Was anderes sind also Reiche, wenn ihnen Gerechtigkeit fehlt, als große Räuberbanden? Augustinus von Hippo

Invasion der Polit-Zombies

Auf dem Höhepunkt des Wahlkampfes ist die Apokalypse nah: In sozialen Netzwerken mutieren ganz gewöhnliche Leute zu Polit-Zombies, die agitieren wie ein Nahles-Döring-Dobrindt-Gröhe-Lemke-Wesen. Rette sich, wer kann.

Irgendwann im Wahlkampf kam mir etwas komisch vor. Bei Facebook und auf Twitter häuften sich politische Botschaften von Freunden und Bekannten, die klangen, als glucksten sie direkt aus den Kehlen der Berliner Hauptstadtpolitik hervor. So redet doch keiner, dachte ich. So redet doch keiner, der sonst lustige Links verteilt, keiner, mit dem ich schon bei Bier und Diskussionen die Welt gerettet habe. Was geht da vor?

Plötzlich lese ich faulige Botschaften wie diese (in beliebiger Abwandlung): „Wir haben die Inhalte“. Ein Spruch also, den man auch auf jede Tüte Gelatine schreiben kann, ohne rot zu werden. Inhalte hat die Tüte ja. Trotzdem fühlt sich, wer das sagt oder schreibt, schrecklich ernst.

„Paff!“ – Teilchen ab

Wie kommt es, dachte ich, dass ganz gewöhnliche Leute plötzlich wie Generalsekretäre reden (das sind die in einer Partei, die auch dann noch „Der Kurs ist richtig und alternativlos“ sagen, wenn das Schiff längst am Absaufen ist)? Wer hat diesen ganz gewöhnlichen Leuten ihr kritisches Bürgerhirn weggelutscht?

Von professionellen Politikern kennt man ihn, diesen Zombie-Sprech. Wenn sie ohne menschliche Regungen zu zeigen Sätze formulieren, die so dumpf und leer jede Realität ignorieren und den gesunden Menschenverstand kassieren, dass den Lebenden blanker Horror in die Glieder fährt.

Einem echten Politiker mag man das irgendwie noch verzeihen. Er redet den ganzen Tag, umschwirrt von Kameras und Mikrofonen, wie von Fliegen. Er leidet deshalb an einem, in politischen Kreisen „Kieselsteinproblem“ genannten Phänomen. Wie so ein Kiesel anfangs auch noch Ecken und Kanten hat, wenn er ins Wasser fällt, eckt er mit der Zeit immer wieder an, schlagen immer mehr Teilchen ab. Irgendwann ist er ganz glatt. So geht es den Politikern auch. Gibt es für ein unbedachtes Wort was auf die Ohren, sagt man es nicht noch mal. „Paff!“ – Teilchen ab. Wie viele Gehirnzellen dabei sterben, ist ungewiss.

Eine Art verbaler Tarnanzug

Natürlich steckt aber auch Absicht dahinter. „Neusprech“ hieß bei George Orwell die künstlich veränderte Sprache der Herrschenden. In „1984“ wollen sie die Kommunikation der Bevölkerung kontrollieren, indem sie die Anzahl von Wörtern und deren Bedeutung krass reduzieren. Hörte Orwell heutige Politiker reden, hätte er den Neusprech vermutlich anders beschrieben: Die Anzahl von Wörtern wird erhöht und ihre Bedeutung erweitert. Dadurch fällt es schwer zu folgen, die Botschaft verschwimmt. Politiker tragen eine Art verbalen Tarnanzug.

Doch dahinter steckt mehr. Es geht bei der politischen Sprache nicht nur um so abstruse Begriffe wie „Gebührenanpassung“, die gesagt werden, weil sie bei flüchtigem Hinhören schöner klingen als die „Erhöhung“, die sie eigentlich sind. Nicht nur um Ausdrücke wie „Residenzpflicht“, wofür man auch einfach „Haft“ sagen könnte. Es geht vielmehr um die verbale Abschottung und den Absolutheitsanspruch, die mit dem politischen Reden einhergehen.

Denn mit politisierten Menschen wird der Diskurs zum reinen Schlagabtausch. Eine Reflexhaftigkeit, die am Großhirn vorbei geschieht. Sie schleudern vorgefertigte Argumente heraus, versuchen, den Gegner verbal zu übertrumpfen, schieben die Rückzuglinie maximal weit nach vorne: Die eigene Partei hat immer recht. Nicht nur im Zweifel. Basta. Punkt. Grunz.

Wahrheit ist eine besondere Kunstform

Die „taz“ hat vor der Bayern-Wahl einen Text veröffentlicht, der das recht anschaulich illustriert. Völlig unverdächtig, der konservativen CSU besonders zugeneigt zu sein, heißt es in dem linken Blatt: „Einen tatsächlichen Grund, woanders das Kreuz zu setzen als bei der CSU, hat die Mehrheit der Bayern nicht.“ Denn Bayern gehe es nach 56 Jahren CSU-Herrschaft so gut wie nie. Eine banale Erkenntnis? Nicht ganz.

