Wir können Gott nicht einfach abschreiben. Martin Walser

Haltet an am Gebet

Berlin, 19. Dezember 2016. Es ist geschehen. Wer seinen Verstand beieinander hat, sah das kommen. Politische Schuldzuweisungen verbieten sich, denn alles ist dazu gesagt. Was bleibt, ist das Gebet für die Opfer – und für die Täter.

Es ist also geschehen. Und die Umstände sind von erschreckender logischer Direktheit. Ein junger Pakistani, der über Passau nach Deutschland eingereist ist und sich vermutlich als syrischer Bürgerkriegsflüchtling getarnt hat. Ein Weihnachtsmarkt an einer der symbolträchtigsten Kirchen Deutschlands, die speziell zum Frieden mahnt. Ein Platz, der von großen Straßen umgeben ist und durch einen scharfen Knick die ungebremste Terrorfahrt mitten in den zu dieser Stunde sehr belebten Weihnachtsmarkt möglich macht. Das muss man denjenigen, die ein möglichst schlimmes Horrorszenario erzeugen wollten, zugestehen: die Tat ist zu 100 Prozent gelungen.

Katrin Göring-Eckardt von den Grünen hat getwittert: „Das ist eine furchtbare Nacht. Trauer und Mitgefühl. Nichts sonst jetzt!“ Offenbar hat sie nicht viel von dem verstanden, was sie als profilierte Vertreterin der evangelisch-lutherischen Kirche eigentlich verkündigen sollte. Die Trauer ist ebenso selbstverständlich wie das Mitgefühl. In ihrer Position müsste sie aber wissen, dass hier das wesentlichste Element fehlt: das Gebet, und zwar speziell und ausdrücklich das christliche Gebet für die Täter. Denn es war ja nicht nur möglicherweise dieser dieser Pakistani, dessen Hölle im Kopf offenbar so schlimm ist, dass er eine solche Tat begehen konnte. Welccher junge Mann auch immer die Tat veübt hat: er hatte Hintermänner, zumindest geistige. Mitgefühl reicht hier nicht, weder für die Opfer noch für die Täter. Frau Göring-Eckardt, Sie haben versagt!

Als ich im Jahre 2000, also noch vor den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center vom 11. September 2001, durch den Norden Pakistans reiste, habe ich auf den Schreibtischen der Behördenvertreter und Geschäftsleute, die ich besuchte, häufig das Bild des Ayatollah Khomeini gesehen, gerahmt, an einem Ehrenplatz. Als ich im Jahre 2004 wieder im Lande war, standen neue Bilder daneben: Mullah Omar und einmal auch Osama bin Laden. Seit dieseem Erlebnis, und das ist über zwölf Jahre her, weiß ich, was uns im westlichen Abendland erwartet. Falls es dieser junge junge Pakistani war, der in Berlin gestern als Terrorist in Erscheinung trat: er hat solche geistigen Vorbilder. Wer immer am Lenkrad des LKW saß, der zur Mordwaffe wurde: in ihm ging die Saat des Terrors auf. Weltweit fallen Täter auf, die aus dem afghanisch-pakistanischen Kulturkreis kommen, und sie alle haben den Terror höchstwahrscheinlich aus seinem heimatlichen Kulturkreis mitgebracht.

Ein Religionskrieg ungeahnten Ausmaßes

Seit rund einem Jahrzehnt sage ich es, und ich sage es heute wieder: das 21. Jahrhundert wird als Zeitalter der Glaubenskriege in die fernere Geschichte eingehen. Klammert man hier den Nationalsozialismus aus, der natürlich in Wirklichkeit eine starke okkult-religiöse Komponente hatte und eine Revolte gegen den christlich-römisch geprägten Geist Europas war – klammert man also diese schreckliche und menschenfressende Ideologie aus, dann fällt der Blick auf die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Der Jesuitenpater Friedrich Spee schrieb im Jahre 1622 ein bewegendes Kirchenlied, das in guten Elternhäusern jedes Kind im Advent singt:

O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf,
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

Doch die kulturelle Auseinandersetzung des 21. Jahrhunderts wird wohl größer und härter als das, was die Menschheit bisher sah. Das liegt an der völlig logischen und einfachen Tatsache, dass es derzeit weit mehr Menschen auf der Erde gibt als je zuvor. Starke Antriebe für den Islam, in dessen Offenbarung, speziell in den medinischen Suren des Koran, die Gewalt verankert ist, sind dabei der Kolonialismus vergangener Tage und die derzeitige wirtschaftliche Globalisierung. Doch diejenigen, die hierzulande und heutzutage getroffen werden, sind an möglichen Verbrechen und Kränkungen, die ihre Vorfahren ausgelöst haben könnten, unschuldig. Friedrich Spee dichtete weiter:

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.

