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„Die islamische Welt befindet sich noch im Mittelalter“

Die deutsch-türkische Anwältin und Schriftstellerin Seyran Ateş kämpft für die Rechte muslimischer Frauen und entfacht damit den Zorn islamischer Fundamentalisten. Nach jüngsten Morddrohungen hat Ateş sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Im Interview mit The European spricht sie über Doppelmoral, Körperfeindlichkeit und Männerängste.

The European: Frau Ateş, Sie behaupten, dass die tiefste Kluft zwischen dem Westen und der islamischen Welt in der Sexualität liegt. Warum ist das so?
Ateş: Wenn wir intensiv Themen wie Integration oder multikulturelle Gesellschaft diskutieren, hat es am Ende immer mit Sexualität zu tun. Sei es die Zwangsverheiratung, sei es, dass muslimische Eltern nicht wollen, dass ihre Kinder vorehelichen Verkehr haben, sei es das Thema Ehrenmord, wenn ein Bruder es nicht erträgt, dass seine Schwester sexuelle Kontakte hat. Immer betrifft es die nicht gelebte oder nicht zugelassene Sexualität. Es gibt muslimische Eltern, für die ist das im Alltag ein massives Thema. Es wird nur nicht darüber gesprochen.

The European: Wie wird die westliche Sexualmoral in islamischen Ländern gesehen?
Ateş: Zunächst mal: Was verändert werden muss, ist nichts spezifisch Islamisches. Wir leben in einer Ungleichzeitigkeit in der Entwicklung der Religionen und Kulturen. Die islamische Welt befindet sich leider noch im Mittelalter. Einige Menschen in diesen Gesellschaften haben sich ins 21. Jahrhundert entwickelt, aber die Mehrheit nicht. Was nicht bedeutet, dass der Westen alles richtig gemacht hat. Die islamische Welt schaut auf den Westen als eine sexuell verrohende Gesellschaft, die keine Moral mehr hat. Wenn ich mir einige Vorkommnisse im Westen anschauen, kann ich das muslimischen Eltern manchmal nicht verübeln. Sie sagen: Wir wollen nicht, dass unsere Töchter freizügig rumlaufen, wollen keine Pornografie und Prostitution, bei der Frauen wie Waren auf dem Markt verkauft werden. Schuld daran ist die überschießende Sexualisierung der westlichen Gesellschaft, die aus der sexuellen Revolution der 68er herausgekommen ist.

The European: In den 70er-Jahren galten in Europa Schweden und die Niederlande als sexuell besonders liberal. Wie sieht der Befund in der islamischen Staatenwelt aus?
Ateş: Länder wie die Türkei oder im Untergrund der Iran sind auf jeden Fall weiter als Ägypten, Tunesien oder Saudi-Arabien. Der Libanon gilt als Land, in dem viel mehr möglich ist als in anderen arabischen Staaten.

The European: In Ihrem Buch zitieren Sie in weiten Passagen den Koran. Gibt es hier überhaupt Indizien für Körperfeindlichkeit?
Ateş: Man kann den Koran nehmen, um Sexualfreundlichkeit zu belegen. Oder das Gegenteil. Beides ist möglich.

“Der Mann hat grundsätzlich Angst vor Frauen”

The European: Hat der islamische Mann Angst vor Frauen?
Ateş: Der Mann hat grundsätzlich Angst vor Frauen, das finden wir ebenso im Christentum und Judentum. In allen Kulturen wird zum Beispiel die Menstruation der Frau als etwas Unreines und Gefährliches betrachtet. Es steht geschrieben, dass die Frau dem Mann alle Sinne raubt, dass der Mann allein vom Anblick einer Frau so angetan ist, dass er seine Triebe nicht mehr kontrollieren kann. Dieses Phänomen existiert nicht nur im Islam. Hier muss nur mehr öffentlich darüber gesprochen werden. Nur dann kann sich die islamische Welt aus den Fesseln der Doppelmoral befreien, wie es der Westen bereits getan hat.

The European: Allein eine sexuelle Revolution zu fordern, dürfte in der islamischen Welt zu heftigen Reaktionen führen …
Ateş: Natürlich. Allein der Titel sorgt schon dafür, dass die Leute sich aufregen, ohne das Buch gelesen zu haben. Es gibt Menschen, die blind vor Hass werden, wenn der Islam kritisiert wird. Sie werden wütend reagieren.

The European: In Europa gibt es jedes Mal einen Aufschrei der Empörung. So zum Beispiel, als der französische Schriftsteller Michel Houellebecq vorschlug, man solle in Afghanistan doch keine Bomben, sondern Reizwäsche über den Stellungen der Taliban abwerfen.
Ateş: Wenn wir nicht anfangen, das Tabu zu brechen, kommen wir keinen Schritt weiter. Wenn zum Beispiel ein westlicher Mann nach Saudi-Arabien reist, muss er sehr darauf achten, nicht eine Frau anzusehen oder gar aus Versehen anzufassen. Das hat er wahrscheinlich auch nicht vor, aber es wird ihm unterstellt. Umgekehrt muss nicht jeder Muslim sich den freien Blick auf eine Frau vorenthalten. Es ist eine sehr sexualisierte Stimmung in der islamischen Welt. Wenn darüber geredet wird, wird das als Kritik eingeschätzt.

