Die Verfassung ist doch kein Abreißkalender. Ralf Stegner

Napoleon: ein Rassist, ein Massenmörder!

Frankreich verehrt ihn und feiert Napoleon Bonaparte nach wie vor als Feldherr, Kaiser und Genie. Doch Historiker mahnen: Es führt kein Weg an der dunklen Wahrheit vorbei. Vor zweihundert Jahren endete Napoleons blutiger militärischer Weg, den die Leichen von Millionen säumten.

Es ist eine erschütternde Szene. Der Mann im weißen Hemd steht auf dem Hügel von Principe Pio, inmitten der Leichen schon erschossener Kombattanten, die Arme flehentlich ausgestreckt. Was als Nächstes passieren wird, ist völlig klar: Die Phalanx aus grauen Soldaten, die – vom Betrachter abgewandt Seit an Seit stehend – eine regelrechte Mauer bilden, hat bereits angelegt. Es ist der letzte Moment im Leben dieses Menschen, den Goya für den Betrachter eingefroren hat. Wie ein Gekreuzigter steht der Aufständische da, in den Augen ist tiefes Wissen um die Schuld seiner Mörder zu lesen. Und das sind Napoleons Soldaten, Franzosen. Der spanische Maler Francisco de Goya malte diese Szene. Seine „Erschießung der Aufständischen“, erschaffen 1814 aus der Erinnerung, wurde zum Symbolbild einer ganzen Epoche. Für die Menschen des 19. Jahrhunderts war diese Szene so nah wie Picassos „Guernica“ für uns Heutige.

Goya hat eine deutliche Anspielung an die Passion Jesu Christi in sein Bild integriert, die Handinnenflächen des Aufständischen, der soeben erschossen werden soll, tragen Stigmata. Und im Nachhinein ist diese Szene als Momentaufnahme des möglichen Wendepunktes einer ganzen Epoche erkennbar, der Spanische Unabhängigkeitskrieg ist eine Achillesferse Napoleons, die dieser bis zu seinem Untergang nicht mehr loswerden sollte. Denn bis 1807 hatte Spanien noch an der Seite des Feldherrn gestanden, aber als mit Ferdinand am 24. März 1808 ein neuer König in Madrid einzog, umjubelt von der Bevölkerung, schritt Napoleon ein. Ferdinand war ihm entschieden zu franzosenfeindlich, und so installierte der Korse seinen Bruder Joseph Bonaparte als spanischen König. Das bedeutete für die Spanier eine Fremdherrschaft, und die akzeptierten sie nicht.

Goya malte das Grauen

Schon am 2. Mai 1808 kam es in Madrid zu einem Aufstand breiter Bevölkerungsschichten gegen die Franzosen. Die Aufständischen wurden in der Nacht zum 3. Mai erschossen – das Fanal für den Spanischen Unabhängigkeitskrieg. Auch Portugal und Großbritannien nahmen aufseiten der spanischen Freiheitskämpfer teil. Diese kämpften nach der Taktik der Nadelstiche, nach Art des „kleinen Krieges“, der „Guerilla“. Goya hat damit nicht nur den Moment, in dem der Funke gegen Napoleon in Europa entzündet wurde, festgehalten, sondern auch die Geburtsstunde einer neuen Form des Krieges, des Guerillakrieges. Nicht nur die Taktik war hier neu, sondern auch das Maß an Brutalität, denn Pardon gab weder der Guerillero noch die entnervte Besatzungsmacht.

