Ich würde mich schämen, wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen würden. Josef Ackermann

Go-Betweens: Hitler und der Adel

Die Frankfurter Buchmesse hat ihre Tore für ein Wochenende allen Lesern weit geöffnet. Unter der Vielzahl der Bücher ragen einige wenige heraus. Das Nachdenken über die Katastrophen des 20. Jahrhunderts und die Folgen daraus für unsere Jahrzehnte bekommt neue Anstöße. Und natürlich zieht ein Name wie kein zweiter: Adolf Hitler.

Karina Urbach ist hierzulande noch recht wenig bekannt. Dabei sie ist eine der ganz ausgezeichnet arbeitenden, zurecht hochgelobten jungen Historikerinnen, die die Früchte einer grundsoliden Ausbildung mit der englischen Erzählkunst zu verbinden wissen. Nun legt sie ein Buch vor, bei dem es zwar um Hitler geht, eigentlich jedoch vielmehr um das alte Europa, das das neue Europa wesentlich prägt.

Die Nipperdey-Schülerin, die seit einigen Jahren in London forscht, legte bereits eine gefeierte Biographie der Königin Victoria vor. Im letzten Jahr hat sie „Go-Betweens for Hitler“ veröffentlicht, was ihr deutscher Verlag mit „Hitlers heimliche Helfer“ übersetzt; das greift etwas zu weit, wie später gezeigt wird. Karina Urbach, die nun auch einen Ruf an das Institute for Advanced Studies in Princeton, USA, erhalten hat, blieb sozusagen im Adelsfach. Und wieder sieht es für die Forscherin, die mit dem bayerischen Habilitationsförderpreis ausgezeichnet wurde, nach einem großen Erfolg aus.

Die deutsche Medienlandschaft ist höchst erfreut. Endlich wieder ein Buch, aus dem herauszulesen ist, dass „der Adel“ mit Adolf Hitler paktierte! Claus Schenk Graf von Stauffenberg sei eine Ikone, die immer herhalten müsse, um zu belegen, dass „der Adel“ nur widerwillig in den Krieg geritten sei, sich ansonsten aber peinlich genau aus allem Unrecht und allem, was mit Kriegsverbrechen und Völkermord zu tun hatte, herausgehalten habe – aber so sei es gar nicht. Es gehört zu einem bestimmten Weltbild, darauf zu beharren, dass erstens Hitler mit dem Adel paktiert habe und der Adel mit ihm. Und dass zweitens dieser Adel natürlich durch und durch von Rechtsradikalität und Nationalsozialismus durchzogen war. Die Süddeutsche Zeitung ist hier einmal mehr vorneweg. Ein eigentlich recht sachliches Interview mit Karina Urbach übertitelte jüngst die von Ausgewogenheit meilenweit entfernte Münchner Umlandzeitung mit: „Adel vernichtet“. Was weder einer Autorin noch dem Buch, sondern nur dem Narzissmus alternder 68er-Ideologen gerecht wird, deren mediales Flaggschiff die „Süddeutsche“ zu sein scheint.

Was steht drin in „Hitlers heimliche Helfer“?

Bemerkenswerterweise behandeln die ersten Zeilen des Buches jene Filmsequenz aus dem Privatleben der Windsors, die im letzten Jahr so viel Wirbel auslöste: die kleine, etwa siebenjährige Elizabeth zeigt, angeleitet durch Vater und Mutter, den Hitlergruß. Auf den ersten 80 Seiten wird dann die Grundlage für die späteren Thesen hergeleitet, und bereits hier geht es um den europäischen Adel, in den der deutsche Adel hineinverwoben war, als Beispiel sei Max Egon II. Fürst zu Fürstenberg herausgegriffen, der die katholisch-österreichische Seite abdeckte und der zu einem der europäischen Türöffner für Hitler werden sollte. Auch im folgenden, etwa gleich starken Kapitel, das die Jahre des Ersten Weltkriegs behandelt, liegt der Fokus auf einer gesamteuropäischen Sichtweise.

