Leute haben zu meiner Meinung eine Meinung. Matthias Matussek

Die Leiden des Guido W.

Trotz Guttenbergs, Wulffs und Lindners: Guido Westerwelle ist die tragische Figur im Jahr 2011. Am 27. Dezember wurde der Außenminister 50. Mit etwas Glück wird aus ihm ein junger elder statesman, seine aktive Karriere in der Politik ist vorbei.

Guido Westerwelle könnte ein Held sein: Vizekanzler mit 48, der erste geoutete Spitzenpolitiker der Republik, Erstreiter von Rekord-Ergebnissen für seine Partei. Einer, der arbeitet wie besessen, sich für kaum etwas zu schade ist, dorthin geht, wo es weh tut. Guido Westerwelle ist kein Held, zumindest findet sich derzeit kaum jemand, der ihn so nennen würde. Er ist die personifizierte Tragik: erst wurde ihm alles gegeben, dann alles genommen.

Es ist nicht überliefert, was der junge Westerwelle erwartet, als er Anfang der 80er damit beginnt, sich politisch zu engagieren – seine Karriere jedenfalls liest sich wie ein Weltrekord über 100 Meter: mit 32 Generalsekretär, mit 39 Parteichef, 14,6 Prozent mit 48: Außenminister und Vizekanzler. Auf das strahlende Siegerlächeln im Ziel folgt der jähe Absturz: Steuergeschenke für Hoteliers, ruinös vorgetragene Sozialstaatskritik („spätrömische Dekadenz“), die Entmachtung in der eigenen Partei und blamable internationale Auftritte. Westerwelle zahlt einen hohen Preis für jeden zuvor gewonnenen Meter.

Oft nah an der Lächerlichkeit

Das allein birgt genug Stoff, um ein ordentliches Drama zu stricken, doch gibt es mehr und es reicht zum Epos: Westerwelle war stets jemand, der um Akzeptanz ringen musste, oft ein bisschen zu laut, oft ein bisschen zu schmierig. Er gründete die „Spaßpartei“, schrieb seinen Namen auf Gefährte (Guidomobil) und kurvte damit durchs Land. Mit der 18 unter den Schuhsohlen und als FDP-Kanzlerkandidat ausgerufen bewegte er sich oft nah an der Lächerlichkeit – sogar in den „Big Brother“-Container ging er.

Als Westerwelle 2001 das Steuer der FDP übernahm, lag die Partei am Boden, war aus nahezu allen Landesparlamenten ausgeschieden. Westerwelle führte sie zurück, steigerte die Resultate von Wahl zu Wahl (im Bund: 6,2 Prozent 1998, 7,4 Prozent 2002, 9,8 Prozent 2005, 14,6 Prozent 2009). Als Oppositionsführer gelang es ihm unter der großen Koalition, sich Gehör zu verschaffen. Ein guter Redner war er immer, seine Rhetorik kann Säle zum Kochen bringen. Angreifen war stets seine Stärke.

Zuverlässig unbeliebt

Auf dem Siegertreppchen stehend greift man allerdings nicht mehr an, der Champion ist kein Herausforderer mehr. Diesen Umschwung hat Westerwelle nie geschafft – als Vizekanzler ist er in der Verantwortung und verbal meist in der Defensive. „Man hat das Gefühl, man sieht einen ehedem großen Staatsschauspieler auf der falschen Bühne“, schrieb Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“. Westerwelle ist als Außenminister fast schon historisch unbeliebt, im Ranking der Spitzenpolitiker nimmt er zuverlässig den letzten Platz ein.

Zum Jahresende hin ist es ruhig geworden um „Deutschlands einsamsten Minister“ (Spiegel-Online). Für Westerwelle hat diese Stille ihre guten Seiten, sind nun doch auch Spott und Häme weniger (laut). Den 50. Geburtstag feierte der Außenminister in seiner Finca auf Mallorca, in medialer wie räumlicher Abgeschiedenheit. Zu seiner Partei, die auch ohne ihn weiter am Existenzminimum dümpelt, sagt er nichts mehr.

Alle Höhen und Tiefen erlebt

Was soll man so einem für das neue Jahr wünschen? Auch wenn der aktuelle Parteichef Rösler den Karren FDP 2012 endgültig gegen die Wand fährt, wird es kaum Westerwelle sein, den man ruft. Solange die Koalition steht, erhält er im Außenministerium sein Gnadenbrot, danach dürfte für ihn Schluss sein mit der aktiven Politik. Doch gerade weil Westerwelle einer ist, der alle Höhen und Tiefen erlebt hat, könnte er der an „elder statesmen“ so armen Republik noch gut tun. Mit etwas Abstand vom täglichen Geschäft erhält er vielleicht sogar, was ihm bislang so oft verwehrt blieb: Würde und Respekt. Zumindest kann man ihm das wünschen.

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