The European: Bedarf es in der islamischen Welt eines Sexualaufklärers, wie ihn die Bundesrepublik mit Oswald Kolle hatte?
Ateş: Unbedingt. Wir haben aber auch schon einige Frauen, die es gewagt haben, in Saudi-Arabien und anderen islamischen Ländern in Büchern oder TV-Sendungen offen über Sexualität zu sprechen. Ja, wir brauchen einen islamischen Oswald Kolle.

Unterdrückung des Mannes

The European: Mal aus der Klischeerolle eines Paschas aus gesprochen: Warum soll ich eine sexuelle Revolution unterstützen, wenn ich als Mann mehrere Frauen, ja einen ganzen Harem für mich haben kann?
Ateş: Für das Buch habe ich auch mit vielen Männern gesprochen. Es ist überhaupt nicht so, dass sie das alles so toll finden. Sie schämen sich eher dafür, wenn ihre Geschlechtsgenossen mit Frauen umgehen wie mit Gegenständen. Die Sexualität des Mannes wird gleichermaßen unterdrückt, der Mann ist nicht immer nur der Privilegierte. Er entfernt sich so von der schönen Seite der Erotik, wird zum Tier, das seine Triebe auslebt.

The European: Aber das Umdenken ist in den Köpfen noch nicht angekommen.
Ateş: Es ist die Aufgabe der Eltern, dass das geschieht. Sie müssen ihre Söhne nur im Sinne Mohammeds erziehen, der ja auch gesagt hat: Geht nicht zu euren Frauen wie Tiere. Oder erzählen, wie der Koran das Vorspiel eines Liebesaktes beschreibt. Das gibt es in keiner anderen Religion.

The European: Sie beschreiben im Buch Praktiken wie die Zeitehe, die Männer in einigen islamischen Ländern schließen können. Zum Beispiel eine Zeitehe mit einer Prostituierten, die nur eine Stunde dauert.
Ateş: Das ist eine Praxis der Schiiten, die von Wahhabiten und Sunniten abgelehnt wird. Es geht auf etwas zurück, was Mohammed Männern erlaubt hat, die lange Zeit weit von zu Hause entfernt sind, etwa im Krieg oder auf Reisen. In einem späteren Vers wurde das wieder umgekehrt und die Zeitehe nicht akzeptiert. Bei Schiiten und Sunniten gehen die Meinungen da weit auseinander. Da sehen sie, wie pluralistisch die islamische Welt ist. Im Iran ist die Zeitehe eine wachsende Praxis. In Saudi-Arabien kann man dafür die Todesstrafe bekommen.

The European: Wie könnte denn eine sexuelle Revolution in der islamischen Welt konkret aussehen?
Ateş: Im Westen begann sie mit offenen Protesten gegen die rigide Sexualmoral der Kirche. Im Islam geht es um die rigide Sexualmoral von Religionswächtern und Sittenpolizei. Aber die Dinge sind in Bewegung. Das sehen wir in Iran, wo Frauen ganz deutlich machen, dass sie die Verschleierung nicht wollen. In Pakistan und anderen islamischen Ländern wird eine Art Untergrundsex praktiziert. Es wird im Privaten etwas anderes gemacht, als nach außen hin erzählt wird.

Sexualität sollte privat bleiben

The European: In den 50er-Jahren gab es in Deutschland noch eine sehr verklemmte Sexualität. Wie lange wird es dauern, bis sich die sexuelle Revolution in den islamischen Ländern durchsetzt?
Ateş: Meine Hoffnung ist, dass es in den nächsten 50 Jahren passiert. Eine Generation braucht es wohl noch, dann kann es aber sehr schnell gehen. Die überschießende Sexualisierung des Westens wünsche ich mir für die islamische Welt allerdings nicht. Aber die Sexualität muss als etwas Privates akzeptiert werden. Kein Richter oder Sittenpolizist darf darüber entscheiden, wie Sex ausgelebt wird.

The European: Wenn wir von 50 Jahren reden, sprechen wir wohl eher von einer Evolution als einer Revolution.
Ateş: Ja, aber mit dem Tabubruch beschreitet man schon den Weg der Revolution.

The European: Wie haben die Leute aus Ihrem Umfeld reagiert, als Sie Ihnen erzählt haben, ein Buch über eine sexuelle Revolution im Islam zu schreiben?
Ateş: Viele waren zunächst geschockt. Aber gerade diese Erschrockenheit hat mich darin bestätigt, dass es genau um dieses Thema geht. Weil wir es mit einer Doppelmoral in der islamischen Welt zu tun haben, die der Westen und andere Kulturen auch durchstehen mussten.

The European: Haben Sie eigentlich Angst vor Attentaten?
Ateş: Ich hoffe, dass das nicht passiert. Ich hoffe, dass die Zeit reif ist. Dass die Menschen es vertragen, dass man solche Bücher schreibt.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Ann-Marlene Henning: „Beim Sex soll alles von alleine klappen“

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