Wer kurz sucht, findet beispielsweise auf der Webseite des Seehofer-Herausforderers, des Münchener Oberbürgermeisters Christian Ude (SPD), unter „Ziele“ den Satz: „Es wird also Zeit, dass nicht nur München, sondern der ganze Freistaat gut und solide regiert wird.“ Abgesehen von der Frage, was „gut“ und „solide“ überhaupt bedeuten sollen: Zuzugeben, dass die CSU vieles richtig gemacht hat – haben muss –, würde Ude nicht im Traum einfallen. Jedenfalls nicht öffentlich.

Darin sind alle politischen Lager und fast alle Politiker gleich. Eine größere Bereitschaft, eigene Unzulänglichkeiten einzugestehen, existiert nur bei den Piraten – hilft denen aber auch nicht viel. Vielleicht wollen die Menschen ja belogen werden? Die Wahrheit ist jedenfalls gerade im Wahlkampf eine besondere Kunstform. Irgendwie wird diese Lügerei sogar honoriert:

Das lässt ziemlich genau einen Schluss zu: Vielleicht haben Menschen allgemein den Hang zur Einseitigkeit, die naturgemäß die Wahrheit biegen und strecken muss, weil die bekanntlich meistens in der Mitte und damit nicht auf einer Seite liegt. Einseitige Haltungen liefern verständliche Erklärungen, geben damit Sicherheit und überzeugen erst den Überzeugten selbst vollkommen, bevor sie dann andere bespringen wollen. Ein bisschen wie ein fieses Virus also. Wirte gibt es genug.

Denn wir alle tun das, einseitig vereinfachen, müssen das tun, die Welt ist zu komplex. Aber im Politischen geht das mitunter übel aus. Im Zweifel siegt hier ja eine Seite völlig über die andere (Bayern). Ein wenig Reflexion tut also allen Beteiligten gut. Doch wer politisiert wurde, schränkt sich oft so ein, dass eine echte inhaltliche Diskussion kaum mehr möglich ist. Im besten Fall bleibt der Debattierwettbewerb, der so entsteht, reine geistige Masturbation. Im schlimmsten Fall verblöden alle Beteiligten. Grunz.

Nahles-Döring-Dobrindt-Gröhe-Lemke-Wesen

Zugegeben: Viele Politiker wissen das. Wenn sie nicht öffentlich sprechen, sind sie mitunter ziemlich vernünftig, können Fehler eingestehen und dem Gegner Erfolge gönnen. Doch ihre öffentliche Darstellung von politischer Auseinandersetzung steckt an. So einen Höhepunkt der Verblödung gab es diese Woche zu bestaunen: Sigmar Gabriel (SPD) wirft der Linken indirekt vor, den Holocaust zu leugnen, irgendwie.

An solchen Vorbildern orientiert sich der Normalbürger dann, wenn er beschließt, ein politischer Typ zu werden. Er äfft quasi Politiker nach, die er als Stereotypen aus den Medien kennt. Womöglich größtenteils unbewusst. Und dann wünscht er wahlweise die Schwarzen, Roten, Grünen oder Gelben mit Verve zum Teufel. Und fängt an zu brabbeln: „Wer den Wechsel will, muss Steinbrück wählen.“ Oder so: „Wer ein starkes Deutschland will, muss Merkel wählen.“ Solche Sprüche, Wahlplakate-Slang. Sie wissen schon.

Die geschätzten Normalbürger metamorphieren zu einem Nahles-Döring-Dobrindt-Gröhe-Lemke-Wesen. Und dann ziehen sie aus und seuchen die sozialen Netzwerke und Freundeskreise mit ihrem Generalsekretärs-Sprech voll.

Authentisch wie eine Gerichtssendung

Dabei sind die nachgemachten Polit-Zombies oft noch grausiger als ihre Vorlagen. Das vom „Eigentlich-pfeifen-wir-auf-Politik-Sender“ RTL offerierte Format „Meine Wahl“ offenbarte erschreckend, was für einen Unsinn gewöhnliche Leute reden können, wenn es politisch wird. „Schlimm war zum Beispiel, dass das, was die gecasteten Wähler zu Steinbrück sagten, in etwa so authentisch klang wie die Gerichtssendungen, die sonst auf den Privaten laufen“, schrieb Hannah Beitzer auf „Süddeutsche.de“. Wie recht sie hat.

„Für gewöhnlich sind es ja genau die Bürger, die den Politikern vorwerfen, dass sie ihren Wählern immer nur gestanzte Formulierungen um die Ohren hauen, die eigentlich keinen Inhalt haben“, hieß es da weiter. Da zeigt sich, was ich meine: hochgradig ansteckend ist er, dieser Zombie-Sprech.

Wer einmal die Verwandlung eines vormals angenehmen Gesprächspartners erlebt hat, hin zu einem, der einer politischen Agenda folgt, weiß, wie erschütternd so eine Erfahrung ist. So redet doch keiner. Doch, tun sie leider wohl. Ein Glück, dass die Invasion nach der Wahl bald vorbei ist.

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