Wer sich nicht verbiegt, muss auch mit Kritik leben. Björn Böhning

Merkel kickt nicht!

Mein Unwort des Jahres: Endspiel! Weil die schönste Sache der Welt nicht als faule Metapher verwandt werden darf und als solche ohnehin nur für die Blödheit mancher Journalisten steht.

„Wir sind wieder wer!“ 1954, das war ein Spiel, damals, als die Republik eigentlich gegründet wurde: Bern, Ungarn gegen Deutschland, Rahn schießt. Endspiele, weiß nicht nur der Fußballfan, sind die wahren Highlights des Lebens; wenn es um alles oder nichts geht, der kleinste Fehler zwischen Glück und Schmerz entscheidet.

Und 2011? Das Endspiel wurde kaputt gemacht. Ohne Gnade aus dem Zusammenhang gerissen und für ihre finsteren Zwecke missbraucht haben es Menschen, die im Zweifel nicht einmal etwas von Fußball verstehen: Wirtschafts- und Politikjournalisten.

Die Liste der Endspiel-Täter ist lang

Weil ihnen im dauernden Krisen-Bohei um den Euro schnell die Munition ausging (jeden Tag kann man „kurz vor zwölf“ und „am Abgrund“ halt auch nicht schreiben) wurde das „Endspiel“ bemüht. Klingt dramatisch dachten sie wohl, wird verstanden – es geht eben ums Ganze.

Fast alle haben es getan: Der Spiegel genau wie Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine; das Handelsblatt wie die Financial Times – um nur die besonders prominenten Endspiel-Täter zu nennen. Zweimal nachdenken? Fehlanzeige.

Der Haken: Nach einem End(!)spiel herrscht für gewöhnlich Ruhe am Platz. 90-120 Minuten, je nachdem, aber dann ist Schluss. Man feiert, man trauert und findet sich damit ab, dass das nächste Turnier erst in ein paar Jahren ist. „Endspiel“ kann man also genau einmal schreiben und dann ist gut; Kulis ausgeschnappt, Laptops zugeklappt, Redaktion dichtgemacht.

Alles muss immer noch krasser werden

Da aber nach dem Euro-Gipfel vor dem Gipfel ist und der Lebensunterhalt am Kuli hängt, folgt Spiel auf Spiel – ohne Ende. Nicht nur dieses Missverständnis macht das Unwort: Die ganze perfide Logik des Weltuntergang-Gefeuers, das monatelang durch die Medienwelt toste, steckt darin. Müsste Europa nicht längst von der Landkarte getilgt sein? Oder nach China verkauft?

Weil man über einen Zustand nur einmal schreiben kann, wenn er erreicht wird („Die Krise ist da!“), dann aber schlecht jeden Tag melden mag „Krise immer noch nicht weg“, muss alles ständig noch krasser werden, mindestens anders und das im Zweifel verbal. So kommt es, dass sich Merkel und Sarkozy nicht nur zum Gewohnheit gewordenen “Gipfeltreffen” treffen, sondern zum Endspiel: um den Euro, um Europa.

Schluss mit der Sportrhetorik

Das hat was von Klassiker, könnte man meinen: Deutschland gegen Frankreich, was für ein Spiel. Sarkozy dribbelt sich im Halbfinale fest, die deutsche Defensive steht perfekt. Merkel blutgrätscht Cameron zu einem knappen Sieg, England am Boden, die Kanzlerin rennt Jubelrunden und küsst frenetisch den kiloschweren Euro, die Gipfel-Trophäe.

Aber nein. Alle sitzen/stehen sie langweilig da und sehen aus wie immer. Merkel kickt nicht! Deshalb muss Schluss sein mit der Sportrhetorik: Es kann nur ein Endspiel geben und da sitzt Joachim Löw am Rand. Wenn schon die EU vor die Hunde geht, sei’s drum – die EM kriegt ihr nicht! Solange das Endspiel nicht wieder da und nur da ist, wo es hingehört – auf dem Platz und im Sportteil – ist es das Unwort des Jahres.

Leserbriefe

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Mehr zum Thema: Sensationsjournalismus, Euro-krise, Journalismus

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