Die EU war in ihren besten Zeiten eine Art aufgeklärter Absolutismus. Alan Sked

Ich bleibe, also bin ich

Ein Herrscher ohne Volk war Adolf Sauerland schon lange – nun haben ihn die Duisburger aus dem Schloss gejagt. Die Demokratie hat sich als wehrhaft erwiesen.

Ein kleiner Mann mit großem Bauch hastet geduckt die Sandsteintreppen eines herrschaftlichen Gebäudes hinauf, rings herum grölt und pfeift der Mob: “Arschloch, Wichser, pfui!” Es ist der 12. Februar, die Szene spielt vor dem Duisburger Rathaus.

Selten hat in Deutschland eine Stadt so verbissen gegen ihren Bürgermeister gekämpft. Ganze Gemüsegärten wurden auf Adolf Sauerland entladen, der OB flüchtete phasenweise samt Familie aus der Stadt, weil es Morddrohungen hagelte. Man fühlt sich in ein Historiendrama versetzt: Zeiten der französischen Revolution, gestürmte Paläste. Nur die Mistgabeln fehlten.

Duisburg ist geschockt seit jenem Tag

Die Waffe der Bürger von heute ist der Stimmzettel. Zwar war es kein einzigartiger Vorgang und doch, ein seltener allemal: 130.000 Menschen stimmten am Sonntag für die Abwahl Sauerlands, nachdem ein Bürgerbegehren den Wahltermin erstritten hatte. Der eigentlich bis 2015 gewählte OB muss gehen.

Dabei kommt es einem Wunder gleich, das sich Sauerland überhaupt so lange hatte halten können. Als am 24. Juli 2010 in seiner Stadt 21 junge Menschen im Gedränge der Loveparade sterben, steht Sauerland vor der wohl folgenschwersten Entscheidung seines Lebens. Er hatte die Parade nach Duisburg geholt, wollte der drögen Stadt im Ruhrgebiet zu neuem Glanz verhelfen. So was wie die Loveparade machen sonst Berlin, vielleicht Hamburg, Köln – nicht Duisburg.

Es wird wohl nie geklärt, ob man die Katastrophe hätte vorhersehen können. Fakt ist, das genehmigte Gelände war klein, der Zugang eng. Aus ganz Deutschland waren sie zum Feiern gekommen. Die Party ging noch weiter, als zwischen dem Müll unter Unfalldecken die Toten lagen. Groteske Szenen. Duisburg ist geschockt seit jenem Tag und schnell wurde aus der Verzweiflung Hass.

Moral und Mitgefühl vergessen

Als Sauerland nach der Tragödie vor die Presse tritt, warten Stadt und Land auf ein Zeichen. Verantwortung, wenigstens Bedauern – irgendwas. Sauerland aber sitzt da, matt und entrückt, und betont, er habe mit alldem nichts zu schaffen: Seine abwehrenden, offen vorgestreckten Handflächen werden zum Symbol einer beispiellosen Flucht aus jeder Verantwortung. Er habe in dem Moment „juristisch“ gedacht, wird er später einmal sagen.

Als Sauerland am nächsten Tag am Ort des Geschehens seine Anteilnahme ausdrücken will, wird von den Umstehenden bereits gepfiffen. Bis eben beliebter Bürgermeister, ist Sauerland nun für viele der Feind. „Ich habe die Ebenen vergessen, die gerade für die Angehörigen eine besondere Rolle spielen: moralische Verantwortung, Mitgefühl“, sagt er in einem Interview viele Monate nach dem Unglück. Ein ganzes Jahr kostet es den OB, bis er den Opfern und Angehörigen öffentlich sein Beileid ausdrückt.

Jede Bodenhaftung verloren

Es scheint, als habe Sauerland an jenem Tag der verhängnisvollen Pressekonferenz jede Bodenhaftung verloren. Eine Reportage des WDR zeigt ihn, wie sich der OB beim Tag der offenen Tür im Rathaus kaum aus der Teeküche traut und dann geduckt und angsterfüllt durch den Flur schleicht. Gleichzeitig besteht er darauf, dass seine Stadt ihn nicht loswerden wolle: „Daraus ist, und das ist ja das perfide, angeblich eine Bürgerbewegung entstanden. Dahinter stehen Parteien. Das ist parteilich gesteuert“, sagt er, während vor dem Rathaus die Menschen demonstrieren.

Die Stimmung gegen ihn war so heftig, kaum denkbar, dass eine Blase aus wenigen Getreuen den OB davon isolieren konnte. Trotzdem kam er am Tag seiner Abwahl mit einer Siegesrede auf dem Zettel. Auf der Pressekonferenz erklärte er schließlich: „Ich war mir ziemlich sicher, dass bei den vielen Erfolgen, die wir in den letzten acht Jahren in Duisburg hier erzielt haben, das Abstimmungsergebnis anders sein wird.“ Er sollte den Stimmzetteln danken – sie haben ihm die Mistgabeln erspart.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    haarry – 16.02.2012 - 09:42

    Der Grüne und Linke Mopp hat gewonnen —und nicht die Demokratie sie Proben mit der Bild den Aufstand und das Dumme Volk geht Ihnen auf den Leim

