Wenn man sich nicht gegen die Überschuldung stemmt, wird man langfristig mehr Kosten haben. Jürgen Ligi

„Wir perfektionieren die Vergangenheit“

In seinem Buch „Retromania“ geht Simon Reynolds der Frage nach, was unsere Zeit kulturell auszeichnet. Antworten hat er bislang nicht gefunden, dafür jede Menge Erkenntnisse im Internet und beim Friseur gewonnen.

The European: Herr Reynolds, wäre es gerechtfertigt, zu behaupten, dass die letzten 15 Jahre ­kulturell nicht stattgefunden haben?
Reynolds: Zumindest in Bezug auf Musik ist diese Aussage korrekt. Es hat sich kein neues Genre, keine neue Subkultur entwickelt. Das Altbekannte wurde einfach weitergeführt. Es gab zwar aktuelle­ Trends innerhalb der alten Trends, aber keine wahr­lich neuen Musik- oder Modetrends.

The European: Nicht einmal ein kleiner Innovationsschub?
Reynolds: Dubstep ist wohl das, was Innovation am nächsten kam. Da gibt es Klänge, die neu, die nach 21. Jahrhundert klingen. Aber eigentlich ist auch Dub­step nur eine Weiterführung der Ravekultur der 1980er-Jahre. Das Gleiche gilt für fast alle neuen Musik- oder Modetrends. Das Einzige, was sich verändert hat, ist die Vermarktung und der Vertrieb von Kultur­waren. Spotify oder Youtube haben die alten Systeme auf den Kopf gestellt. Die Strukturen haben sich verändert, nicht aber der Inhalt.

The European: In Ihrem Buch „Retromania“ behaupten Sie, dass der iPod die größte musikalische Revolution ­dieses Jahr-hunderts ist.
Reynolds: Ich würde heute eher auf Youtube tippen.

The European: Weshalb?
Reynolds: Es erlaubt uns, in alte, uns unbekannte Zeiten einzutauchen. Auf Youtube verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart.

The European: Die Popkultur huldigte stets der Gegenwart und der Zukunft. Heute scheint sie sich aber ­größtenteils mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Wieso?
Reynolds: Dafür gibt es viele Gründe. Diese „Retromania“ gibt es ja nicht nur in der Musik, sondern auch im Film, der bildenden Kunst oder der Mode. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Popkultur durch viele Trendwellen gerauscht: Das stellt uns heute vor viele lose Enden, die es weiterzu-führen oder zu verknüpfen gilt. Ein Jahr in den 1960er-Jahren beinhaltete sehr viel kulturellen Wandel, und wir können heute darauf zurückgreifen und diese Prozesse erweitern, indem wir mehr Alben, Kleider oder Filme in diesem Stil produzieren. Jeder Künstler kann heute ein New-Order-Album machen und die Verlockung ist groß, dies zu tun. Wir leben in einer Zeit, in der es mehr Information und Material über die Vergangenheit gibt als je zuvor. Dieses Material ist einfach verfügbar. Kultur funktioniert heute wie ein Moodboard.

„Die Zukunft glänzt nicht mehr“

The European: Wie meinen Sie das?
Reynolds: Auf einem Moodboard sammelt man Fragmente von verschiedenen Ideen und generiert so neue Ideen. Dabei sind diese Ideen nur eine neue Version von den alten. Oder die ursprüngliche Idee wird komplett aus dem Kontext gerissen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, das mich sehr amüsiert hat: Heute benutzen viele Grafikdesigner das berühmte Plakat aus der Sowjetunion von Alexander Rodtschenko, das Lilya Brik zeigt, wie sie für die Bildung der Arbeiter wirbt. Heute sieht man dieses kommunistische Bild in leicht abgewandelter Form auf Werbe­plakaten für Unternehmensberatungen oder Luxus­immobilienmakler – das ist doch absurd! Alte Ausgaben der „Vogue“ kosten ein Vermögen, weil Designer sie haufenweise aufkaufen, um sich inspirieren zu lassen. Deswegen ist vieles der heutigen Kultur mehr Handwerk als Kunst.

The European: Weil es bei der Kunst um Innovation, beim Handwerk mehr um Geschick geht?
Reynolds: Exakt. Es wurde so viel Kultur im 20. Jahrhundert produziert, dass es keiner Innovation, sondern nur noch technischen Geschicks bedarf.

