Wer Visionen hat, sollte zum Augenarzt gehen. Helmut Schmidt

Öl, Blut, Flüchtlingsströme – und der unschätzbare Wert Jerusalems

Der Blick der Welt ist mit immer neuem Entsetzen nach Syrien gerichtet. Dabei gerät Syriens südwestlicher Nachbar, Israel, ein wenig aus dem Fokus des Weltinteresses. Sehr zu Unrecht, denn im Schatten des Syrien-Krieges bricht soeben eine dritte Welle der Intifada in Israel los. Für Juden und Christen gleichermaßen wird Israel trotzdem zunehmend zur einzigen Hoffnung im Nahen Osten.

Jahrelang war die auf den Golanhöhen verlaufende Linie zwischen Syrien und Israel, die seit 1967 Bestand hat, eine „heiße“ Grenze. Touristen konnten sich in echten Geschützstellungen gruseln, und ja, alle paar Wochen fielen dort oder an der Nordgrenze zum Libanon sogar Schüsse! Wer sehen wollte, wie brüchig der Frieden im Nahen Osten sei – dort war es anschaulich, und dort ist es heute anschaulicher denn je. Der Krieg ist von den Golanhöhen aus tatsächlich und ganz real zu hören und zu sehen. Doch die Grenzelinie selbst ist heute einer der ruhigeren Orte in der Region. Im ganzen übrigen Gebiet, das einmal Syrien war, tobt ein erbitterter, blutiger, mörderischer Krieg.

Bei den Regierungskonsultationen zwischen der deutschen und der israelischen Regierung, Februar 2016 in Berlin, wird Benjamin Netanyahu seiner Kollegin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, einige bittere Wahrheiten vor Augen führen. Denn die Fakten im gesamten Nahen und Mittleren Osten sind niederschmetternd, um nicht schlimmeres zu sagen. Dazu gehört auch, dass seit etwa einem halben Jahr eine neue Art der Intifada in Israel losgebrochen ist. Nicht mehr Bomben, sondern individuelle Messerattacken, häufig mit tödlichem Ausgang, terrorisieren die Menschen im ganzen Land, säen Zweifel und Misstrauen.

Unter den Kopftüchern der IS-Kämpfer

Und der Krieg ist ganz nahe – drüben, in Syrien und im Nordirak. Blickt man unter die pechschwarzen Kopftücher der IS-Kämpfer, finden sich dort etliche ehemalige Offiziere aus der Zeit des Diktators Saddam Hussein. Durch Krieg und Niedergang total frustriert haben sie sich für den radikal-islamischen Kampf gewinnen lassen. Für den brutalen Krieg zur Errichtung eines Staatsgebildes, das sich amorph über große Teile Syriens und des Iraks gelegt hat und dessen Werte und Regeln starke Ähnlichkeit mit dem totalitär-feudal regierten Saudi-Arabien haben. Ihnen gegenüber stehen einerseits die Truppen Assads, die das Syrien, das die Welt kannte, zurückerobern sollen, und die irakische Armee, die mit Hilfe von dritter Seite auch schon mal eine Stadt eroberte.

Im Norden haben kurdische Milizen ihre Einflusszone. Sie sind ohnehin den ständigen Kampf gewöhnt, weil sie keinen eigenen Staat haben. Und folgerichtig kämpfen die Kurden an zwei Fronten, denn in ihrem Rücken lässt der türkische Präsident Erdogan, der sie für Todfeinde hält, auf sie schießen: Erdogan steht auch dafür, dass Kurden “drüben”, in ihren angestammten Gebieten in Südostanatolien, die heute von der Türkei nach der Doktrin eines Atatürk ganz selbstverständlich beansprucht werden, als Terroristen verfolgt werden. Und das nach den Anschlägen von Ankara mit unnachgiebigerer Härte als zuvor, einer Härte, die auch schon Armenier und Aramäer zuspüren bekommen haben. Unterstützt werden die kurdischen Peschmerga im Nordirak und in Syrien nicht nur von Deutschland und den USA, sondern vor allem vom Iran.

In Syrien wird also ein Stellvertreterkrieg ausgefochten, der viele Fronten hat. Zwischen Saudi-Arabien und dem Iran verläuft dabei eine der wichtigsten Linien. Es geht um den Wiedereintritt des heute schiitisch-islamischen Landes in das Konzert der Ölexporteure und die Bedingungen dafür. Das radikal-sunnitische Saudi-Arabien, dessen Wahabismus ohnehin manches Feuer anfacht, das in Afrika und weltweit Menschen und Werte verschlingt, steht als verdeckte Partei hinter dem IS. In Syrien tobt ein Krieg um Rohstoffe und um religiöse Ansichten gleichermaßen.

Die massiven Interessen Washingtons und Moskaus

Doch das ist noch lange nicht alles. Putin lässt nicht seine Truppen kämpfen – Putin schickt Kampfjets. Er unterstützt den syrischen Machthaber Assad auch, wenn der Bomben auf alle Menschen und Gebäude werfen läßt, die nicht im Interesse seines Regimes agieren. Dass es den russischen Zielen gerade in Syrien sehr schaden könnte, wenn sich die moderate Opposition dort in Feuer und Rauch und Tränen auflöst, scheint in Moskau keinerlei Anlass Sorge zu sein.