Der Aufstand in Spanien, die Erschießungen vom 2./3. Mai 1808 und der ganze folgende spanische Freiheitskampf wurden in ganz Europa mit großer Aufmerksamkeit beobachtet. Der Mut der Spanier wurde nun mit derselben Verehrung bewundert wie einst das militärische Genie Napoleons. Der Wind in Europa hatte sich gedreht, und Vorreiter waren Künstler und Intellektuelle, denn zunehmend wurden auch die Verbrechen ruchbar, die die napoleonischen Truppen nicht nur in Spanien begangen hatten. Das Entsetzen, das die Zeitgenossen in ganz Europa nach und nach bei dem Wort „Napoleon“ überkam, war berechtigt. Die Grausamkeiten, die in französischem Namen begangen wurden, hatten höchstens Parallelen in den schlimmsten Gräueln des Dreißigjährigen Krieges. Napoleon wird dabei als Auftraggeber erkennbar, und er war, das ist offenkundig, ein Rassist, der vor dem massenhaften Mord an Menschen, die in seinen Augen minderwertig waren, nicht zurückschreckte, sondern sofortige Tötung anordnete – so, wie er auch die Aufständischen vor den Toren Madrids in der Nacht zum 3. Mai 1808 hatte erschießen lassen.

Pogrome in der Karibik

Noch schlimmer aber traf es die französischen Kolonien. Napoleon führte die von der Revolution abgeschaffte Sklaverei und auch den Handel mit Sklaven wieder ein. In einem neuen Strafgesetzbuch, dem „Code pénal“, wurde eine Reihe drakonischer Maßnahmen wiederhergestellt: das Abhauen der Hand vor der Enthauptung von Elternmördern, die Brandmarkung, die Ankettung mit eisernen Fußkugeln und das Halseisen für Sträflinge. Es ist eine Spur von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die sich durch die Biografie des Feldherrn und Tyrannen aus Korsika zieht. So hat Napoleon in Saint-Domingue Tausende von Antillanern ermorden lassen, und zwar durch Vergasung. Er ließ sie in Schiffsladeräume pferchen, in denen dann Schwefel, das man normalerweise zum Töten von Ratten verwandte, angezündet und zu Schwefeldioxid verbrannt wurde. Die Menschen wurden wie Ungeziefer ausgeräuchert, die Leichname wurden über Bord geworfen.

Vor allem das Buch „Le Crime de Napoléon“, erschienen 2005 bei Éditions Privé, hat den Blick auf die dunkle Seite Napoleons geweitet. Dessen Autor Claude Ribbe listet eine schier endlose Liste grauenvoller Verbrechen auf. Im März 1803 beispielsweise brachte die napoleonische Armee sechshundert große Hunde von Kuba aus nach Saint-Domingue, dem heutigen Santo Domingo auf Haiti. Donatien Rochambeau, der das Kommando hatte, gab folgenden schriftlichen Befehl an seine Offiziere aus: „Ich darf Sie nicht in Unkenntnis darüber lassen, dass Ihnen das Futter oder sonstige Kosten für die Verpflegung dieser Hunde nicht erstattet werden wird. Sie müssen ihnen Neger zu fressen geben.“ Vor den Toren des dortigen Palais National, der Residenz des Generals, wurde in den Folgewochen ein regelrechter Zirkus nach antikem Vorbild errichtet, in dem von da an täglich am Nachmittag die ausgehungerten Tiere auf an Pfähle gebundene Menschen losgelassen wurden.

Napoleon begrüßte das Morden

Napoleon wusste von den in Saint-Domngue und andernorts in aller Öffentlichkeit verübten Massenmorden an Unschuldigen. Er schrieb an Rochambeau: „Ich will Sie sogleich des vollsten Vertrauens versichern, das die Regierung in Sie setzt, und Sie unterrichten über deren Zustimmung zu den unerlässlichen Maßnahmen, welche die Umstände Sie anzuwenden zwingen oder zwingen sollten.“ Soldaten, die ihre Teilnahme an diesen grausamen Ritualen oder anderen Massakern verweigerten, wurden bestraft.

Bei den Intellektuellen und in Künstlerkreisen in ganz Europa wurden mit geringer zeitlicher Verzögerung die Verbrechen ruchbar, die die napoleonischen Truppen nicht nur in Spanien und in Übersee begangen hatten. Und gerade die Intellektuellen, die die Revolution in Frankreich zunächst frenetisch begrüßt hatten, reagierten nun deutlich. Georg Wilhelm Friedrich Hegel äußerte in seiner „Phänomenologie des Geistes“, der französische Kaiser verkörpere „die reine, haltlose Kraft“ und „die fleischgewordene Furie des Verschwindens“. Und gerade Hegel war ein glühender Bewunderer Napoleons gewesen.