The European: Was erstaunlich ist, da es im noch jungen 21. Jahrhundert schon viel politischen und technologischen Wandel gab und dieser oft mit kulturellen Impulsen einherging.
Reynolds: Die Leute haben aufgehört, an die Zukunft zu glauben, weil diese heute nicht mehr glänzt. Wir sind festgefahren. Es stimmt, dass es viel politischen Aufruhr gab, aber viele Probleme von heute sind eigentlich Probleme von gestern: Terrorismus, der Nahe Osten, korrupte Finanzeliten – in den 1970er- und 1980er-Jahren gab es diese Probleme auch. Heute versuchen wir immer noch vergeblich, sie in den Griff zu bekommen. Trotz Vorstö-ßen wie bei den Rechten Homosexueller, haben wir das Gefühl, auf der Stelle zu treten.

The European: Die Probleme haben ihren Ursprung in der Vergangenheit, aber durch das Internet sind wir heute viel besser informiert. Führt diese Übersättigung an Information zu einer kulturellen Trägheit?
Reynolds: Das würde ich vermuten. Der Trick der ­Nostalgie ist ja, dass man die Kultur vergangener Epochen ohne ihren politischen oder sozialen Kontext ­genießen kann. Man kriegt nur die Filetstücke serviert. Man kann die Musik der 1930er-Jahre ohne die Lynchmorde oder den Nationalismus der Zeit hören. Alles Negative wird ausgeblendet.

The European: Romantisieren wir deshalb vergangene Epochen, weil sie in der Rückschau viel idyllischer wirken als das Jetzt?
Reynolds: Das ist ein entscheidender Faktor, aber es geht auch um den Aspekt des Idealismus. Früher glaubte man noch daran, dass man die Welt verbessern könnte. Diese Stimmung schlug sich auch in der Kultur nieder. In den Anfangstagen jeder neuen Bewegung werden Werke voller Energie und Magie geschaffen. Wir lechzen danach! Aber indem wir uns diesen Werken im heutigen Kontext annehmen, vergreifen wir uns an ihrer ursprüng­lichen Bedeutung.

„Mit genug Ironie kommt man mit allem davon“

The European: Frühere Jahrzehnte hatten bedeutende Gegen­kulturen und Trends. Über die letzten 15 Jahre hinweg gab es aber höchstens kleine Bewegungen oder Mikrotrends. Wieso?
Reynolds: Das Internet hat großen Anteil daran. Es befördert Nischentrends, weil sich Fans von solchen austauschen können – ganz egal, wo sie leben. Das Internet ermöglicht mehr Kommunikation, aber gleichzeitig führt das auch zu einer Zersplitter­ung. Weil jede Nische sich erfolgreich vernetzen kann, gibt es heute keine vereinte Gegenkultur mehr. Die Netzkultur hat den Konsens getötet. Es gibt fast keine Bands oder Filme mehr, auf die sich alle einigen oder mit denen sich viele identifizieren können.

The European: Hinzu kommt noch ein großes Maß an Ironie. ­Es ist schwer geworden, zu erkennen, ob jemand ­etwas wirklich mag oder nur so tut.
Reynolds: Das ist wahr. Man kommt mit vielem davon, wenn man es nur mit genug Ironie tut.

The European: Kann es dann überhaupt noch Innovation geben, wenn so viel Ironie im Spiel ist?
Reynolds: Ich habe Ironie immer ausschließlich negativ verstanden. Ich habe sogar mal über den „Krebs der Ironie“ geschrieben. Aber in Wahrheit bin ich natürlich genauso anfällig für Ironie wie jeder andere auch. Ironie ist ein Dis­tanzierungsmechanismus. Es ist keine konkrete Antwort auf eine kon-krete Frage. Wir brauchen Ironie, um Sachen mit einem Sicherheitsabstand zu betrachten. Aber in der Kultur ist Ironie einfach nur Schwäche. Sie bedeutet, etwas zu tun, an das man nicht glaubt oder für das man nicht steht. Die großen ­Revolutionen in der Musikgeschichte, wie etwa Punk oder Rave, waren frei von Ironie. Es war vielleicht naiv, zu glauben, man könnte die Welt verändern, aber Raver und Punks taten es trotzdem. Ich mag Kultur, die es ernst meint – auch wenn sie naiv ist. Radikalität entsteht da, wo man gewillt ist, etwas zu tun, das später vielleicht verrückt oder albern wirkt. Dieser Mut befeuert Innovation.