Auch die USA haben massive Interessen in der Region, und natürlich sind sie involviert – wenn auch im Rahmen einer Koalition, die den gleichwohl aussichtslosen Versuch unternimmt, eine gemäßigte Opposition zugleich gegen Assad und die radikal-islamischen Horrormörder vom IS durchzusetzen, Assad zu stürzen und zugleich Syrien insgesamt zu stabilisieren. Wohlmöglich kämpfen die USA in diesem Konflikt so moderat, ja, beinahe klandestin, weil die Aussichtslosigkeit des Unterfangens einfach erdrückend klar vor aller Augen steht.

Saudi-Arabien und der Iran sind daher mit ihrer blutigen Rabattschlacht nicht allein. Die USA sind einerseits an niedrigen Preisen interessiert, denn das schadet neben den Ölexporteuren des Mittleren Ostens vor allem Russland und, last but not least, unliebsamen Ländern wie Venezuela. Andererseits schießt sich Uncle Sam auch ins eigene Knie, denn die alternativen Methoden zur Ölgewinnung, in den USA eine kommende Boom-Branche, liegen nun auf unbestimmte Zeit brach. Pleiten drohen, viel Geld geht verloren.

Die Bedeutung der Religionen

Doch dieser blutige Kampf um Öl ist überlagert von religiösen Gefühlen, von Hass auf Andersgläubige. Dazu gehört sicher das langfristige, aber unbeirrt verfolgte Ziel verschiedener muslimischer Richtungen, die Christen insgesamt aus einer Region zu vertreiben, in der sie seit rund 2.000 Jahren präsent sind. Klar ausgedrückt: es geht um eine ethnische Säuberung. Es geht um religiösen Rassismus zulasten des orientalischen Christentums und der Menschen jüdischen Glaubens gleichermaßen. Diese Überlagerung macht die Lösung der Probleme rund um den mörderischen Krieg in Syrien so enorm schwierig.

Der Westen hat sich im Syrienkonflikt einmal mehr schuldig gemacht – oder zumindest seine mögliche Verantwortung nicht wahrgenommen. Niederschmetternd ist es, zu sehen, wie wenig die doch so christlichen Nordamerikaner für ihre Glaubensbrüder in Syrien und im Irak zu tun vermögen. An die Christen, die weinend in die ausgebrannten Fensterhöhlen ihrer Kirchen starren, denkt dabei kaum jemand. Und es gibt vergleichsweise wenige Christen, die Europa als Flüchtlinge überhaupt erreichen. Öfter schon waren glaubwürdige Berichte von ethnischen Säuberungen zu hören, die muslimische Flüchtlinge an christlichen Flüchtlingen vornahmen, wohlgemerkt, auf der Flucht. In Flüchtlingsbooten auf dem Mittelmeer etwa sind Christen zum Ertrinken ins Wasser geworfen worden – gezielt, absichtlich. Die medinischen Suren des Koran sind Grundlage für derartiges Handeln.

Das Geschenk, das Israel bedeutet

Der Krieg in Syrien ist ein blutiger Kampf um das Öl, er ist ein multipolarer Stellvertreterkrieg – und er ist eine der größten Verfolgungen von Christen und Juden, die die Menschheit je sah. Wie wichtig ist es da, dass in Israel die religiösen Stätten aller Religionen sicher und ungefährdet stehen und bestehen können, solange sich die dort Betenden keiner Gewalttat schuldig machen. Dass in Jerusalem die über 1.700 Jahre alte Grabeskirche, höchstes Heiligtum der gesamten Christenheit, noch steht, ist dem Staat Israel zu danken. Wie wenig selbstverständlich dies ist, zeigt ein Blick nach Mossul, das antike Ninive: dort wurde vor genau einem Jahr die weit über 1.000 Jahre alte Kirche der Jungfrau Maria, die Mutterkirche der katholisch-chaldäischen Kirche, von IS-Terroristen gesprengt. Gerade einmal die verkohlten Grundmauern blieben – und eine unendliche Leere. Die Trauer um den Verlust des kulturellen Mittelpunktes der christlichen Zivilisation im Nordirak, sie ist groß. Aber sie hat in Europa nicht viele Menschen erreicht.

Dass der Staat Israel nach dem Grauen des Zweiten Weltkrieges und vor allem der Shoa entstehen konnte, ist ein Geschenk Gottes an die Menschheit. Das sollte der wichtigste Hintergrund für die Gespräche mit Israels Ministerpräsident Netanyahu sein. Und seine Warnungen vor dem Iran, der in Syrien verdeckt als Kriegspartei agiert, sollten nicht ungehört bleiben. Wenn einst das Morden in Syrien endlich ein Ende hat, wird die latente Bedrohung, in der Israel lebt, wieder deutlicher hervortreten. Allen Menschen, die für Freiheit und Gerechtigkeit streiten, muss es das höchste Zeil sein, das Geschenk, das Gott den Menschen mit Israel gab, zu erhalten.

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