen, wie in den relevanten Kleinigkeiten strukturiert, Satzbau, Zeilenumbrüche, wie korrespondieren Rhythmik, Melodie, zum Ausgesagten – werden von Diez&Co nicht oder kaum berührt. Das hat Methode. Denn ein wohl abgewägtes, begründetes Urteil ist heute als spießig und autoritär geradezu anrüchig. Noch dazu in den Sphären der Kunst, in der möglichst überhaupt keine Regeln mehr gelten sollen. Empörung und Moralismus gehen dagegen immer.

Gedichte sind keine Leitartikel

Dem Primat des Inhalts geht allerdings auch Brauns Verteidigung ein wenig auf den Leim. Zwar rückt Braun anhand von Wagners Gedicht „Brunnen“ einige Vorteile des Kritikers wieder gerade und gibt das Diez’sche Unverständnis angesichts des idyllischen Weidenkätzchens der Lächerlichkeit preis: „Dabei ist dieses Gedicht nichts anderes als die Geschichte eines grausigen Erstickungstodes.“ Doch die so wichtige Frage nach der literarischen Form, die doch im Gedicht mehr noch als etwa im Roman überhaupt erst erlaubt einen Inhalt konkret zu erfahren – Gedichte sind keine Leitartikel –, klammert auch Braun weitgehend aus.

Dabei gäbe es gerade hier zu Wagner so viel zu sagen. Und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Form würde fehlgeleitete Lektüren wie die oben angeführten wo nicht unmöglich machen, so doch zumindest erschweren. Ich möchte dazu abschließend einmal das besonders anschauliche ältere Gedicht Wagners, „nature mort“, heranziehen, erschienen in „Probebohrungen im Himmel“ und nachzuhören auf Lyrikline. Dieses beginnt:

„ein großer fisch, gebettet auf eine zeitung,
ein tisch aus holz in einer hütte in
der normandie (…)“

Und es kommt dabei im Duktus tatsächlich erst einmal sanft, angenehm daher. Hier wäre das Wort Idylle beinahe angemessen. Doch beißt sich der Duktus schon mit dem eröffnenden Bild: „ein großer fisch, gebettet auf eine zeitung“, an das reimend ausgerechnet der Anker der Stabilität im zweiten und dritten Vers: „ein tisch aus holz in einer hütte in / der normandie“ anklingt. Der verdeckte (teils unreine) Reim auf fisch („nicht/licht/sich“) durchzieht den Text und schreibt so auch klanglich den Fisch, der für den Leser die Perspektive auf die Szene bestimmt, in die Idylle ein. Jener allerdings ist tot, „sein kopf / ist ab“, wie wir später erfahren. Das sollte verstören.

Verkitschung oder Landlust? Das Feuilleton ist schlecht gewappnet

Im vorletzten Vers bricht mit dem aus der Ruhe des Gedichtes geradezu herausstechenden „au fond de l’image drischt der atlantik dröhnend…“ die Klangkette, und überraschend wendet sich das Bild ins womöglich politische, womöglich kriminalistische? In jedem Fall aber von der „nature mort“ zum menschlichen Abgrund hin: „…die jüngsten vermißtenanzeigen in den strand“.

2015 verspricht weiterhin, ein gutes Jahr für die Lyrik zu werden. Und das verdanken wir nicht zuletzt der Aufmerksamkeit, die Jan Wagner erhält. Die Feuilletons jedoch sind für eine Renaissance der Lyrik ganz schlecht gewappnet. Die konzentrierte Versenkung ins Gedicht beißt sich mit unserer hysterischen, von kurzen Aufmerksamkeitsspannen gezeichneten Debattenkultur.

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