Selbst sehr mächtige Länder können fremde Gesellschaften nicht in den Griff bekommen. Stephen Walt

Gold — das große Comeback

Die US-Zinsanhebung sorgt entgegen den Erwartungen nicht für eine Schwäche, sondern für eine Erhöhung des Goldpreis. Inflations- und Crashsorgen kursieren an den Märkten, institutionelle Anleger bauen Rückfallpositionen auf. Hedgefonds decken sich verstärkt mit dem Edelmetall ein. Wie ernst sind diese Zeichen?

Der Goldpreis ist in den vergangenen drei Monaten um 6,5 Prozent gestiegen. Nicht schlecht für die seit fünf Jahren nicht gerade glänzende Anlage. Doch noch verblüffender ist für viele Analysten die Tatsache, dass Gold auch in dieser Woche der US-Leitzinserhöhung im Preis zugelegt hat. Denn normalerweise und nach Lehrbuchmeinung müsste der Preis für „zinslose Anlageklassen“ fallen wenn die Zinsen steigen. Die Logik dahinter: Mit einem steigenden Leitzins steigen auch die Renditen für festverzinste Papiere wie Anleihen. Damit werden solche Assets wieder attraktiver und die Gelder fließen in die entsprechende Richtung. Das unverzinsliche Gold hingegen verliert an Attraktivität. „Zinserhöhungen sind für Gold eigentlich Gift. Diesmal aber nicht“, sagt ein Gold-Analyst aus New York.

Dieses Thema in der BÖRSE am Sonntag

Es gibt drei Gründe für die überraschend robuste Goldpreisentwicklung. Zum einen der schwache US-Dollar. Entgegen der Erwartungen ist der Dollar nach Verkündung der Leitzinsanhebung nicht gestiegen, sondern gefallen. Grund dafür ist nicht die Anhebung selbst, sondern die Aussicht auf eine moderate Zinsstatgeie der FED. Nurmehr zwei kleine Schritte will die FED in diesem Jahr noch gehen. Viele Investoren und Analysten hatten mit einem aggressiveren Signal der Notenbank gerechnet und drei weitere, klare Zinsanhebungen erwartet.

Als bekannt wurde, dass es eben doch nur noch zwei weitere geben soll, ging der Dollar auf Talfahrt. Das wiederum ist positiv für Gold — und auch alle anderen Rohstoffe, denn sie notieren schließlich in US-Dollar. Fällt die Währung, wird der Rohstoff günstiger und zieht mehr Anleger an, was derzeit einen steigenden Goldpreis befördert.

Inflation ist wieder da

Der zweite Grund für die Goldkäufe liegt in der Inflationserwartung: Steigt der Leitzins, spricht das für eine anhaltend positive Entwicklung des Wirtschaftswachstums und damit auch der Inflation. Sowohl in den USA als auch in Europa ist das Thema Inflation zurück auf der Tagesordnung. Die Preissteigerungsraten, die lange Quartale kaum existent waren, sind plötzlich wieder beachtlich. Eine anziehende Inflation aber ist ein Hauptgrund in Gold zu investieren, schließlich genießt das Edelmetall den Ruf, in inflationären Zeiten ein wertbeständiger, sicherer Hafen zu sein.

Der dritte Grund für den Goldpreisanstieg liegt in der wachsenden Sorge vor einem größeren Rückschlag an den Finanzmärkten. Immer mehr Gurus und Anlagestrategen sagen größere Turbulenzen an den Märkten voraus. Der US-Investor Bill Gross hält die derzeitige Trump-Rallye an den Aktienmärkten für höchst gefährlich. Er warnt vor deutlichen Kursverlusten, die sich zu einem gewaltigen Börsencrash ausweiten könnten. Die Börsenindizes in den USA sind seit dem unerwarteten Wahlsieg der Republikaner kräftig gestiegen und bewegen sich momentan im Bereich ihrer Allzeithochs.

