Es gibt in Europa keine Bereitschaft sich des Krieges von 1914 gemeinsam zu erinnern. Christopher Clark

Angela Merkel zwischen Skylla und Charybdis

Das Wahlergebnis in Mecklenburg-Vorpommern hat viele Facetten. Manches ist auch noch unklar. Nur ein Ergebnis steht fest: Angela Merkel ist nicht mehr alternativlos. Und vielleicht haben die verständlicherweise triumphierenden AfD-Vertreter richtig erkannt, dass dieser Abend einst das Ende ihrer Kanzlerschaft genannt werden wird.

Χάρυβδις ist ein gestaltloses Meeresungeheuer in der griechischen Mythologie, das gegenüber der Σκύλλα an der Meerenge von Messina gelebt haben soll. Die beiden äußerst gefährlichen Zeitgenossen bedrohten Odysseus und seine Gefährten, als diese die Meerenge zwischen Sizilien und dem italienischen Festland passierten. Sie brachten diese mythologisch höchst bedeutsame Seereise fast zum Scheitern. Ovid beschreibt die Σκύλλα in seinen Metamorphosen. Demnach ist sie ein Meeresungeheuer mit dem Oberkörper einer wunderschönen, jungen Frau und einem Unterleib, der aus sechs Hunden besteht.

„Wir schaffen – was?“

An die beiden Ungeheuer mag Bundeskanzlerin Angela Merkel in den letzten Tagen öfter gedacht haben. Denn das Wahlergebnis aus Mecklenburg-Vorpommern war vorhersehbar. Am Wahltag von Schwerin jährte sich der Tag, an dem der inzwischen geflügelte Satz „Wir schaffen das!“ in der Bundespressekonferenz fiel, ausgesprochen von niemand anderem als der Bundeskanzlerin. Sie hat sich damit auf eine Weise festgelegt, die nun zu einer großen Gefahr für Ihre Kanzlerschaft wird. Denn natürlich ist die Öffnung der Grenzen im September 2015 nebst aller Folgen zu schaffen gewesen, aber eine Mehrheit der Menschen in Deutschland scheint dies nicht zu goutieren. Anders ist nicht erklärbar, dass eine Protestpartei ohne ernstzunehmendes oder kohärentes Programm in allen Landtagswahlen seither derart hohe Gewinne erzielt.

Die Alternativen, die sich in Schwerin nun ergeben, sind allesamt mehr als unerquicklich für die Kanzlerinnenpartei, die CDU. Entweder es bildet sich eine große Koalition der Wahlverlierer, denn auch die SPD hat ja deutlich Federn gelassen, oder ein rot-rotes Bündnis zieht in Schwerin seine klandestin-spätkommunistischen Fäden, denn in der Hülle der Linken steckt die alte SED.

Die Gespräche Merkels mit dem türkischen Machthaber, dessen Gebaren an einen mitteleuropäischen Diktator des Jahres 1933 erinnert, auch wenn der seine Gefängnisse nicht KZ nennt, diese Gespräche also sind irgendwo zwischen Kotau und Eiertanz einzuordnen. Und sie werden vielleicht – vielleicht! – dazu führen, dass die Kanzlerkandidatin Merkel im Sommer und Herbst 2017 halbwegs stabile Ergebnisse in ihrem Wahlkampf präsentieren kann. Die Wahlen zum Schweriner Landtag hat die CDU-Chefin dabei ignoriert. Von Süd-China aus sieht sie, augenscheinlich wenig gerührt, dabei zu, wie ihre Partei in ihrem Heimatbundesland auf den dritten Platz abstürzt.

Nicht mehr alternativlos

Nun, sie hatte wohl keine Wahl. Gelegenheiten wie ein G20-Gipfel sind rar, und so hat denn die Kanzlerin offenkundig ihr Heimat-Bundesland geopfert, um eine theoretische Chance auf die Wiederwahl zu haben. Und die wird sie wohl bekommen, denn in ihrer eigenen Partei ist sie noch alternativlos – dafür hat sie wirksam gesorgt.

Aber das betrifft eben nur die CDU. In der politischen Landschaft Deutschlands ist die Bundeskanzlerin längst nicht mehr, was sie so lange war: ohne Alternative. Doch mitnichten ist die Partei, die ebendieses Wort in ihrem Namen führt, eine Alternative zu Merkel. Denn die AfD hat, wie erwähnt, kein kohärentes Programm, auch wenn darum redlich gerungen wurde. Fairerweise sei also spezifiziert: noch hat die AfD kein Programm. Vor allem wegen der immer größeren Wählerschichten, die der CDU nun wegbrechen, ist eine Alternative zu Merkel im Herbst 2017 wahrscheinlich geworden. Sie lautet aber eben nicht AfD, sondern Rot-Rot-Grün.

Angesichts dessen sei nun doch die Mythologie nochmals zu Rate gezogen: Was passiert wäre, wenn die Bundeskanzlerin die völlig unvorhersehbar agierende Χάρυβδις namens Erdogan außer Acht gelassen hätte – man mag es sich wahrlich nicht vorstellen. So hat sie sich vorerst an der Σκύλλα namens AfD vorbeizumogeln versucht, wobei deren Kopf ja durchaus dem der Co-Vorsitzenden ähneln könnte, von einem Vergleich ansonsten aber höflich abgesehen wird. Wie dem auch sei: dieses Vorbeimogeln gelang der Noch-Kanzlerin nicht ohne den Kollateralschaden einer katastrophal verlorenen Landtagswahl in ihrer Heimat.

Nun hofft Angela Merkel wohl, wie Odysseus am Ende beiden Ungeheuern zu entgehen. Doch anders als in der Sage reagiert in der schnöden Realität heutiger Tage die Σκύλλα auf die Χάρυβδις und wird durch sie immer, immer größer. Das sind schlechte Aussichten für die Merkelsche Kanzler-Trireme. Der Untergang mit Mann und Maus, er droht spätestens im Herbst 2017. Und rot-rot-grün wird das aufgewühlte Meer dann leuchten.

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