Die Fußstapfen, in die ich hier trete, sind im wahrsten Sinne des Wortes groß. Ilse Aigner

Westlicher Konsum und Islamischer Staat

Der Islam ist ein System, das von der Religion ausgehend das ganze soziale Gefüge einer Gesellschaft auf totale Weise beansprucht. Dazu gehört auch die Wirtschaft. Eine Reaktion auf diesen Anspruch wird uns nicht erspart bleiben.

Markenbindung ist ein wahrer Zauber. Jeder kennt das. Der Autor dieser Zeilen zum Beispiel läuft mit Schuhen, die drei Streifen haben, durch den Park, und er wird niemals die Marke wechseln. Und als er noch Anzüge von der Stange kaufte, war natürlich ein Boss das Maß der Dinge. Eine Kamera, eine Tasche aus edlem Leder, ein schweres Schreibgerät – ach, ist es nicht schick, für ein paar hundert Euro mit einer arabischen Fluglinie, deren Name schon nach Fernweh klingt, in ein sonniges Land zu fliegen, in dem es sehr exotisch ist, weil alle Frauen so schön verschleiert sind und in dem sich ein Konsumtempel an den nächsten reiht?

Klar, superschick! Die Skyline beeindruckt, die Kamele sind willkommene exotische Staffage, und die Treter mit den drei Streifen sind nicht einmal halb so teuer! Der so überraschend preiswerte Flug hat sich rein rechnerisch bald mehr als amortisiert – wenn nur die Einkaufstüten groß genug sind. Doch was steckt hinter all dem Konsum? Werfen wir rechtzeitig zu Ostern, wenn Geschenke gekauft und Flugreisen angetreten werden, einen Blick auf die religiösen und weltlichen Hintergründe.

Die westliche Gesellschaft definiert sich selbst als „frei“, womit die völlige Freiheit der Entfaltung in persönlicher Hinsicht gemeint ist – solange dadurch nicht die Interessen oder Gefühle Anderer beeinträchtigt werden. Die verbindlichen Regeln sind auf ein Minimum beschränkt, und der durch das Christentum geprägte Begriff der Nächstenliebe sorgt, inzwischen in eine umfangreiche Sozialgesetzgebung umformuliert, für einen wirksamen Schutz der Schwächeren.

Nach diesem Gesellschaftsmodell ist auch unser wirtschaftliches System geformt. Es gilt die freie Entfaltung am Markt, das Recht, Firmen zu gründen und die Pflicht, in Wettbewerb zu treten – solange dies alles fair geschieht und nicht Kartelle zulasten der Verbraucher oder anderer Unternehmen gebildet werden. Die verbindlichen Regeln sind auf ein Minimum beschränkt, und der speziell bei Calvin, aber auch bei Luther finden sich Regeln, die heute unser Wirtschaftsrecht prägen. Von der katholischen Kirche hat der Westen überliefert bekommen, was schon bei den Römern bekannt war: dass wirtschaftliches Handeln letztlich keine Grenzen kennt. Das griechische καθολος bedeutet „allumfassend“, also weltumspannend. Die biblischen Aussagen zur Wirtschaft sind dagegen indirekt. Es sind Hinweise, vorwiegend moralischer Natur, und sie stellen kein kohärentes System dar.

Darlehen als Todsünde

Ganz anders geht die Offenbarung des Koran mit wirtschaftlichen Fragen um. Das Zinsverbot, das Riba, ist als absolute Grundlage des wirtschaftlichen Handelns zu sehen. In den Suren 2 – und dort gleich mehrfach – sowie 3, 4 und 30 ist das Leihen und Verleihen von Geld als „Hauptsünde“ gekennzeichnet. Übertragen gesprochen: eine Hypothek auf’s Häuschen ist eine Todsünde. Füglich ließe sich darüber diskutieren, ob die Überschuldung von Unternehmen und ganzen Staaten eine auf Dauer sinnvolle Angelegenheit sei, aber es ist sicher, dass die großen Bankhäuser schon ab der Renaissance-Zeit die Erforschung und Nutzbarmachung vieler Ressourcen aus der ganzen Welt maßgeblich vorangetrieben haben. Das ist die Grundlage des Reichtums der westlichen Welt, und diese Grundlage haben streng muslimisch agierende Menschen und Systeme nicht.

Wer in den Sommermonaten durch München geht, bemerkt eine offenkundige Freude am Konsum, den viele augenscheinlich steinreiche Menschen aus dem arabischen Raum zur Schau stellen. Doch das Ausgeben von vorhandenem Geld und unternehmerisches Handeln sind zwei unterschiedliche Dinge. Wenn es in Saudi-Arabien Privatgaragen gibt, in denen 300 Nobelkarossen aus europäischer Produktion stehen, dann darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass sehr viele der Menschen, die der Lehre des Koran folgen, bislang überhaupt kein Mittel gefunden haben, um mit dem innovativen, gewinnorientierten und zu gleich sozialen Denken, das dem westlichen Wirtschaftssystem zugrunde liegt, auch nur annähernd zu konkurrieren.

