Die Welt ist so groß, dass alle Irrtümer darin Platz haben. Rudolf Augstein

Massen-Panik

Die Masse wird im Internet zum Tyrannen! Nein, sie ist jetzt endlich Souverän! Oder nicht?

In der Politik ist Masse etwas, das man gern hinter sich und nicht vor sich hat. Wer Masse bewegen kann, hat Macht. Weil die Piraten mit frischen Ideen für Beteiligung achtbare Erfolge erzielen, ist eine Diskussion um Masse im Internet entbrannt. Dabei gibt es sie nicht.

In Angst, überrollt zu werden, sagte FDP-General Patrick Döring, noch unter dem Schock der Saarlandwahl: Das Politikbild der Piraten sei sehr „von der Tyrannei der Masse geprägt“ Sascha Lobo, guten Gewissens als Netz-General zu bezeichnen, sprach dagegen: Das was Döring da beobachte, sei keineswegs Tyrannei, „die Masse der Leute im Internet“ beginne vielmehr, „ihren politischen Willen zu artikulieren – und zwar häufiger als nur alle vier Jahre“.

Partizipation ist kein Pappenstiel

Zwei Welten prallen da aufeinander. In der einen ist Masse, wenn sie aus Menschen besteht und Politik macht, mit Vorsicht zu genießen. Historisch betrachtet, ist das nicht dumm. Wenn „die Masse“ (sprich: die Mehrheit) im politischen Geschehen wirklich mitmischte, nannte sich das meist Revolution. Auf den Freudentaumel der kurzzeitigen Massenpartizipation folgten oftmals schmerzhafte Kater.

In der anderen Welt verheißt Masse Hoffnung. Es ist eine der Grundideen der Demokratie, dass alle mitmachen. Jeder kennt das Ideal des Athener Forums, an dem die Bürger zusammenkommen, diskutieren und entscheiden. Berlin kann sich nicht vor dem Reichstag treffen. Mit den Mitteln des Internets sieht es da schon besser aus. Aus diesen neuen Möglichkeiten speist sich das Konzept der Piraten – ein virtuelles Athen.

Nun verfügt direkte Demokratie zwar über den Charme der universellen Beteiligung, setzt aber auch ein sehr optimistisches Menschenbild voraus. Partizipation, wie sie die Piraten wollen, ist kein Pappenstiel. Sie braucht vor allem Ressourcen: Bildung, Information, Zeit. „Die Masse der Leute im Internet“ wird kaum auf absehbare Zeit die 60 Prozent der Volljährigen erreichen, deren Beteiligung wir bei Wahlen regelmäßig als traurig empfinden. Dafür sorgen alleine das demografische Gefälle und der Aufwand, den ständige Teilnahme mit sich bringt.

Die Masse wird folgen

Die Idee ist deshalb keine schlechte. Ich habe schon an anderer Stelle geschrieben, dass die Piraten eine Wohltat für die Demokratie sind. Politik und Netz müssen und werden zusammenwachsen, die Demokratie wird dadurch direkter, informierter und effizienter. Es ist höchste Zeit, dass hier jemand für Bewegung sorgt. Jeder, den neue Beteiligungsformen zusätzlich motivieren, ist ein Gewinn.

Man kann mit gutem Recht behaupten, dass alle vier Jahre wählen nicht genug ist. Trotzdem sind und bleiben Wahlen wichtig, gerade, weil sie so anspruchslos und deshalb massentauglich (im Sinne von umsetzbar) sind. Doch selbst hier wählt die Masse schon mehr auf Basis von Parteienbindung und Personen denn als auf Inhalten. Max Webers Erkenntnis, dass nicht jeder neben seinem eigentlichen Beruf auch noch Experte in der Politik sein könne, ist zeitlos.

Deshalb wird es auch im Internet Strukturen geben, Einzelne und Gruppen, die Informationen liefern, Standpunkte einnehmen, Richtungen vorgeben. Und die Masse wird ihnen folgen. Döring und Lobo gehen beide fehl. Weder wird die Masse im Internet zum Tyrannen, diese Funktion ist weiter kleinen Gruppen vorbehalten. Doch auch ihren politischen Willen wird die Masse nicht dauerhaft und ständig online artikulieren. Da treffen sie sich dann, die beiden Welten, und geben ein stimmiges Bild – die Masse gibt es nicht, weder die eine, noch die andere.

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