Für die Menschen ist nicht die Oase das Problem, sondern die Wüste drumherum. Guido Westerwelle

Und täglich grölt das Medientier

Langweiliger Wahlkampf? Wenn irgendetwas die Bürger vor der Wahl einschläfert, dann der tägliche „Bang!“ der Massenmedien. Über einen der größten und giftigsten Irrtümer des Sommers.

Ein Land wie ein Fels. Groß, still und grau. Deutschland ist im Wahlsommer erstarrt. Zumindest könnte man das glauben. Denn reichlich Sedativa wurden in den vergangenen Wochen von fast allen namhaften Medien serviert – auch von diesem. Verschiedene Varianten davon, aber immer die gleiche Beschreibung dabei: langweiliger als sonst Wahlkämpfe sind, ist diesmal nur der Wahlkampf.

Stopp. Machen wir ein kleines Gedankenexperiment und nehmen an, wir hätten in den letzten vier Wochen keine innenpolitischen Nachrichten konsumiert. Wir hätten was verpasst? Genau: nichts. Es war Sommer, warm und hell. Badeseezeit, Grillzeit, Eiszeit.

Journalisten schmollen

Wem gefällt das nicht? Denen, die innenpolitische Nachrichten verkaufen müssen. Möglicherweise lässt sich damit das ganze Genöle über den langweiligen Wahlkampf erklären: Dank der Bundestagswahl im September sollte das Sommerloch geschlossen werden, in das Nachrichtenmedien sonst plumpsen, wenn die Sonne am höchsten steht. So war das geplant. Pustekuchen.

Also schmollen Journalisten gleich dutzendfach Zeilen hin, in denen sie ihre eigene Langeweile betrauern. Anstatt einfach selbst in den Urlaub zu fahren: „In fünf Wochen wird in Deutschland gewählt, doch die politische Auseinandersetzung plätschert bislang vor sich hin, so aufregend wie ein Schälchen Magerquark“, lamentierte beispielsweise „Spiegel Online“.

Das ist die eine Lesart: ein sommerlicher Blues. Die andere wirkt weniger harmlos. Denn darin liegt in der attestierten Langeweile nur das Symptom für ein weniger offensichtliches, dafür jedoch ärgeres Leiden.

Der Reihe nach. Jetzt, wo das TV-Duell gut zwei Wochen vor der Wahl endlich [sic] wieder mehr Aufmerksamkeit für die Innenpolitik generiert hat und auch die Temperaturen draußen sinken, freuen sich die Nachrichtenmedien wie Bolle und fordern, dass es doch bitte schön jetzt so richtig losgehen muss mit dem Wahlkampf.

Die Medien brauchen das Tamtam

Denn, so weiß „Spiegel Online“ uneigennützig zu berichten: „Der Wahlkampf ohne Leidenschaft ist Merkels größte Gefahr.“ Und bei der „Welt“ applaudieren sie: „Am Sonntag gab es den ersten Hauch von Wahlkampf.“ Die „SZ“ sah Deutschland bedroht, mit der Kanzlerin im Rosenblütenbad zu versinken. Die „taz“ forderte ganz direkt mehr Keilerei („Streitet euch!“), denn der deutschen Politik fehle es an Leidenschaft. Die „FR“ jammerte gleich weiter: „Für einen Moment schien es, als würde Stefan Raab dem öden Wahlkampf Leben einhauchen. Leider blieb es beim Schein.“

Dass es in erster Linie die Nachrichtenmedien selbst sind, die das laute Tamtam dringend brauchen, schreiben sie natürlich nicht.

