Als ich in den 1970er-Jahren die Original-Tapes aufnahm, hatte ich ja keine Ahnung, dass das Leben endlich ist. Karl Bartos

„Die schlechten Bücher kommen in den Müll“

Für ihre polarisierenden Äußerungen ist Sibylle Berg bekannt. Mit Inanna Fronius sprach sie über Onlinejournalismus, nutzlose Bücher und das Handwerkszeug der Literaten.

The European: Netzkritiker wie Nicholas Carr und Frank Schirrmacher sagen voraus, dass unsere kognitiven Fähigkeiten und unsere Konzentration durch das Internet verkümmern. Teilen Sie diese Befürchtung?
Berg: Ich glaube, dass die westliche Welt ihre Vormachtstellung verlieren wird. Sehr sicher. Gerade ist die PISA-Studie erschienen, bis auf Finnland sind ausschließlich asiatische Länder unter den Ersten in den Fächern Mathematik und Lesen. Unser Bildungssystem scheint ein wenig verwahrlost, ich glaube, dass wir statistisch gesehen dümmer werden. Dass aber die gleiche Prozentzahl der Bevölkerung weiterhin Bücher lesen wird, egal in welcher Form, daran wird sich nichts ändern. Vielleicht werden mehr Menschen nur noch Dieter-Bohlen-Biografien und die BILD lesen, vielleicht werden im Mittelfeld weniger Zeitungen und mehr Onlinenachrichten gelesen. Dann aber mehr als früher, denn News sind sexy geworden. Das Zeitunglesen ist allerdings unmodern geworden, was zum großen Teil auch an der miesen Qualität des Printjournalismus liegt.

The European: Wird das bewegte Bild das geschriebene Wort im Internet komplett ersetzen können?
Berg: Nein, darum geht es meiner Meinung nach auch gar nicht. Bewegte Bilder wie Youtube-Videos werden von vielen zusätzlich zu Hintergrundinformationen konsumiert. Sie ersetzen sie nicht. Ich glaube, dass junge Menschen heute mehr Nachrichten und Kommentare lesen als früher. Dass sich die Buchbranche durch ein unqualifiziertes Überangebot von Mist selbst erledigt, ist nicht Schuld des Konsumenten.

The European: Was lesen Sie zurzeit?
Berg: Elmar Altvater, “Das Ende des Kapitalismus”.

“Nutzlose Bücher lese ich nicht”

The European: Welche Bedeutung hat Lesen in Ihrem Leben?
Berg: Die Bedeutung und der Lesestoff haben sich verändert. Ich lese kaum mehr Belletristik, dafür mehr Sachbücher und News im Netz.

The European: Lesen Sie lieber “richtige” Bücher oder nutzen Sie einen e-reader?
Berg: Der e-reader ist mir noch nicht gut genug, da tun mir die Augen weh. Wenn er irgendwann eine bessere Qualität hat, gerne e-reader. Dann muss ich nicht mehr so viele Bücher wegwerfen.

The European: Gibt es ein Buch, das Ihr Leben verändert hat bzw. eines, über das Sie noch lange nachgedacht haben? Oder eines, was Ihnen als besonders nutzlos in Erinnerung geblieben ist?
Berg: Nutzlose Bücher lese ich nicht. Eine Seite lesen und auf Wiedersehen! Bücher, die mein Leben für einen Tag verändert haben, habe ich sehr viele gelesen. Will Selfs “Wie die Toten leben” oder “Der Dschungel” von Upton Sinclair. Schopenhauer auch. Ach, das könnten wir jetzt ohne Ende fortsetzen. Ich glaube, Bücher haben mein Denken geformt.

The European: Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Buch? Haben Sie als Kind gerne gelesen?
Berg: Ich habe als Kind ausschließlich gelesen und nichts anderes gemacht. Aber das erste Buch habe ich vergessen.

The European: Glauben Sie, dass es wichtig ist, Kinder zum Lesen zu bringen?
Berg: Ja, unbedingt, siehe PISA-Studie. Meine Mutter war Bibliothekarin. Das sagt doch alles.

The European: Reden Sie mit anderen über die Bücher, die Sie lesen?
Berg: Ja, mit meiner Freundin und mit meinem Mann.

The European: Wie sieht es mit Ihrer eigenen Bibliothek aus?
Berg: Ich besitze Bücher nicht, ich lese sie. Die Guten gebe ich weiter, die Schlechten kommen ins Müllsäckchen.

“Zum Schriftstellertum gehört eine literarische Grundausbildung”

The European: Verschenken Sie zu Weihnachten auch Ihre eigenen Bücher?
Berg: Uiih, nein, das fände ich peinlich.

The European: In einem Zitat sagt Stephen King: “Wer Zeit hat zu lesen hat auch Zeit, ein Buch zu schreiben.” Denken Sie, dass jeder Leser auch ein Autor sein kann?
Berg: So wie jeder Hausbewohner auch ein Architekt sein kann.

The European: Sind Sie der Ansicht, dass ein Autor auch selbst viel lesen sollte?
Berg: Gelesen haben sollte. Ich halte das Schriftstellertum für einen Beruf, den man erlernt, dazu gehört eine literarische Grundausbildung. Man muss unbedingt einen Überblick über die klassische und die zeitgenössische Literatur haben, sonst wird es schnell peinlich.

The European: Sie haben einmal gesagt, dass Sie zwar schon länger wussten, dass Sie gern Schriftstellerin werden wollten, aber warten mussten, bis Sie alt genug zum Schreiben waren. Ab wann ist man Ihrer Meinung nach alt genug?
Berg: Alt genug meint schlau genug. Und gut genug. Ich finde, zehn Jahre der Ausbildung und des Übens sind die Voraussetzung, um Bücher zu veröffentlichen. Aber mit der Idee stehe ich – glaube ich – in Deutschland recht alleine da, hier wird ja immer noch ein absurdes Bild des genialischen Talents gepflegt.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Paul Hinder: „Wir müssen uns vor falschen Freunden schützen“

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