Auch die versiertesten Beobachter straucheln

Eine der verlässlichsten Analystenstimmen ist die von Gabor Steingart, dem Herausgeber und Chefredakteur des Handelsblattes. Aber sogar seine Wahrnehmung ist in diesem Tagen kritisch zu hinterfragen. Steingart schreibt: „An sonnigeren Tagen eint uns das Wissen, dass die Geschichte der Menschheit eine Fortschrittsgeschichte ist.“ Diese sonnigen Tage sind bei allen, die 2004 die Vorbeter des Terrors auf pakistanischen Ministeriumsschreibtischen stehen sahen, schon lange vorbei. So klar ist die Lage. Bitte aufwachen, Herr Steingart!

Der Handelsblatt-Titan fährt fort: „Auch in diesen schicksalhaften Stunden, in denen in Ankara ein Botschafter seinen Schussverletzungen erliegt und in Berlin ein Weihnachtsmarkt angegriffen wird, sind wir zur Zuversicht verdammt.“ Nein, sind wir nicht, Herr Steingart. Schon lange ist diese Zuversicht einer schrecklichen Vorahnung gewichen, die den Ereignissen des 19. Dezember 2016 verdammt ähnlich war. Und nun ist sie da, die Realität – in Mossul, in Paris, in Berlin.

Und richtig, auch beim sichersten Analytiker, für den Steingart – meistens zurecht – gehalten wird, verbreitet sich die Realität, aber nur teilweise: „Doch wir erleben hautnah, dass der Weg zum Licht zuweilen durch höhlenartige Katakomben führt. Hier unten singt man keine Kirchenlieder.“ Hier hat er wieder unrecht, der ansonsten so klarsichtige Beobachter, und er irrt fundamental! Gerade „hier unten“ singt man sie, die Lieder, die von christlicher Erlösung handeln. Das Christentum wurde aus Not und unter Verfolgung geboren, und es ist die Hoffung der Bedrängten, derjenigen, die gefoltert und gekreuzigt wurden und werden. Friedrich Spee beschließt sein Lied denn auch wie folgt:

Hier leiden wir die größte Not,
vor Augen steht der ewig Tod.
Ach komm, führ uns mit starker Hand
vom Elend zu dem Vaterland.

Die Skeptiker hatten Recht – wie schrecklich!

Wie schön wäre es gewesen, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer ungeheuer starken, ganz und gar mit christlichen Werten im Einklang stehenden Geste keine Dose der Pandora geöffnet hätte. Wie schön wäre es gewesen, wenn keiner derjenigen, die hierzulande die christliche Nächstenliebe erfahren haben, diese missbraucht hätte. Wie schön wäre es gewesen, wenn das völlige Zusammenbrechen der Grenzkontrollen im Herbst 2015 keine Terroristen, keine Menschschlächter in unser Land gebracht hätte und keine Anhänger eines religiösen Faschismus, der sich als Islam geriert. Aber so war es wohl nicht. Die Verfechter einer strikten Obergrenze für den Flüchtlingszuzug haben mit an sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nun Recht. Und leider haben auch einige der sogenannten Populisten Recht bekommen, obwohl sie ihre Parolen zuweilen in unerträgliche Rhetorik kleiden.

Berlin, 19. Dezember 2016. Es ist geschehen. Der Apostel Paulus, einer der genialsten Schriftsteller, den die Welt gesehen hat, fasst das Gebot der Stunde im zwölften Kapitel seines Briefes an die Römer, dort im Vers 12, unnachahmlich zusammen: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet.“

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sebastian Sigler: Deutschlands bester Spitzenbeamter

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