Wirtschaftstheorie und Glaubenspraxis

Es gibt natürlich einen großen Unterschied zwischen den theoretischen Ansprüchen und praktischer Durchsetzung. Kann denn diese Offenbarung, in der auch Mordaufrufe an Andersgläubigen ihren Platz haben, überhaupt gegen die Werte des freien Denkens, einer freien Gesellschaft, einer freien Wirtschaft konkurrieren? Oh ja, diese Offenbarung kann das. Aber nur, wenn viel, viel Bargeld oder Milliarden auf Bankkonten im Spiel sind. Nehmen wir nur das Beispiel der arabischen Fluglinien Emirates, Etihad und Qatar Airways, die in den Saudi-Arabien benachbarten Emiraten beheimatet sind und mit denen man so hübsch exotisch zu den arabischen Konsumtempel fliegen kann.

Die arabischen Airlines sind in den Heimatländern weitgehend steuerbefreit und machen der deutschen Lufthansa, aber auch anderen europäischen sowie der amerikanischen Airlines auf eine Weise Konkurrenz, die mit westlichen Augen nur als höchst unfair bezeichnet werden kann. Nach den im Koran niedergelegten Moralvorstellungen ist das dagegen völlig unkritisch. Wenn aufgrund von Subventionen und Bargeld die Ungläubigen unfair unterboten werden können, dann ist das Allahs Wille – basta.

Die Arabischen Emirate, in denen die Konsumtempel stehen und die Fluglinien ihren Sitz haben, sind Saudi-Arabien nicht nur benachbart, sie sind auch in jeder Hinsicht abhängig. Nicht zuletzt finanziell. Wer in Dubai groß einkauft, muss sich fragen, ob die Gewinne daraus nicht in Saudi-Arabien landen. Was ja an sich kein Problem wäre, obwohl dieses Land von einer mittelalterlich anmutenden Autokratenfamilie regiert wird. Auch, dass diese Familie hunderte von Menschen willkürlich köpfen und aufhängen lässt, könnte uns egal sein – falls uns unsere Moral ein wenig abhanden gekommen ist. Viel Freude beim Einkauf!

Kreuzigungen tagtäglich, im 21. Jahrhundert

Aber die Sache geht weiter. In Teilen Syriens und im Nordirak gibt die Terrortruppe des Islamischen Staates unbestritten viele Milliarden aus, die ihren Ursprung in Saudi-Arabien haben. Ei, womit wurde denn dieses Geld verdient? Nicht nur mit der Förderung von Rohöl. Auch mit den Einnahmen, die Emirates einfliegt. Auch mit den Gewinnen aus manchem Einkaufstempel am Golf von Arabien. Ganz konkret: wenn Sie in Dubai einen Markenartikel ganz europäischer Anmutung kaufen – sind Sie sicher, dass von dem Gewinn daraus nicht Drahtschlingen gekauft werden, mit deren Hilfe die Einwohner eines christlichen Dorfes in Syrien vom Islamischen Staat gekreuzigt werden, Mann für Mann? Die Frauen werden übrigens nicht gekreuzigt: die sollen muslimische Krieger gebären, ob sie wollen oder nicht. Falls sie nicht willig sind, drohen Vergewaltigung oder, im Wiederholungsfalle, die Steinigung. Und die Kinder, die das Morden überleben, werden so lange „erzogen“, bis sie völlig freiwillig zum Beten auf die Knie gehen und den Nacken beugen. Denken Sie daran, liebe Leserin, lieber Leser, wenn Sie den nächsten Flug nach Dubai buchen?

Ja, wir sind jetzt ganz nah dran am Ostergeschehen – die Kreuzigung ist heute, weltweit gesehen, üblicher denn je. Und die Religionen haben mehr mit unserem wirtschaftlichen Handeln zu tun, als es den Anschein hat. Islam bedeutet wörtlich „Unterwerfung“ – im wirtschaftlichen Sinne ist das als festes oder starres Regelwerk zu interpretieren, was wiederum den freien Wettbewerb ausschließt. Auch im christlichen Kontext ist die Freiheit häufig nicht ungestört, sie ist und bleibt aber das prägende Ideal. Und die westlichen Gesellschaften halten dieses Ideal sehr hoch – von der TUI-Reise bis zum Kauf eines BMW, ganz zu schweigen von Zigaretten, die die „große Freiheit“ versprechen. Nun wird auch ein wenig klarer, weswegen die muslimischen Terroristen Wirtschaftszentren und Verkehrswege angreifen. Vom World Trade Center in New York bis zum Flughafen Zaventem in Brüssel spannt sich der Bogen. Vom 11. September bis jetzt. Es wird weitergehen,

Der Zusammenhang zwischen dem fröhlichen Einkaufserlebnis in den Arabischen Emiraten und den grauenerregenden Bombenanschlägen ist nur einer von vielen Motivationssträngen in einem komplexen Bild, in dem natürlich auch weltweiter Ölverbrauch, Geostrategie und multipolare Konflikte einen großen Anteil haben. Aber sie ist zweifelsfrei vorhanden: die direkte, wenn auch klandestine Verbindung von der riesigen, vielstöckigen Shopping Mall in Dubai bis zur großen Abflughalle in Brüssel. Und zum Club Bataclan in Paris.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sebastian Sigler: So wurde Willy Brandt von US-Diensten bezahlt

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