England wird sich von der weltweiten Entwicklung nicht entkoppeln können. Harald Christ

Sie kennen mich

Es gab einen Satz, der den Ausgang des Duells so gut wie kein anderer beschrieb. Und der war gerade mal drei Wörter lang.

Ein klarer Sieger geht aus dem Duell-Abend nicht hervor. Jeder darf sich also guten Gewissens frei entscheiden, wen er besser fand. Das ist gut, deckt es doch auf, wie subjektiv derlei Einschätzungen ohnehin sind. Man könnte auch sagen: „Sie kennen sich.“ Das ist die vielleicht wichtigste Botschaft an diesem Abend: Politik ist und bleibt zu weiten Teilen Metaphysik.

Das Duell und seine Regelhaftigkeit können daran nichts ändern. Alle Versuche, die politische Auseinandersetzung zu objektivieren, behalten etwas Waberndes. Politik entzieht sich einer genauen Messung, und wird oft nur umso flüchtiger, wenn man sie in Zahlen und Formeln presst. Nie lagen in einem Staat mehr Informationen über seine Bürger und Regierenden vor. Beide Seiten werden ständig interviewt, befragt, beschrieben und analysiert. Und trotzdem stehen sie sich allzu oft ziemlich ratlos gegenüber.

Politik ist nicht objektiv

Beispiel: „Spiegel online“ hat das Duell einem Faktencheck unterzogen, der hier nachgelesen werden kann. Spannender als das Ergebnis („Kopf an Kopf“) ist der Hinweis am Ende:

„Der Faktencheck prüft, ob die Kontrahenten die Wahrheit sagen oder nicht, ob die Aussagen sachlich richtig, die vorgeschlagenen Mittel geeignet sind, das angegebene Ziel zu erreichen. Ob aber das jeweilige Ziel an sich politisch erstrebenswert ist, kann ein Faktencheck nicht sagen. Auch das Urteil darüber, wie schwer ein Punkt letztlich wiegt, kann nur jeder Wähler für sich selbst fällen.“

Die Idee, dass Politik objektiv sein soll, drückt sich am deutlichsten in einem Begriff wie Realpolitik aus. Der Realpolitiker betrachtet eine Sachlage, wiegt Vor- und Nachteile ab, rechnet und entscheidet dann. Das grenzt an Wissenschaft. So weit das Ideal. Nur kann es eine reine Analyse gar nicht geben. Auch wenn der Politik eine gewisse Dosis nüchterne Analyse gut tut.

Weil es im Sozialen keine Gesetze gibt wie in der Physik. Der Apfel fällt vom Baum, immer wieder, es ist kein Fall bekannt, in dem er es nicht täte. Solange das so bleibt, ist die Schwerkraft Gesetz. Ein Mensch wählt dagegen nicht automatisch NPD, nur weil er eher arm, niedrig gebildet und aus dem Ostteil der Republik ist. Diese Merkmale machen die Wahl einer rechten Partei lediglich etwas wahrscheinlicher, lassen sich aber nicht als kausaler Zusammenhang beschreiben.

Ganz simpel: gut oder schlecht?

Wir bleiben also trotz vieler, vieler Informationen eigentlich ziemlich blind, wenn wir versuchen, die politische Realität zu beschreiben. Doch ohne Realität kein real.

Im Duell hat Peer Steinbrück häufiger mit Zahlen und „Sachargumenten“ hantiert als Angela Merkel. Was kein Zufall ist, sondern seinem Image und Selbstverständnis als kühlem Analytiker geschuldet ist. Steinbrück ist ein ziemlich idealtypischer „Realpolitiker“. Merkel beschreibt die Realität lieber mit Gefühlen.

Eine der großen Kontroversen war nicht nur hier die Frage, wie es um Deutschland bestellt ist. Wenigstens das, so sollte man meinen, müsste sich doch recht genau feststellen lassen. Ganz simpel: gut oder schlecht?

Politik ohne Überzeugungen gibt es nicht

Doch so leicht ist es nicht. Vom Zuschauer links aus gesehen (Merkel) wurde ein Land beschrieben, das Europa kraftvoll durch die Krise führt, bald seine Schulden abbaut und auf die Vollbeschäftigung zusteuert. Rechts (Steinbrück) wurde ein Land beschrieben, das still steht, sozial erkaltet ist und Europa zugrunde spart. Das widerspricht einem Gesetz der Logik: zwei entgegengesetzte Aussagen können nicht gleichzeitig richtig sein.

Spätestens an dieser Stelle verdeutlicht sich, wo Politik aufhört, eine Wissenschaft zu sein. Welche Kriterien sind dafür entscheidend, ob es einem Land gut geht oder schlecht? Wann ist Arbeit „gute“ Arbeit. Wann ist es besser, neue Schulden zu machen? Hätte ein Kanzler Steinbrück Deutschland besser durch die Krise geführt? Nichts davon ist messbar, sondern abhängig von Sichtweisen, Vorannahmen und Glaubenssätzen. Politik ohne Überzeugungen gibt es nicht.

Allerdings haben Überzeugungen eine kuriose Eigenschaft: Weil wir sie fühlen, wirken sie meist viel realer als etwas, das man wirklich belegen kann. Unsere tiefen Überzeugungen hinterfragen wir kaum und konträre Argumente prallen ziemlich zuverlässig an uns ab. Denn gerade dort, wo die Überzeugungen schwächeln, liegt eine ihrer großen Stärken: Während wir unsere eigenen Überzeugungen als Fakten betrachten, haben wir gegen anders lautende Überzeugungen recht schnell gute Argumente zur Hand – wobei es den anderen natürlich genauso geht. Der Glaube ist also gesichert.

Keine Wahrheit, sondern ein Gefühl

Die Ansicht, wer das Duell nun gewonnen hat oder nicht, hängt deshalb vor allem davon ab, ob zuvor schon eine starke Überzeugung in die eine oder andere Richtung vorlag und/oder davon, welche Zeitung gelesen wird, welche Freunde man hat, um mit ihnen darüber zu reden, welche Zeitung diese lesen und so fort. Mit einer echten, realen Sachlage hat all das nur wenig zu tun. Die politische Realität konstituiert sich erst, wenn wir sie dafür halten.

Genau aus diesem Grund glaube ich, dass Angela Merkel gewonnen hat. Peer Steinbrück hat zwar passabel diskutiert, viel mit Zahlen hantiert und insgesamt eine gute Figur gemacht. Doch so überzeugt man nicht. Merkels Schlussstatement begann sie mit den Worten: „Sie kennen mich.“ Das war einer der wenigen unzweifelhaft wahren Sätze, freilich politisch vollkommen inhaltslos.

Merkel schickt keine vermeintliche politische Wahrheit ins Land, sondern ein Gefühl: „Sie kennen mich.“ Etwas Vertrautes, das sich weder ändern muss noch soll, und mit einer großen Chance, real zu sein.

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