Die Sehnsucht nach Freiheit hat die Angst der Menschen schrittweise besiegt. Joachim Gauck

Ein Spiegel unserer selbst in dieser Zeit

Der Online-Fernsehdienst Netflix hat immens im Wert zugelegt, seit im Jahr 2013 die Phase der Eigenproduktionen begonnen hat. Ebenfalls 2013 hat das Game-of-thrones-Portal begonnen, nach Asien und Europa zu expandieren. Der Chart der Aktie sieht heute so aus, als sei der Aufwärtstrend schlichtweg nicht zu brechen. Was uns diese Erfolgsgeschichte der allverfügbaren Bilder über uns selbst sagt.

Seit fast 20 Jahren gibt es Netflix schon, aber erst in den letzten Jahren hat sich der einstige Filmverleiher in die Herzen der neuen Fernsehgeneration gespielt: seit reine Online-Angebote technisch möglich und preislich sinnvoll sind. Und seitdem sind die Erfolgsgeschichten des Unternehmens – und damit die Gewinnaussichten für die Aktienbesitzer – schier unendlich. Weil die junge Generation, die „digital natives“, ihren Fernsehsender mitnehmen wollen. Im Laptop mit angebissenem Apfel als Logo, sehr cool. Jederzeit allverfügbar. Ganz so, wie sie selbst es auch sind.

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Der 29. August 1997 könnte in der Zukunft als historischer Tag in der Geschichte der unterhaltungselektronik gefeiert werden, denn an diesem Tag startete Netflix. und damals war es ein reiner DVD-Verleih. Anders war nur, dass die Kunden nicht in die damals an jeder Ecke zu findenden Videotheken laufen mussten, sondern online bestellen konnten. Die Filme kamen per guter, alter Schneckenpost in den Briefkasten. Knapp 1.000 Filme umfasste das Angebot bei Netflix damals. Hierzulande war diese Firma völlig unbekannt. Und sollte es noch volle 15 Jahre lang bleiben. Erst 2012 expandierte Netflix auch nach Europa, und zwar zu einem Zeitpunkt, als bereits ein Unternehmen mit Milliarden-Umsätzen daraus geworden war. Denn natürlich war die Technik fortgeschritten, und der DVD-Verleih per Schneckenpost war längst Vergangenheit.

Was war der Druchbruch für Netflix?

Ziemlich exakt zehn Jahre nach dem Start von Netflix revolutionierte den Zugang zu seinem Angebot. Nun wurde auch das Online-Streaming angeboten, das war damals neueste Technik, und die Netflix-Gläubigen mussten sich schnellere Computer und einen größeren Vertrag mit ihrem Telefondienstliester zulegen, um mithalten zu können. So etwas wird für gewöhnlich mit „Fortschritt“ umschrieben. Seitdem hatte die Aktie ihr Explosiv-Potential, und gut beraten war, wer damals einstieg.

Aber das war mehr eine technische Entwicklung, wie Ronald Gehrt auf Lynx-Broker berichtet: „Entscheidend für die heutige Größe war die Expansion in die Breite. Netflix wagte einen massiven Schritt nach vorne, indem man sich nicht nur auf die Bereitstellung existierender Filme und Serien beschränkte, sondern 2013 begann, eigene Serien zu produzieren. Wer weiß, wie dieses kostenintensive, gewagte Projekt ausgegangen wäre, hätte nicht gleich die erste Serie einen gewaltigen Erfolg gehabt: House of Cards.“

Das interesse an Netflix wuchs, der Umsatz des Unternehmens stieg stetig, das Kapital und die Aktie zogen mit; die Zahl der Eigenproduktionen stieg in seit 2008 deutlich an. Die bekanntesten Serien sind neben dem Dauerbrenner „House of Cards“ vor allem „Jessica Jones“ und „Better Call Saul“, letzteres im Grunde ein Remake der erfolgreichen Serie „Breaking Bad“. Bislang ist man mit dieser Expansionspolitik auf der ungebremsten Erfolgswelle. Das zeigt vor allem die Zahl der Abonnenten. Im ersten Quartal 2012 bezogen 24 Millionen Menschen regelmäßig die Netflix-Inhalte, im ersten Quartal 2017 waren es bereits 94 Millionen. Eine rasante Expansion, die nach wie vor anhält.

Die Allverfügbarkeit der Bilder – und unserer selbst

Die Netflix-Aktie vollzieht diese Erfolgsstory nach. Und hier beginnt der höchst riskannte Teil der Wette auf das Fernsehen der Zukunft. Selbst wenn Netflix die 1,93 US-Dollar, von denen die Analysten im Schnitt für das Jahr 2018 ausgehen, auch verdienen würde, errechnet sich daraus auf Basis des aktuellen Aktienkurses ein Kurs/Gewinn-Verhältnis von fast 80. Die Netflix-Aktie ist damit verdammt hoch am Wind, und Anleger gehen ein großes Risiko ein. Selbst das aber könnte sich lohnen, denn die Fernsehgewohnheiten der jungen Generation haben sich rasant geändert.

Eine ausführlichere Analyse des Netflix-Charts erhalten Sie in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

Schon jetzt ist der klassische Fernseher, der im Wohnzimmer an der Wand hängt, ein spießiges Relikt vergangener Tage. Für Einzelereignisse wie eine Fi-Fa-Fußball-Meisterschaft wird ein großer Bildschirm benötigt, klar. Aber dafür ist doch der Beamer zur Hand. Oder ein guter Schulfreund mit betuchten Eltern, der zum Bestehen des Kleinen Latinums einen umso größeren Flachbild-Fernseher überreicht bekam. Das Fernsehen der Zukunft ist total mobil und allverfügbar, auf kein Gerät und keinen Ort mehr festgelegt. Losgelöst von allen Konventionen der Kultur und der Moral, nur noch durch eine einzige Fessel unmerklich und unsichtbar, aber umso unerbittlicher gebunden: die Bezahlpflicht.

Netflix passt damit perfekt zur jungen Generation der „digital natives“, denen jahrelanges, konzentriertes Lernen völlig unvermittelbar ist – Instagramm, Facebook, Whatsapp und eben Netflix heißen die Verführer, die die Aufmerksamkeit fraktionieren und die Tage in immer kleinere Zeithäppchen teilen. Die schöne neue Welt muß mit dem Kleinen Latinum auskommen, im besten Fall, und der Bezahlsender Netflix ist einer ihrer Propheten. Die Beliebigkeit wird unermesslich. Darum steigt auch die Netflix-Aktie ins Unermessliche.

Die Analyse zur Netflix-Aktie erschien zuerst in der BÖRSE am Sonntag.

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