Das Leben ist ungerecht, aber denke daran: nicht immer zu deinen Ungunsten. John F. Kennedy

„Kultur der Gewalt bekämpfen“

„Wir mögen es, zu töten“, schreibt der Universitätsprofessor Sergio Aguayo in einer seiner Kolumnen, nur wenige Monate bevor die Entführung von 43 Studenten im mexikanischen Iguala weltweit Schlagzeilen macht. Mit Alice Kohn spricht er über die Kultur der Gewalt in Mexiko.

The European: Herr Aguayo, seit Jahren forschen und schreiben Sie über die Gewalt in Mexiko. Jetzt steht das Thema durch die 43 entführten Studenten aus Iguala erneut im weltweiten Fokus. Weshalb ist gerade Mexiko Brutstätte für derartige Brutalitäten?
Aguayo: Der ist hauptsächlich geopolitisch bedingt. Wenn man sich die Karte des karibischen Raumes anguckt, sieht man, dass Mexiko das Epizentrum für den Handel von Drogen, Personen, Waffen und Geld ist. Als in den 1990er-Jahren die kolumbianischen Drogenkartelle bekämpft wurden und die Flugroute über der Karibik geschlossen wurde, war es nur natürlich, dass sich Drogenhandel und organisierte Gewalt nach Mexiko verlagerten.

The European: Es gibt auch Faktoren innerhalb Mexikos. Eine Ihrer Kolumnen betitelten Sie mit „Wir mögen es, zu töten“. Darin sprechen Sie von dem Einfluss, den das Thema Gewalt auf die mexikanische Kultur hat. Wie genau äußert sich das?
Aguayo: Die Kultur der Gewalt in Mexiko hat viel gemeinsam mit der aus den USA, Brasilien oder Zentralamerika. Im Fall von Mexiko existiert aber eine starke Prägung durch die Todesverehrung in den präkolumbianischen Kulturen. In der mexikanischen Kreativität findet die Todesverehrung ihren Ausdruck in den Narcocorridos. Die Narcocorridos sind ein faszinierendes Musikgenre aufgrund der Entwicklung, die sie durchlaufen haben. (Anmerkung: Narcocorridos sind folkloristische Balladen, die auf die Drogenkartelle gesungen werden. Oft werden diese gewaltverherrlichenden Lieder von den Drogenbossen selbst bestellt.)

The European: Und diese „Kultur der Gewalt“ führt dazu, dass die Mexikaner die Drogenkartelle akzeptieren?
Aguayo: Kürzlich wurde unter meiner Leitung eine Umfrage zum negativen Sozialkapital der Drogenkartelle durchgeführt. Darin haben wir festgestellt, dass in dem Bundesstaat Sinaloa die Bevölkerung Gewalt als völlig normal empfindet. (Anmerkung: In dem Bundesstaat Sinaloa ist die mächtigste Verbrecherorganisation Mexikos, das Sinaloa-Kartell, angesiedelt.) Dies ist aber nicht der Fall in den anderen fünf Bundesstaaten, die wir untersucht haben.

„Calderón hat nie die Verantwortung übernommen“

The European: Glauben Sie, dass das Verschwinden der 43 Studenten aus Iguala und die darauf folgenden Proteste einen Wendepunkt in Mexikos Umgang mit dem Thema Gewalt darstellen?
Aguayo: Der Wendepunkt findet sich in der Wahrnehmung von außerhalb. Ob diese Proteste anders sein werden als die der vergangenen Jahre, kann man noch nicht sagen.

The European: Erst kürzlich haben Demonstranten in dem Bundesstaat Guerrero das Regionalparlament angezündet. Die aktuellen Proteste scheinen sich vor allem gegen das politische System zu richten. Können sie zudem auch einen Mentalitätswechsel herbeiführen?
Aguayo: Schwierig. Das Ganze bewegt sich auf zwei unterschiedlichen Schienen. Die Kultur der Gewalt muss man mit einer Kultur des Friedens bekämpfen. Diese Kultur des Friedens muss von der Gesellschaft selbst gemacht werden. Ein Bestandteil dieser Kultur des Friedens ist die Erkenntnis über das, was vorgefallen ist.

The European: Dazu gehört auch die Aufklärung darüber, was mit den Opfern geschehen ist …
Aguayo: Die Regierung von Felipe Calderón hat alles getan, um Informationen über diese humanitäre Tragödie der Öffentlichkeit vorzuenthalten. Erst im August 2010 wurden zum ersten Mal offizielle Zahlen zu den Hinrichtungen in Verbindung mit dem organisierten Verbrechen herausgegeben. Im Januar 2011 drehte man den Informationsfluss wieder ab. Damit soll suggeriert werden, dass nichts passiert. In seinen Reden sprach Calderón davon, dass der Kampf gegen das organisierte Verbrechen auch Menschenleben kosten wird. Durch das Zurückhalten von Informationen über die Opfer werden diese unmenschlich gemacht, und die Täter werden als jemand gesehen, der nur seine Aufgaben erfüllte. Calderón hat nie die Verantwortung für die Opfer übernommen.

Übersetzung aus dem Spanischen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Enrique Krauze Kleinbort : Wird Mexiko das neue China?

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