Die „FAZ“ summte immerhin ein Loblied auf die vermeintliche Langeweile und sorgt so für ein bisschen Abwechslung im Einerlei. Doch auch dem will ich mich nicht so ohne Weiteres anschließen. Denn in dem „FAZ“-Beitrag steht zwar richtig, man solle den Streit nicht zum „Selbstzweck demokratischer Prozesse erklären“ und einen Wahlkampf dort „herbeireden wollen“, wo keiner ist. Das Fazit ist aber einfach falsch: „Gibt es Probleme, meckern wir darüber. Geht es uns vergleichsweise gut, meckern wir über fehlende Debatten.“

Doch darum, ob es jetzt einen so oder so gearteten Wahlkampf geben müsste, geht es nicht. Auch ist die Erkenntnis wenig hilfreich, dass die Menschen schon schreiend auf den Straßen stünden, wenn es ihnen nur richtig dreckig ginge. Das hier ist Deutschland, da werden Probleme nicht erst auf der Aufstands-Ebene gemessen, sondern weit darüber. Vielmehr äußert sich in der Debatte um den langweiligen Wahlkampf eine Krankheit der modernen Mediendemokratie: Verdrossenheit.

Klicks müssen rein, egal wie

Die Ursache der Verdrossenheit liegt in der geistigen Abstumpfung begründet. Diese hat der tagtägliche „Bang!“ geschliffen, der über alle verfügbaren Kanäle auf uns einhämmert. Inzwischen schlittert der Erregungs- und Informationsüberschuss einfach über die nicht mehr vorhandenen Kanten davon.

Denn online gibt es jeden Tag Schlagzeilen, riesengroß. Muss es geben. Die hohe Schlagrate ist längst zum Selbstzweck geworden, die Klicks müssen rein, ganz egal, wie die Ereignislage gerade ist. Wenn keine Nachrichten von Wert da sind, muss der Nachrichtenwert geschaffen werden. Dieses Problem ist nicht ganz neu. Auch früher schon sahen Medien sich im Wettbewerb untereinander (auch zwischen Journalisten im selben Haus) genötigt, schneller und extremer zu werden. Doch im Internet übersteigert sich dieser Effekt.

Ein geflügelter Satz lautet: No news is good news. Dabei sind Nachrichten natürlich nicht per se schlecht. Menschen sind auf Informationen über ihre Umwelt angewiesen, wenn sie sich in ihr zurechtfinden wollen. Und da es da draußen gigantisch viele Informationen gibt, hat das menschliche Gehirn diverse Mechanismen entwickelt, die helfen sollen, in den Bergen von Heu die wenigen Nadeln aufzuspüren. Also jene wirklich wichtigen Infos, die es braucht, um sich zurechtzufinden.

Aufmerksamkeit ist ein Gut, das sich verbraucht

Wie genau wir dabei im Einzelnen nach Wichtigkeit filtern, ist nicht abschließend geklärt. Aber es existieren grundlegende Muster: Ein großer Crash ist wichtiger als ein kleiner. Vielleicht weil er mehr Gefahr ausstrahlt, und wir davon profitieren, mehr über ein gefährliches Ereignis zu wissen als über ein harmloses. Ja, diese Sorte Tiger beißt, Vorsicht, danke sehr. Dasselbe gilt deshalb für Nachrichten: ein lauterer Knall ist für die Aufmerksamkeit eher besser als ein leiser.

Denken wir erneut an das Sommerloch. Der Begriff beschreibt traditionell die eher nachrichtenarme Phase im Hochsommer. In der guten alten Medienwelt war diese Flaute nicht so dramatisch. Damals landeten die abonnierten Zeitungen nach dem Urlaub einfach ungelesen im Altpapier, für die heiße Jahreszeit abbestellt hat sein Abo fast keiner. Das ist jetzt anders. Weil die Online-Medien sich fast ausschließlich über Werbung finanzieren, die direkt von den Aufrufen ihrer Webseiten abhängen, und weil das damit verdiente Geld eigentlich ohnehin nicht reicht, müssen sie immer gelesen werden. Auch im Hochsommer. Und zwar möglichst viel.

