Die islamische Welt befindet sich leider noch im Mittelalter. Seyran Ateş

Und sie werden es doch tun

Eine Koalition aus Grünen und der Union wäre die logische Konsequenz einer ganzen Reihe von Entwicklungen. Die Grünen müssen sich eingestehen, wie nah sie den Schwarzen inzwischen sind. Das zu verneinen ist unglaubwürdig.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer sind die Konservativen in diesem Land? Was früher sicher schien, ist heute keineswegs mehr Gewissheit. Denn auch wenn konservativ kein fest abzugrenzendes Attribut ist, so wird doch klar, dass sich etwas gewandelt hat im deutschen Konservatismus: Grün ist das neue Schwarz.

So plakativ formuliert ist die Behauptung ihrer Zeit wohl noch etwas voraus. Doch wer die aktuelle Debatte über eine neue grüne Bürgerlichkeit als Hirngespinst von Journalisten abtun will, hat weit gefehlt. Setzt man das Puzzle aus Äußerungen, Wahlerfolgen, Wählerklientel und politischen Kursänderungen richtig zusammen, entsteht ein ziemlich klares Bild. Nur die Grünen selbst tun öffentlich so, als sei das nicht so.

Der konservativ-grüne Ministerpräsident Kretschmann hat deshalb die „Ausschließeritis“ seiner Partei kritisiert. Recht hat er. Dass sich nun, nach der spektakulären Urwahl der Grünen, die Parteigranden für ein rot-grünes Bündnis aussprechen, ist eine Sache. Man kann ihnen durchaus abkaufen, dass sie am liebsten mit der SPD regieren würden. Aber warum eigentlich?

Was ist das denn für eine SPD? Die Geburt des Spitzenkandidaten war eine äußerst schwere und seither läuft es für Steinbrück mehr schlecht als recht. Die Partei wird nicht von Flügelkämpfen verschont bleiben, im Falle eines Wahlerfolgs werden diese eher heftiger als schwächer ausfallen. Die Selbstbeschäftigung der SPD wird weitergehen. Ein schwieriger Koalitionspartner also. Merkels Union dagegen ist geschlossener und berechenbarer, weil ganz auf die Kanzlerin eingestellt. Und nach der Bayern-Wahl wird auch die CSU ruhiger.

Die Grünen begreifen sich als neue Mitte der Gesellschaft

Die Umfragen sprechen ohnehin gegen Rot-Grün: Neben der großen Koalition ist Schwarz-Grün aktuell die einzig realistische Option. Derzeit kämen beide zusammen auf komfortable 54 Prozent. Rot-Grün liegt weit abgeschlagen dahinter. Schwer vorstellbar, dass sich die Grünen einem Bündnis mit den Schwarzen nach einem entsprechenden Wählervotum verweigern. Damit würden sie lediglich die große Koalition erzwingen. Entsprechend fordert der Europa-Grüne Daniel Cohn-Bendit, sich keiner Möglichkeit zu verschließen. Wenn die Grünen ein Bündnis mit der Union ausschließen, dann machen sie sich unglaubwürdig.

Vor allem, weil die beiden Parteien mehr denn je gemeinsam haben. Mit Göring-Eckardt und Trittin haben die Grünen das Duo gewählt, das bestmöglich zur Union passt. Und egal wie sehr es Versuche aus der Partei gab, einen „Candystorm“ für die abgewatschte Parteichefin Roth zu inszenieren: Das Urwahl-Ergebnis hat Roths linksgrüner Strickjacken-Politik glasklar eine Absage erteilt. Nur weil auf dem Parteitag am Wochenende nicht wieder die gesamte Basis entscheidet, kann sie hoffen, im Amt zu bleiben.

An dem veränderten Gesicht der Grünen rüttelt das nicht. Göring-Eckardt, Trittin, Kretschmann, Kuhn, Palmer – Erfolg haben Grüne mit konservativem Profil. Die Wählerschaften von Union und Grünen sind sich sozio-demografisch äußerst ähnlich. Ihre Positionen, ob in Europa-Fragen, beim Mindestlohn oder der Energiewende, sind deckungsgleich wie nie.

Diese Grünen begreifen sich als neue Mitte der Gesellschaft. Nach dem Wahlerfolg in Stuttgart freute sich Fritz Kuhn: „Die Grünen sind breit ins Bürgertum eingedrungen.“ Tübingens OB Boris Palmer forderte: „Ich will den Begriff bürgerlich zurück.“ Katrin Göring-Eckardt beschreibt die „neuen Bürger“ als Grüne Kernwählerschaft.

Schwarz-Grün ist mehr als eine Möglichkeit

Kein Wunder, dass SPD-Chef Gabriel sofort nach der Urwahl ein klares Bekenntnis zu Rot-Grün gefordert hat. Die Sorgenfalten in den Gesichtern der Sozialdemokraten sind keineswegs weniger geworden. Erst recht, weil die Umfragewerte einfach nicht besser, sondern schlechter werden.

Aus der Union wiederum werden deutliche Signale an Grün gesendet: eine Option auf Schwarz-Grün käme dort gerade recht. Nicht nur hätte man mit dieser Alternative ein Druckmittel gegenüber der widerspenstigen FDP in der Hand. Auchauf die SPD würde Druck ausgeübt, weil eine Alternative zur Großen Koalition verfügbar wäre.

Die innerhalb der CDU laufende Debatte um ihre Schwäche in den Städten betrifft die Grünen ebenso. Die CDU ist in den Städten jahrelang auf der Stelle getreten und erreicht mit ihrem Personal kaum mehr das Lebensgefühl vor Ort. Die deutschen Städte sind rot. In der Analyse der CDU-Stadtpolitiker liegt das auch daran, dass sich CDU und Grüne in den Städten um dieselben Wähler streiten. Eben weil die bürgerliche Mitte grüner geworden ist. Das macht Partnerschaften attraktiv: Wenn du deinen Feind nicht besiegen kannst, verbünde dich mit ihm.

Es wird bis zur Wahl noch viel gesprochen und versprochen werden. Doch schon heute steht fest, dass Schwarz-Grün mehr als nur eine Möglichkeit ist. Wenn die Grünen dies verneinen, schaden sie ihrer Glaubwürdigkeit. Grün ist das neue Schwarz. Um das zu erkennen, müssen die Beteiligten nur in den Spiegel schauen.

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