The European: Die Frage ist aber: Brauchen wir überhaupt ­Innovation, wenn Stillstand jedem gefällt?
Reynolds: Gute Frage. Ich glaube, dass wir Innovation ohnehin durch Perfektion ersetzt haben. Wir schaffen keine Innovation für die Gegenwart, sondern perfektionieren die Vergangenheit. Nehmen Sie beispielsweise eine Band wie die Black Keys oder jemanden wie Jack White: Die sind nicht innova-tiv, sondern perfektionieren einfach den Blues Rock. Es ist ein bisschen wie das Gestalten eines Stuhls.

The European: Wie meinen Sie das?
Reynolds: Es gibt viele Arten, einen Stuhl zu gestalten, aber wir wissen, dass jeder Stuhl eine gewisse Grundstruktur braucht, um gemütlich oder überhaupt brauchbar zu sein. Jack White hat den Stuhl nicht neu erfunden, sondern den alten Stuhl perfektioniert.

The European: Witzigerweise arbeitete White früher als Polsterer.
Reynolds: *(lacht) Stimmt! Ich mag seine Stücke, aber ich mag es lieber, wenn jemand über neue Möbel nachdenkt, anstatt Stühle zu verbessern. Ich kann aber nachvollziehen, wenn jemand die Renovierung der Innovation vorzieht.

The European: Wer fällt Ihnen denn spontan ein, der beides ­verbindet?
Reynolds: Nehmen Sie jemanden wie Ariel Pink: Er ist unglaublich. Er verbindet all diese Klänge aus vergangenen Epochen und mischt sie zu etwas Neuem, Interessantem zusammen. Er tut es mit einem gewissen Maß an Ironie und Humor, aber es ist trotzdem authentisch.

The European: Macht ihn das nicht zum symbolischen Künstler für unsere Zeit?
Reynolds: Absolut! Es ist ein bisschen wie in der Gastronomie: Die Molekularküche produziert Essen, das für viele anstrengend oder ungewöhnlich ist – komi-scher Schaum und Derartiges. Deshalb bevorzugen viele das, was sie kennen: Hausmannskost.

The European: Wie glauben Sie, wird das 2010er-Revival aussehen?
Reynolds: Das ist eine der Hauptfragen, mit denen ich mich in „Retromania“ befasse. An was wird man sich erinnern? Was wird die kulturelle Essenz unserer Zeit für zukünftige Generationen sein? Ich glaube, dass man sich an kleine Sachen wie Autotune erinnern wird. Es ist komisch, wie sehr wir uns an nicht-menschliche Stimmen gewöhnt haben und wie menschlich sie in unseren Ohren klingen.

The European: Autotune als Essenz unserer Kultur?
Reynolds: Weil es keine großen Trends gab, wird man sich an die kleinen Dinge erinnern.

The European: Gleiches gilt wohl auch für die Mode. Wer durch Berlin-Mitte spaziert, weiß nicht genau, ob es 2015 oder 1915 ist.
Reynolds: Es ist eine Aneinanderreihung von Echos. ­Neulich sagte mir mein Frisör, dass wieder jeder mit Frisuren aus den 1990er-Jahren rumlaufen will. Mädchen sehen wieder aus wie die junge Courtney Love. In der Mode gibt es keinen definierenden Stil, sondern nur ein großes Wirrwarr.

The European: Paradox ist, dass trotz modischer Vielfalt alles ­einheitlich aussieht, weil letztlich alles Vintage ist.
Reynolds: Das war früher anders. Heute sind wir in der Vielfalt geeint, aber in den 1960er-Jahren gab es wahrhafte Einigkeit, weil es spezifische Trends gab, denen jeder folgte.

Übersetzung aus dem Englischen

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Christopher Lauer: „Dann startet das öffentliche Gemetzel“

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 3/2015 des gedruckten „The European“.

Unsere Titeldebatte: Wir haben jeden Bereich unserer Gesellschaft liberalisiert, nur die Drogenpolitik nicht. Der Ruf nach einer Revolution wird lauter.

Weitere Debatten: Schafft Deutschland die Industrie 4.0? Wie man sich an unsere Zeit erinnern wird. Geht die AfD zugrunde? Dazu Gespräche mit Noam Chomsky, Christopher Lauer, Wim Wenders.

Mehr Informationen und Bestellmöglichkeit in unserem Kiosk.

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