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Essen macht Muh

Es geht auch ohne Fleisch. Jetzt erkennt selbst die Politik, dass totes Tier auf dem Teller teurer werden muss.

Wir täten gut daran, unser Verhältnis zum Essen grundsätzlich zu hinterfragen. Gründe, über die eigene Ernährung nachzudenken, gibt es viele. Vielleicht zu viele, denn etliche Menschen sind überfordert und befassen sich lieber nicht so genau mit dem, was sie da eigentlich essen. Die Flut von Labeln, Werbeversprechen und Warnungen, Ratschlägen und Ermahnungen ermuntert nicht gerade dazu, viele stumpfen ab. „Was darf man denn dann überhaupt noch essen?“ ist zu einer gängigen Floskel geworden.

Daneben gibt es jedoch eine wachsende Zahl von kritischen Konsumenten, die wissen wollen, woher ihr Essen stammt und wie es produziert wird. Sie bemühen sich um ökologische, saisonale, regionale, natürliche, faire oder tierfreundliche Lebensmittel, weil sie hinterfragen, wie und auf wessen Kosten sie leben. Besonders die vegetarische und vegane Ernährung boomt. Seit mehreren Jahren verzeichnet der Vegetarierbund (VEBU) jährliche Mitgliederzuwächse von über 30 Prozent. Auch die mit 20.000 Besuchern sehr erfolgreichen Veggieworld-Messen zeigen, wie stark die vegetarische Bewegung wächst.

Fleisch und Fisch ernähren keine neun Milliarden Menschen nachhaltig

Dass dieser Trend keine bloße Modeerscheinung ist, sondern eine gesellschaftliche Entwicklung dahintersteckt, ist nicht nur zu wünschen. Es spricht tatsächlich vieles dafür. Die derzeit übliche grausame Behandlung von Tieren, die für die Ernährung genutzt werden, ist für viele Menschen inakzeptabel. Die Medien berichten inzwischen auch ohne aktuelle Lebensmittelskandale über die häufig skandalösen Bedingungen der Tierhaltung, die gravierenden Konsequenzen der fleischlastigen Küche für unsere Gesundheit sowie die mit dem Verzehr tierischer Produkte verbundene Klimabelastung. Auch die Ressourcenverschwendung durch den exzessiven Futtermittelanbau für Nutztiere sowie den industriellen Wildfang und die Aquakultur von Fischen und die damit verbundene Ungerechtigkeit bei der Versorgung mit sauberem Wasser und Nahrungsmitteln auf der Welt dringt immer mehr in das öffentliche Bewusstsein. Mit Fleisch und Fisch werden keine neun Milliarden Menschen nachhaltig ernährt werden können. Etliche Umweltverbände, humanitäre und andere NGOs haben daher den Fleischverzehr der Schwellen- und Industrieländer als eines der drängendsten Bedrohungen erkannt. Die Besteuerung von Fleisch, Futtermitteln, Stickstoffdünger oder andere Instrumente, um politisch den Fleischkonsum zu reduzieren, werden ernsthaft erwogen und geprüft.

Auch viele Nutznießer der „Tierproduktion“ sind mit der Situation zunehmend unzufrieden. Die Erzeugung möglichst billiger Lebensmittel auf Kosten von Tieren, Umwelt und Gesundheit kritisieren bereits etliche Landwirte. Gerade kleinbäuerlich wirtschaftende Betriebe können oft nicht mehr kostendeckend produzieren oder sie wollen die weitere Intensivierung der Tierhaltung nicht mehr mitmachen. Sogar der Deutsche Bauernverband und Spitzenpolitiker aus den meisten Parteien warnen vor den Problemen des Preiskampfes und der fehlenden Wertschätzung von Lebensmitteln. Der Handel buhlt weiterhin um die Kundschaft mit Dumpingpreisen beim Fleisch, muss sich aber dennoch mit minimalen Gewinnmargen herumschlagen. Somit wäre eine andere Einstellung zu dem, was wir uns täglich einverleiben, für viele ein Gewinn.

Vegetarismus in der Mitte der Gesellschaft

Klar, nicht jeder wird gleich zum Vegetarier oder Veganer, wenn er sich damit auseinandersetzt, wo und wie seine Lebensmittel erzeugt werden. Für unsere Nahrungswahl sind nicht allein gute Argumente oder Vorsätze entscheidend. Tradition, Vorbilder, das Angebot und vor allem Gewohnheit bestimmen oftmals weitaus mehr unser tägliches (Kauf- und Ess-) Verhalten als rationale oder ethische Erwägungen. Es wird jedoch zunehmend einfacher, seine Gewohnheiten zu ändern, denn der Markt und die Gesellschaft sind in Bewegung. Vegetarisches Essen erleben viele Menschen mehr und mehr als nachhaltigen und gesunden Genuss. Das vegetarische und sogar vegane Angebot in Restaurants und Supermärkten wächst und selbst große Lebensmittel- und Fleischkonzerne bieten derweil fleischfreie Alternativen an.

Etliche Prominente aus Wirtschaft und Politik, Spitzensportler, Schauspieler und Musiker bekennen sich zur vegetarischen oder veganen Lebensweise. Der Vegetarierbund erlebt zudem ein großes Interesse an seiner Expertise zu nachhaltigen vegetarischen Alternativen bei Lebensmittelproduzenten, führenden Akteuren der Gemeinschaftsverpflegung sowie bei Politikern, Kommunen und Bildungseinrichtungen. Mit Projekten wie GV-nachhaltig, Donnerstag ist Veggietag, Halbzeitvegetarier sowie Unternehmenskooperationen trägt der VEBU maßgeblich dazu bei, sowohl das Angebot an vegetarischen Speisen weiter zu verbessern, als auch die vegetarische Idee in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. In den sogenannten gesellschaftlichen Leitmilieus muss sich heutzutage kein Vegetarier mehr erklären oder gar rechtfertigen. Da läuft es bisweilen eher anders herum: Allesesser betonen, dass sie schon viel weniger Fleisch essen.

Abgesehen davon, dass all die globalen Probleme, aber auch die Attraktivität der vegetarischen Lebensweise weiter zunehmen werden, gibt es noch einen weiteren Grund, dass es sich beim Veggie-Boom nicht bloß um eine vorübergehende Erscheinung handelt: Die Frage des Essens von Tieren betrifft ethische Grundfragen zu unserem Umgang mit anderen Menschen und besonders mit Tieren. Die wenigsten Fleischesser wissen, dass sie eigentlich Tierkinder essen, die nur einen Bruchteil ihrer möglichen Lebensspanne erleben durften – meist unter Verhältnissen, die ihre Bedürfnisse größtenteils ignorieren. Je mehr Menschen diesen Umgang infrage stellen, desto schwieriger wird es für die anderen, nicht ebenfalls darüber nachzudenken.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Matthias Horst, Raphael Fellmer, Ilse Aigner.

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