Der Leser wird mit dem Begriff des „Go-Between“, der mit „heimlichem Helfer“ etwas unbefriedigend übertragen wurde, in den ersten beiden Kapiteln vertraut gemacht. Und natürlich lernen die Leser in allen auch viele, allzu viele deutsche „Go-Betweens“ kennen. Vor allem aber sind diese rund 160 Seiten eine Tour d’Horizon durch das in mehr als tausend Jahren organisch gewachsene alte Europa, dessen radikale Umwandlung und Zerstörung mit Hitler seinen schrecklichen Höhepunkt finden sollte. Allein schon für diese schlüssige Darstellung lohnt die Lektüre!

Das dritte Kapitel behandelt ein wesentliches Motiv, das eine Gemeinsamkeit zwischen dem Sozialisten Hitler – denn das war er! – und dem europäischen Hochadel herstellte: die Furcht vor dem russischen Bolschewismus. Auch wenn heutigen Alt-68ern der Blick darauf verstellt ist: angesichts grauenerregender Völkermorde, die sich im Russland der Sowjets abspielten, war diese Furcht berechtigt. Dies bewog zum Beispiel den schwedischen König zunächst zu einer freundlichen Haltung dem Diktator gegenüber. Doch das Spiel, was Hitler mit Menschen trieb, war perfide. Das ist bei Karina Urbach sehr gut für den Adel nachgezeichnet, aber es betraf natürlich das Bürgertum, zumal das unternehmerisch engagierte Großbürgertum, ganz genauso.

Der Blick in Hitlers Deutschland

Zwei Vertreter des deutschen Hochadels treten in Urbachs Buch sodann in den Mittelpunkt: Carl Eduard Herzog von Coburg und Prinzessin Stéphanie zu Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst, die als Stephanie Richter in Wien das Licht der Welt erblickt hatte. Die Kapitel über diese beiden schillernden Persönlichkeiten sind eigentlich kleine Biographien innerhalb des opus magnum, sie sind sorgfältig gezeichnet, und sie zeigen ein erschreckendes Maß an Sympathie für die radikalen Ansichten des Nationalsozialisten, an Doppelbödigkeit und Verblendung. Eine dritte, ausführliche, prosopographische Studie über Prinz Max Egon zu Hohenlohe-Langenburg betrifft dann schon wieder einen „Go-Between“ aus Österreich-Ungarn. Doch reichen diese Lebensbilder, garniert mit mancherlei Namen, die auch hier und da Sympathie bezeugten, um dem Buch den deutschen Untertitel „Der Adel im Dienst der Macht“ zu geben? Blättern wir noch ein wenig weiter.

Der Herzog war durch persönliches Erleben rund um den Ersten Weltkrieg stark traumatisiert, die Prinzessin zu Hohenlohe war ein Wiener Bürgerkind mit einem extrem starken Drang zu Höherem. Karina Urbach beschreibt die beiden völlig zu Recht als Botschafter und Mittäter des Dritten Reichs, aber als Randfiguren im Adel. Sie führt damit, und das ist nicht negativ gemeint, ihre eigene Fragstellung zu guten Teilen ad absurdum. Kann angesichts dessen der Untertitel des Werkes bestehen? Stand „der Adel“ in den 1930er Jahren im Dienst „der Macht“?

Adel hatte organisch gewachsenes Netzwerk über Landesgrenzen hinweg, man vertraute sich, das arbeitet Karina Urbach fein heraus. Verwandtschaftsbesuche über Landesgrenzen waren völlig unauffällig, so fiel auch das Adelsnetzwerk nicht auf, das für Hitler tätig war. Mit erfreulicher Präzision arbeitet die Autorin heraus, dass der deutsche Diktator im gesamten europäischen Adel Sympathisanten hatte. Eine kleine Schwäche: den Netzwerkgedanken wendet Karina Urbach quasi nur auf die Sympathisanten an. Das Netzwerk des Widerstands, das häufig in direkter Ambivalenz damit verknüpft war, erschließt sich ihr damit nicht. Ein Beispiel: offen bleibt für die Autorin, warum sich Wilhelm v. Flügge, offiziell ein Generalbevollmächtigter der IG Farben, mit Prinzessin Stéphanie getroffen hat. Nun, Flügge gehörte zum arkanen Netzwerk des Widerstands, Augenzeugen berichteten es, und seit kurzem ist es durch Forschung belegt. Die Spannung, die auf dieser anscheinend kleinen Begegnung lag – sie entgeht der Autorin.