Doch Aufmerksamkeit ist ein Gut, das sich verbraucht. Nicht einmal Mega-Skandale wie die NSA-Spionage können uns inzwischen länger als drei, vier Tage richtig beschäftigen. Die Schlagrate wurde in den Mikro-Bereich verkürzt: Nicht nur kommen neue Nachrichten maximal brachial daher, sie werden auch sofort am ersten Tag energisch „weitergedreht“. Das heißt, sofort wird zu dem Thema nachgelegt, mit Kommentaren, mit einem Interview mit jemandem, der eine krasse Ansicht hat, oder ein paar lauten O-Tönen von empörten Politikern, Experten oder sonst irgendwem.

Schon zu Beginn wird in den Headlines und Thesen so maximal strapaziert, soll der Puls beim Leser so weit nach oben getrieben werden, dass schon am Tag danach kaum noch eine Steigerung möglich ist. Herzinfarkt. Abrupt fällt die Erregungskurve ab.

Der tägliche „Bang!“ sediert das Land

Mit der Zeit mutierten wir so zu Junkies von Medieninhalten, die uns immer weniger kicken. Weil wir zu hohe Dosen hatten, weil ein NOCH MEHR einfach nicht geht. Was daraus erwächst, ist ein tumber Entertain-us-Entzug, Apathie und Langeweile, wenn sich die Reden, Gesichter und Themen nicht ständig wandeln, uns neu fesseln und laut dröhnen.

Das Resultat ist eine Verdrossenheit, die keine echte Kritik an den Fehlern des Systems übt, sondern auf dem Sofa sitzt und plärrt: „Ihr schafft es nicht, mich aus meiner Lethargie zu befreien.“ Oder die etwas mildere Form, die schlichtweg überfordert ist, nicht mehr mithalten kann mit dem Tempo der rasenden Information.

Sediert ist das Volk, das lässt sich erfragen. Ausgerechnet der „Wir pfeifen auf politische Inhalte“-Unterhaltungssender RTL präsentierte stolz eine Umfrage, in der 60 Prozent der Bürger angaben, den Wahlkampf langweilig zu finden. Die passende Analyse dazu: Dass der „Wahlkampf nicht in Fahrt kommt“, liege an den Parteien und deren mangelnder Kampfeslust.

Das ist natürlich Unsinn. Denken wir kurz darüber nach, was so ein Wahlkampf eigentlich ist. Klar, es gibt sie, die Hausbesuche, die Flyer im Briefkasten, Plakate und die parteieigenen Internet-Seiten. Aber am Ende zählt, was über die mediale Mattscheibe flimmert und geschrieben steht. Medien sind Masse und Masse ist Macht.

Zu viel vom eigenen Gift geschluckt

Deshalb: Wenn irgendetwas das Land sediert, dann der tägliche – fast stündliche – Bang! der Massenmedien. Dahinter stecken keine böse Maschinerie oder Weltverschwörung. Es wirken einfach die Mechanismen und Umstände einer Branche und spielen mit einer auf Medien fixierten Politik zusammen und der von diesem Gemisch abhängigen Gesellschaft.

Bislang hatte dieses Gift nur bei den Nachrichtenkonsumenten gewirkt: Verdrossenheit durch die vom Dauerhämmern verursachte Abstumpfung. Doch inzwischen haben die Massenmedien selbst zu viel von ihrem eigenen Gift geschluckt. Dieses ganze Gerede über den langweiligen Wahlkampf ist vor allem der Beleg dafür, dass die Politikverdrossenheit – also die Müdigkeit, das genervte Abwinken, mit dem Politik betrachtet wird – inzwischen selbst unter Journalisten Einzug gehalten hat und dort sogar salonfähig geworden ist. Man schämt sich nicht, das aufzuschreiben. Selbst abgestumpft und verdrossen, träufeln sie dem Publikum nun noch die Langeweile ins Ohr.

Dadurch sinkt die Aufmerksamkeitsspanne der so Sedierten immer weiter und die Politik kreischt immer schriller dagegen an, ohne gehört zu werden – der Nachrichten-Bang! muss schneller und lauter werden. Mehr Gift. Ein für die Demokratie ziemlich ungesunder Kreislauf.

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