„Eine Ladung Nitroglycerin auf einer holprigen Straße“

Gross glaubt nicht, dass Trump seine ökonomischen Versprechen tatsächlich erfüllen wird. Für ihn ist der neue US-Präsident jedoch nicht das größte Risiko an den Kapitalmärkten. Die eigentliche Gefahr sei die immer rasanter steigende weltweite Verschuldung. „Der weltweite Schuldenberg ist größer ist als zu Beginn der Finanzkrise im Jahr 2008“, sagt Gross. In den USA seien die ausstehenden Kredite von 65 Billionen Dollar mittlerweile dreieinhalbmal so groß wie die jährliche Wirtschaftsleistung. „Unser stark kreditfinanziertes System ist wie eine Ladung Nitroglycerin auf einer holprigen Straße“, beklagt er.

Nun warnt auch der Nobelpreisträger Robert Shiller vor einem „Platzen der Blase“ wie im Jahr 2000 nach dem New-Eceonomy-Boom. Damals wurden nach Meinung des Nobelpreis-Gewinners viele Händler in den Bann einer „Neuen-Ära”-Story mit Blick auf technologischen Wandel gezogen. Das Internet habe amerikanische Unternehmen neu definiert und traditionelle Bewertungsmaßstäbe am Aktienmarkt überflüssig gemacht. Heute ist der Impulsgeber dagegen politischer Natur: Donald Trump und dessen kühnen Pläne, die Regulierung zurückzufahren, Steuern zu senken und die Wirtschaft mit einem Billionen Dollar schweren Infrastruktur-Programm anzutreiben. „Beides sind revolutionäre Ideen“, sagt Shiller. Er hatte sich wegen seiner Warnungen zur Dot-Com-Manie und zur Schieflage am Häusermarkt, die zur globalen Finanzkrise führte, einen Namen gemacht. „Dieses Mal ist ein großer Führer aufgetaucht. Die Idee ist, dass alles anders ist.“

Ein Faktor, der Shiller zu Vorsicht bei amerikanischen Aktien bewegt, ist das Zykus-bereinigte Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P 500. Der Maßstab liegt zwar noch immer 30 Prozent unter dem Hoch des Jahres 2000. Doch er zeigt, dass Aktien derzeit so teuer sind wie am Abend vor dem Markteinbruch von 1929. „Der Markt ist deutlich überteuert“, sagt er. „Das ist nicht so intellektuell, wie Leute glauben wollen oder wie Volkswirte es einen glauben machen wollen.“

Gold schützt vor dem Crash

Kommt es aber zu einem Crash, dann wäre Gold das Anlageintrument der Wahl. Vor diesem Hintergrund platzieren Hedgefonds und andere institutionelle Anleger immer mehr Wetten auf steigende Gold-Kurse. An der US-Edelmetallbörse Comex haben sich die sogenannten Long-Positonen seit Jahresbeginn auf mehr als 120.000 verdreifacht. Im Sommer 2016 waren es allerdings doppelt so viele. Damals — kurz nach dem britischen Brexit-Referendum und wenige Monate vor der Wahl Trumps zum US-Präsidenten — kostete Gold mit knapp 1.400 Dollar so viel wie seit zwei Jahren nicht.

Neben der Entwicklung am Terminmarkt signalisierten die unverändert hohen Edelmetall-Bestände börsennotierter Gold-Fonds (ETF) eine unverändert große Attraktivität der „Antikrisen-Währung“, betont UBS-Experte Schnider. Diese ETF halten derzeit rund 54 Millionen Feinunzen Gold, also 1.680 Tonnen. Das sind zwar etwa vier Prozent weniger als im vergangenen Sommer, aber rund 15 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Unter den Profis wird Gold wieder stärker in die Anlageerwägungen einbezogen, denn auch wenn damit keine Dividende und keine schnelle Kursverdopplungen verbunden sind, schützt es doch allemal vor einem handfesten Wertverlust, wenn die Aktienmärkte crashen. Deswegen steigt sein Kurs selbst in der Woche einer Leitzinserhöhung.

Mehr zum Börsengeschehen dieser Woche finden Sie hier.

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