Weisheit ist begreifen, dass man nicht weiß, ob etwas schwarz oder weiß ist. Umberto Eco

Viel gesagt, nichts gewonnen

Seit gestern wissen wir, Wulff bleibt. Man kann unglaublich viel lernen aus dieser Posse, über die Politik, über die Medien. Am wichtigsten: (Junge) Berufspolitiker haben in Bellevue nichts verloren.

Christian Wulff ist fast 53 und benimmt sich wie ein Kind, das immer neue Sachen erdichtet, damit man ihm die vorangegangene Lüge glaubt. Er macht das durchaus professionell. „Ich nehme meine Verantwortung gerne wahr“, sagt Wulff im eilends einberufenen ARD-ZDF-Interview und versucht damit anzudeuten, er könne sich nicht einfach guten Gewissens davonstehlen. Aber: Der Bundespräsident hat keine Verantwortung außer verantwortungsvoll zu sein. Und das ist er nicht.

Wie anders erklärt sich dieser unsagbar dumme Anruf bei „Bild“ und Springer? Den Chefredakteur der „Bild“ anrufen und drohen ist das eine, ihm (unwiderruflich aufgezeichnet) auf den Anrufbeantworter schimpfen das andere. Offenbar hat Wulff geglaubt, er kommt damit durch. Wie sonst erklärt sich der öffentliche Auftritt später, in dem er für „volle Offenheit“ sorgen wollte und die Presse und Meinungsfreiheit hochhielt („hohes Gut“)?

Das Argument vom ersten Stein zählt nicht

Dass Diekmann das nicht für sich behält, dass es irgendwie durchsickern würde, war klar – „Bild“ ist nicht blöd und wusste, was da für ein Schatz auf Tonband liegt. Ein „schwerer Fehler“ sei sein Anruf gewesen, sagt Wulff nun, „unwürdig“ gar, will aber keine Konsequenzen ziehen. Die „Bild“-Zeitung in die Opferrolle gedrängt, zum Bollwerk von Demokratie und Pressefreiheit gemacht – bravo Herr Präsident!

Ein Argument, das für Wulff gar nicht zieht, ist das vom ersten Stein. Wer meint, alle zeigten derzeit mit dem Finger auf Wulff und griffen sich besser selbst an die Nase, der hat den Schuss nicht gehört: Der Bundespräsident ist derjenige, der in der Lage sein sollte, den ersten Stein zu werfen – der personifizierte erhobene Zeigefinger. Dieser Anspruch ist hoch, das Amt aber auch. Man müsse sein Verhalten „auch menschlich verstehen“, bat Wulff im Interview. Menschlich verstehen, ja, denken, dass das einem Bundespräsidenten angemessen ist, nein. Margot Käßmann hat diesen Unterschied seinerzeit sehr genau begriffen.

Politiker: eine abgehobene Kaste, die ihren Vorteil sucht

Ob er das Amt beschädigt habe, wollte der ARD-Interviewer Deppendorf wissen: Das Amt sei „schwieriger“ geworden, antwortete Wulff darauf, „durch diese Art von Umgang mit den Dingen hat man dem Amt sicher nicht gedient. […] Ich habe das Amt gestärkt.“ Das ist schlichtweg dreist.

Die eigentliche Tragik an der Sache ist nun, dass sich all jene bestätigt fühlen dürfen, die glauben, dass Politiker genau solche Typen sind wie Wulff. „Die da oben“: eine schmierige, abgehobene Kaste, die den eigenen Vorteil sucht, der jedes Mittel und jede Lüge recht sind. Welche Argumente kann jemand vorbringen, der das nicht glaubt, der immer noch denkt, dass die Mehrheit der politischen Klasse nicht völlig rückgratlos am Sessel klebt? Man wird es schwer haben als Fürsprecher dieser Tage.

Wulff sagte stets nur, was er musste

All das wäre nicht notwendig gewesen: Hätte Wulff einfach einmal wirklich die Wahrheit gesagt und zwar am Anfang. Hätte er damals, noch mit intaktem Schwiegersohn-Image, auf die Aufdeckung seines Privat-Kredits reagiert, indem er nicht mit Diekmanns AB, sondern mit der Öffentlichkeit gesprochen hätte – es wäre niemals so weit gekommen.

„Ja, ich habe einen Kredit von den (!)Geerkens, im Landtag habe ich der Opposition kein Fleisch in den Rachen werfen wollen, heute, als Bundespräsident, würde ich anders handeln, ich habe vor (!), den Kredit abzulösen.“ Wulff konnte, wollte nicht, wand sich stattdessen und sagte stets nur, was er musste.

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