Friseurgespräche sind der unwiderlegliche Beweis dafür, dass die Köpfe der Haare wegen da sind. Karl Kraus

Tagesschau abschalten!

Ein junger Mann aus Afghanistan, der sich 2015 von der Bundeskanzlerin nach Deutschland eingeladen fühlte und seitdem hier als „unbegleiteter Minderjähriger“ lebte, vergewaltigt und ermordet eine 19jährige Medizinstudentin in Freiburg. Das erschüttert die Nation, doch seine Festnahme ist der Tagesschau keine Meldung wert. Das Ex-Flaggschiff der ARD-Nachrichten hat sich damit selbst abgeschaltet.

ard tagesschau flüchtlinge

Mitte Oktober hat ein schlimmes Verbrechen in Freiburg für Schlagzeilen und viele, viele Tränen gesorgt. Eine Medizinstudentin wurde auf dem Heimweg von einer Party mit Kommilitonen von ihrem späteren Mörder vom Fahrrad gestoßen, brutal vergewaltigt und anschließend im nahen Fluss grausam ertränkt. Die internationale Aufmerksamkeit war enorm, „Washington Post“ und „New York Times“ berichteten. Eine Mordserie wurde gar befürchtet, denn zwei Wochen nach dem kaltblütigen Sexualmord erlitt wenige Kilometer entfernt eine junge Frau, die als Läuferin trainierte, ein ähnlich entsetzliches Schicksal. Dann wurde für den ersten der beiden Fälle ein dringend Verdächtiger, der sich als Flüchtling getarnt hatte, gefasst. Und die Tagesschau schwieg.

Warum schwieg die Tagesschau?

Es ist nicht zu fassen. War es eine Schere im Kopf, die vom ersten Halswirbel durch die gesamte Schädelkalotte bis zur Augenhöhle reicht? War es Verblendung in dem Bemühen, einseitig etwas gegen vermutete Ängste zu tun, auch um den Preis, dass der journalistische Anspruch für lange Zeit zerstört ist? War gar ein Hass auf das Eigene, war eine geheime Wut auf junge Menschen, die von hierzulande stammen und ein Stück Zukunft dieses Landes sind, die Triebfeder für diesen Total-Blackout? Unter anderem verpasst das einst gewesene Nachrichten-Flaggschiff der ARD jedenfalls die Chance, klarzustellen, dass es sich hier um einen mutmaßlichen Täter in einem entsetzlichen Einzelverbrechen handelt und nicht etwa um einen neuen Hunnensturm, für den die aktuelle Migrationskrise ebenso wie der nachvollziehbare Andrang von wirklichen Flüchtlingen ja mancherorts auch gehalten werden.

Sprechen wir also über die ARD. Im „Handelsblatt“ werden Kommentare zu diesem Fall zitiert, die in den verschiedenen sozialen Netzwerken gepostet wurden: „Die ARD gehört ersatzlos wegen Dilettantismus geschlossen. Es ist eine unverfrorene Unverschämtheit, dass wir für diesen an Propaganda erinnernden Nanny-Journalismus noch bezahlen müssen.“ Und ein Kurt Köhler ergänzt demnach: „Liegt es vielleicht daran, dass bald Wahljahr ist und die Tagesschau auf Anweisung von Merkel nichts Negatives über Flüchtlinge bringen darf?“ Ein Marcel Heldt findet, dass sich die „Tagesschau“ „einfach nur lächerlich“ macht, denn national und international sei über den Fall berichtet worden. Ein Norbert Burger merkt an: „In der freien Wirtschaft würdet ihr für diese Arbeit sang und klanglos untergehen. (…) Aber ihr habt ja noch die Zwangsabgabe, die euch, egal wie schlecht ihr seid, den Hintern rettet. So eine Wohlfühloase hätte ich auch gerne auf der Arbeit.“

Ein Redaktionsleiter versucht, sich zu erklären

Der Chefredakteur von ARD-Aktuell, Kai Gniffke, nahm die Redaktion indessen in Schutz: „Tagesschau-Redakteure sind nicht gefühllos!“ Wobei weder ihm noch der Redaktion das je unterstellt worden ist. Die Frage ist jedoch, für wen die Tagesschau Gefühle entwickeln kann. Junge deutsche Studentinnen – und Studenten – gehören augenscheinlich nicht primär in diese Gruppe. „Mir fällt es unendlich schwer, jetzt quasi technokratisch zu erklären, nach welchen Nachrichtenkriterien wir diesen Fall bewertet haben“, schrieb Chef-Tagesschauer Gniffke in einem hauseigenen Blog auf tagesschau.de vom 4. Dezember spätabends – und diese Beichte klingt sehr nachvollziehbar.

Dann jedoch wird es interessant. „Die Tagesschau berichtet über gesellschaftlich, national und international relevante Ereignisse“, schreibt Gniffke weiter. Also doch wohl über solche, die zum Beispiel angesehenen internationalen Zeitungen wie der „Washington Post“ eine große Berichterstattung wert sind? Nicht so bei Herrn Gniffke: „Da zählt ein Mordfall nicht dazu“, schreibt er direkt zu diesem Fall. Er sieht hier also kein gesellschaftlich relevantes Ereignis.

Ein solcher Mordfall: nicht relevant?

Herr Gniffke, meinen Sie das wirklich ernst? Ein Mordfall wie dieser „nicht relevant“? Erklären Sie sich nur weiter! „Also mussten wir in den vergangenen Tagen prüfen, ob sich der Freiburger Fall von anderen Mordfällen abhebt. Dies haben wir nicht so gesehen und deshalb den Tod der jungen Frau nicht gemeldet. Und genau aus demselben Grund haben wir auch gestern bei der Verhaftung des Tatverdächtigen diesen Maßstab nicht verschoben.“ Was bedeutet, dass in der Tagesschau der Zusammenhang zwischen Flüchtlingsproblematik und Verbrechen durch Flüchtlinge entweder nicht erkannt wird oder – ja, was wäre das „oder“? Das sind doch Profis bei ARD aktuell! Und dann würde das zwangsläufig heißen, dass die „nationale Relevanz“ sehr wohl bekannt war, aber in diesem Fall bewusst verschwiegen werden sollte. Gniffke setzt auch eilfertig nach: „Die Herkunft des mutmaßlichen Täters hat also mit dieser Entscheidung nichts zu tun.“ Als ob er genau das auch wüsste: dass ebendies für viele Menschen die Relevanz ausmacht.

„Bitte glauben Sie mir, dass ich mich schwer tue, bei einem Mordopfer von fehlender Relevanz zu sprechen. Das klingt zynisch“, schreibt der Tagesschau-Redaktionsleiter dann noch. Stimmt! So klingt es! Ziehen Sie darum die Konsequenz, ziehen Sie sich selbst den Stecker, Herr Gniffke – sofort! Für die Abschaltung Ihrer Sendung könnten dann demnächst die Wählerinnen und Wähler sorgen. Indem sie einer Koalition zur Mehrheit verhelfen, die die Manipulationsbude, zu der die einst ruhmreiche Tagesschau offenkundig verkommen ist, sang- und klanglos aus dem Programm nimmt, vielleicht im Rahmen einer ARD-Reform. Wie es in den Kommentaren, die in sozialen Netzwerke zu lesen sind, schon jetzt hundertfach gefordert wird.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sebastian Sigler: Fusions-Aus schwächt Standort Deutschland

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