Sympathie für den Diktator – quer durch Europa

Adelige, die für Hitler warben und tätig waren – überall waren sie eine erkennbare Gruppe. Dass diese Gruppen Adeliger in ganz Europa noch niemand zum Gegenstand einer großen Monographie gemacht hatte: eine Lücke. Karina Urbach hat begonnen, sie zu schließen. Dass das noch nicht zur Gänze gelang, liegt daran, dass die einschlägigen Archive herrschender Häuser bis heute verschlossen sind, wenn es um die Zeit des Nationalsozialismus geht. Allen voran halten die Windsors ihre Archive hermetisch verriegelt. Eine so strikte, generelle Verweigerung, auch gegenüber einer renommierten Historikerin wie Karina Urbach – das ist quasi eine Selbstanklage. Wie viele Windsors zeigten heimlich den Hitlergruß? Wer das wissen wollte, der weiß es noch nicht, aber wir ahnen es, denn „Hitlers heimliche Helfer“ ist gründlich recherchiert und mit großer Sachkenntnis geschrieben worden.

Adolf Hitler hatte viele heimliche Helfer im Arbeitermilieu und im Kleinbürgertum, denn dort befanden sich sehr viele Sozialisten, deren Sprache er sprach, mit denen er sich – in einem Sozialismus sui generis – verbunden sah. Mit ihrer Monographie hat Karina Urbach zugleich gezeigt, dass es – ein total gleichgeschaltetes Deutschland der frühen 1940er Jahre ist hier wohl auszunehmen – eben keine Mehrheit der Adeligen war, die Hitler folgte. Sehr viel konnte Urbach mit ihrem neuen Buch verdeutlichen, aber eines wollte sie nicht: den Adel vernichten. Das scheinen nur die Süddeutsche Zeitung und mit ihr diejenigen zu wollen, die auch die kleinsten Reste des alten Europa – wohlgemerkt: vor Hitler – am liebsten hinwegfegen möchten. Eine solche Presse hat das im wörtlichen Sinne hervorragende Buch von Karina Urbach nicht verdient. Vielmehr sind dem Werk viele Leser zu wünschen; bereuen wird diese Lektüre wohl niemand. Zumal Register, Anmerkungen und Bibliographie mustergültig aufbereitet sind.

Der Verlag hätte das Werk unterstützen können

Bliebe noch die Frage nach dem Untertitel, den der Theiss-Verlag der deutschen Ausgabe des Werkes gab. Und legt man das Buch dann zur Seite, ist das Ergebnis klar: Dieser Untertitel ist irreführend, denn er ist eine Tautologie. „Der Adel“ stand und steht immer im Dienst der Macht, das ist sein Zweck, seine Bestimmung von alters her. Hätte die Autorin selbst diesen Aspekt hervorheben wollen – die englische Originalausgabe hätte wohl einen entsprechenden Untertitel gehabt. Und natürlich mussten hierzulande „süddeutsche“ Alt-68er darauf hereinfallen. Den Untertitel wegzulassen: Damit hätte der Verlag dem Werk einen Dienst erwiesen. Zumal der englische Titel „Go-Betweens for Hitler“ lautet – wörtlich übersetzt: „Vermittler für Hitler“. Damit ist von einem Adel, der sich in einer wie auch immer definierten Gesamtheit dem Diktator zur Verfügung gestellt hätte, bei Karina Urbach keine Rede.

Doch diese offenkundige Absicht des Verlags, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erheischen, soll nicht irritieren. Dieses Buch ist lesenswert. Den meisten Ertrag werden diejenigen Leser daraus ziehen, die eine Studie über die Netzwerke des alten Europa – gerne auch: des Adels in Europa – suchen. Und die sich immer wieder erschüttern lassen von dem Ausmaß der Zerstörung, das der Nationalsozialismus hinterlassen hat. Unter diesem Aspekt ist Karina Urbach ein großartiges Buch gelungen.

Urbach, Karina
Hitlers heimliche Helfer
Der Adel im Dienst der Macht
ISBN 9783806233834
Hardcover, 464 S. mit 10 s/w Abb., Bibliographie und Register

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