„Satans ältester Sohn“

In der Musik ist Beethoven zu nennen. Zunächst war auch der Komponist ein glühender Verehrer Napoleons gewesen und hatte ihm die „Eroica“, seine dritte Sinfonie, mit einem schwungvollen getuschten Deckblatt gewidmet. Bereits nach der Kaiserkrönung von 1804 aber, so wird verschiedentlich berichtet, zerriss Beethoven die Widmung, die der Symphonie beigegeben war wutentbrannt. Und auch, wenn diese Geschichte sich nicht ganz so zugetragen haben sollte, spiegelt sie doch die Stimmung in Deutschland. Viel Verbitterung und Antipathie gegen den Franzosen wuchsen jenseits des Rheins, nd das ging binnen weniger Jahre.

Ab 1808, nach dem Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges in Spanien, nahm die antifranzösische Stimmung in Europa nochmals sprunghaft deutlich zu. Die von Beethoven überlieferte, wütende Reaktion auf Napoleon kennzeichnet mit einiger Wahrscheinlichkeit die Stimmung einer Mehrheit in der Bevölkerung, gerade auch unter den Studenten, eine gesellschaftlichen Gruppe, die zu allen Zeiten auf den Puls der Zeit deutlich – und zuweilen sogar radikal – reagiert hat. Denn vielfach hatte man sich in Studentenkreisen in den Jahren davor in glühendem Eifer für die Ideale der französischen Revolution in ihren eben entstehenden landsmannschaftlichen Verbindungen das Couleur der Franzosen – die blau-weiß-rote Trikolore – angelegt, nun waren sie unisono verstört und verärgert über Napoleons Gebaren.

Une parcelle de rocher

Da alles focht einen Napoleon Bonaparte nicht an. „Je suis une parcelle de rocher, lancée dans l’espace“, so hatte er es selbst geäußert: „Ich bin ein Stück Fels, das in den Weltraum geschleudert wurde.“

Napoleons Seele war die Seele eines Heimatlosen, eines Getriebenen, eines von der Insel Vertriebenen, der sich zeitlebens wie auf einem verlassenen, auf dem Ozean schwimmenden Eiland fühlen sollte – in einer unsäglichen Leere, die auszufüllen sein Lebensinhalt war und um deren Verdrängung willen er seine fast beispiellosen Eroberungszüge führte. In dieser Hybris war es nur logisch, dass es für seine Kritiker nur den Tod geben konnte. Napoleons Weltbild ist die Weiterentwicklung des absoluten Herrscherbildes, das die französischen Könige, am deutlichsten wohl Ludwig XIV., verkörperten. Zu seinem Polizeiminister Fouché sagte Napoleon: „Europa ist eine alte, verrottete Hure, mit der ich mit 800.000 Mann alles tun kann, was mir gefällt.“ Und er steigerte sich offenkundig in einen Wahn hinein: „Was kann ich dafür, wenn ein Übermaß an Macht mich zur Weltdiktatur mitreißt?“ Das war offenbar das Gefühl, in dem er am 22. Juni 1812 seinen Feldzug gegen Russland begann – im Übrigen der Tag, an dem im Jahre 451 die Römer und ihre Alliierten in der französischen Champagne, auf den Katalaunischen Feldern, gegen den Hunnenkönig Attila die Oberhand behalten hatten. Angesichts des bei Napoleon erkennbaren Größenwahns dürfte das kein Zufall sein.

Napoleon Bonaparte war, das kann auch nach zwei Jahrhunderten klar erkannt werden, ein Diktator reinsten Wassers. Die Ideale von 1789, aus denen später Demokratie entstehen konnte, also Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – verachtete er zutiefst. 1813 sollte er seinem Justizminister Molé anvertrauen: „Diese Lehren, die man die Grundsätze von 1789 nennt, werden immer eine bedrohliche Waffe für den Gebrauch der Unzufriedenen, Ehrgeizlinge und Ideologen aller Zeiten bleiben.“ Er ist der erste Diktator der Moderne, und das nicht nur aufgrund seines absoluten Weltbildes, sondern auch, weil er den technischen Fortschritt seiner Zeit in den Dienst des Massenmordes stellte.