  • Theeuropean-placeholder
    DonnaBavaria – 16.02.2012 - 20:11

    Vorneweg, ich bin weder CDU-Wählerin, noch Duisburgerin, trotzdem melde ich mich zu Wort, da dieser Vorgang, wenn so etwas Schule macht, unsere Demokratie nachhaltig negativ verändern wird.
    Es ist offensichtlich erwiesen, dass die Staatsanwaltschaft nach erfolgter Vorprüfung, keine weiteren Ermittlungen und somit auch kein Verfahren gegen Sauerland eingeleizet hat, weil er am Unglück der LP definitiv keine Schul trägt. Dass er sich (ich würde mal behaupten, aus innerer Unsicherheit) nach dem Unglück etwas dämlich verhalten hat, rechtfertigt noch lange nicht das teilweise geradezu mobhafte Verhalten das der Eine oder Andere “Bürger” dieser Stadt an den Tag gelegt hat (Behinderungen, Bedrohungen etc.) und das die Stimmung gegen einen offensichtlich. Nicht Schuldigen vis hin zu seiner Abwahl geführt hat. So etwas darf es in dieser Republik einfach nicht geben. Das ist eine moderne Form von Lynchjustiz!
    Anders wäre das zu sehen, wenn Sauerland wirklich schuldig und zwar der Hauptschuldige gewesen wäre, dann könnte man so etwas vielleicht als gerechtfertigt ansehen.
    Erlauben Sie eine Gegenüberstellung zu einem anderen Fall, dem unseres Bndespräsidenten Chrisian Wulff!
    Hier scheint es eine Schuld oder zumindest ein Vergehen, vielleicht sogar Mehrere zu geben, zudem eine viel offensichtlichere Irreführung der gesamten Bevölkerung und doch scheint die Position des Bundespräsidenten unantastbar. Und jetzt erkläre man mir, warum das so ist und welcher dieser beiden Fälle richtig und welcher falsch gehandhabt wird.
    Ich bin gespannt auf eine sich ergebende (hoffentlich) Diskussion!

  • Theeuropean-placeholder
    DonnaBavaria – 16.02.2012 - 20:21

    Vorneweg, ich bin weder CDU-Wählerin, noch Duisburgerin, trotzdem melde ich mich zu Wort, da dieser Vorgang, wenn so etwas Schule macht, unsere Demokratie nachhaltig negativ verändern wird.

    Es ist offensichtlich erwiesen, dass die Staatsanwaltschaft nach erfolgter Vorprüfung, keine weiteren Ermittlungen und somit auch kein Verfahren gegen Sauerland eingeleitet hat, weil er am Unglück der LP definitiv keine Schuld trägt. Dass er sich (ich würde mal behaupten, aus innerer Unsicherheit) nach dem Unglück etwas dämlich verhalten hat, rechtfertigt noch lange nicht das teilweise geradezu mobhafte Verhalten das der Eine oder Andere “Bürger” dieser Stadt an den Tag gelegt hat (Behinderungen, Bedrohungen etc.) und das die Stimmung gegen einen offensichtlich nicht Schuldigen bis hin zu seiner Abwahl geführt hat. So etwas darf es in dieser Republik einfach nicht geben. Das ist eine moderne Form von Lynchjustiz!

    Anders wäre das zu sehen, wenn Sauerland wirklich schuldig und zwar der Hauptschuldige gewesen wäre, dann könnte man so etwas vielleicht als gerechtfertigt ansehen.

    Erlauben Sie eine Gegenüberstellung zu einem anderen Fall, dem unseres Bndespräsidenten Chrisian Wulff!
    Hier scheint es eine Schuld oder zumindest ein Vergehen, vielleicht sogar Mehrere zu geben, zudem eine viel offensichtlichere Irreführung der gesamten Bevölkerung durch Wulffs Verhalten oder sogar Taktik. Und doch scheint die Position des Bundespräsidenten unantastbar?

    Jetzt erkläre man mir mal bitte, warum das so ist und welcher dieser beiden Fälle richtig und welcher falsch gehandhabt wird.

    Ich bin gespannt!

  • Theeuropean-placeholder
    Sebastian pfeffer – 16.02.2012 - 21:26

    @Donna Bavaria: Der Vergleich mit Wulff scheint mir hier schwierig. Aber: Im demkratischen Sinne ist Wulff unantastbar ja – abwählen kann man ihn nicht.

    Was Sauerland angeht: Es ging dort kaum um die juristische Schuld. Es war die Art und Weise, wie Sauerland mit der Situation umging. Dass es vom Oberbürgermeister einer Stadt, die ein solches Event organisiert, das dann zur Katastrophe gerät, keine Worte der Anteilnahme zu hören gibt, ist schon ein ziemlich einmaliger und verstörender Vorfall.

    Gleichwohl bin ich froh, dass eben keine Mistgabeln zum Einsatz kamen. Die Demokratie hat sich nicht nur gegen Sauerland wehrhaft gezeigt, nein, auch gegen den Mob. Die aufgebrachten Bürger haben ihren OB demokratisch vertrieben und das ist gut so.

    MfG
    Sebastian Pfeffer

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