3,5 Millionen starben in den napoleonischen Kriegen

Seine Macht sicherte er ganz im Stil eines Diktators, der er zweifelsohne war. Frankreich annektierte Belgien, die Niederlande und große Teile der deutschen Länder, so das gesamte linke Rheinufer inklusive Köln und Mainz sowie im Norden bis nach Hamburg und Lübeck. Gleichfalls dem napoleonischen Frankreich einverleibt wurden Kroatien und Slowenien sowie Teile Italiens. In den verbliebenen Staaten, die Königreiche gewesen waren, setzte er Verwandte als Könige ein. Aus Bayern und Baden-Württemberg machte er Königreiche. Von den Regenten, die ihm ihre Erhöhung verdankten, erwartete er treue Gefolgschaft – und die Opferung Zehntausender Söhne dieser Länder auf seinen Schlachtfeldern.

„La santé de sa majesté n’a jamais été meilleure.“ – „Die Gesundheit Seiner Majestät ist nie besser gewesen.“ Ein Satz voller tragischer Ironie. Am 16. Dezember 1812 beschloss der „Moniteur“, offizielles Organ der kaiserlich-französischen Regierung, mit genau diesen Worten den Bericht über die Niederlage Napoleons vor Moskau. Zugleich wurde damit die Rückkehr des Diktators nach Paris angekündigt – er nun ein Besiegter. Dieser Satz war damit gleichbedeutend mit einem Trompetensignal für die europäischen Länder, die französisch besetzt waren. Dieser 16. Dezember 1812 markierte also den Anfang vom völlig logischen und unabwendbaren Ende Napoleons.

Hitler verbeugte sich vor Napoleons Sarkopharg

130 Jahre später stand aber einer an seinem Sarkophag, der wie er die Menschen mit schwarzer Hautfarbe zutiefst verachtete, der ein Rassist war, der vor Massenmord nicht zurückschreckte und der Menschen in nie gekanntem Ausmaß vergasen ließ: Adolf Hitler. Der neigte sein Haupt vor Napoleons sterblichen Überresten. Sein erster Weg im eben eroberten Paris hatte den deutschen Diktator am 23. Juni 1940 in den Invalidendom geführt. In den folgenden Wochen im Sommer 1940 musste der Marmorfußboden rund um Napoleons Sarkophag mit ausgelegten Brettern geschützt werden. Er drohte zerstört zu werden von unzähligen Soldatenstiefeln. Die deutschen Eroberer machten es ihrem Führer nach und erwiesen Napoleon, dem Massenmörder, der Menschen vergasen ließ, ihre Reverenz.

Der Utrechter Historiker Pieter Geyl bestätigt in einer Napoleon-Debatte der 1960er-Jahre: „Wenn man bedenkt, wie die Irrtümer und Verbrechen des Helden, die Heimsuchungen des Volkes, die Niederlagen und Verluste des Staates im Glanz der militärischen Großtaten, der Macht, wie brüchig und temporär sie auch sein mochte, vergessen worden sind, (…) dann scheint man bereits unter späteren Generationen von Deutschen die Verteidiger und Bewunderer des Mannes zu entdecken, der unser Unterdrücker gewesen ist und sie in den Abgrund geführt hat.“ Seine französische Kollegin Janine Bouissounouse und ihr Ehemann, der Politiker Louis de Villefosse, assistierten:

Napoleon, so resümiert das Ehepaar Villefosse, habe ein „rassistisches“ und „faschistisches“ System errichtet, weil er „jegliche Freiheit eliminiert hatte“. Er habe den französischen und den deutschen Militarismus erweckt und beide Völker in den „Teufelskreis von Revanche und Gegenrevanche“ getrieben. Villefosse spitzte damals noch zu: „Sollte man nicht glauben, dass der größenwahnsinnige Hitler durch das unsinnige Unternehmen Napoleons (gegen Russland) fasziniert worden ist?“

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