Wir können uns Zentralbanken fast schon als Geld-Elfen vorstellen. John Lanchester

Früher war mehr Lametta

Kirchen bieten immer weniger Orientierung. Aber genau danach sehnen sich die Menschen. Kein Wunder also, dass es PEGIDA gibt.

„Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Das hier hervorgehobene ‚inzwischen‘ wird bei der Wiedergabe von Christian Wulffs berüchtigten Worten meist unterschlagen. Dabei trägt es zum besseren Verständnis enorm bei, denn Wulff beschrieb seinerzeit im Grunde nur die kaum zu leugnende Tatsache, dass der Islam heute einen größeren Einfluss auf die deutsche Gesellschaft ausübt als noch vor zwanzig Jahren.

Wer daran zweifelt, möge einfach mal versuchen, sich zu erinnern, ob zu seiner Schulzeit aus Rücksicht auf muslimische Schüler bereits auf Klausuren während des Ramadan oder auf Schweinefleisch beim Mittagessen verzichtet wurde. Ob man hierfür bereits den Begriff „Islamisierung“ verwenden möchte, muss jeder selbst beurteilen. Fest steht: Die Zeiten haben sich geändert.

Gegen den Wandel der Zeiten zu protestieren, ist ungefähr so sinnvoll wie gegen den Auf- und Untergang der Sonne. Das bedeutet natürlich nicht, dass man sämtliche gesellschaftlichen Entwicklungen einfach hinnehmen müsste. Aber bevor man alle Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes zusammentrommelt, sollte man sich überlegen, mit welchen politischen Mitteln man diese „Islamisierung“ aufzuhalten gedenkt. Ein Recht darauf, dass alles so bleibt, wie es ist, wird von unserer Verfassung nicht garantiert. Im Gegenteil: Ein Rechtsstaat, der seinen Namen verdient, kann das Recht seiner Bürger auf freie Ausübung ihrer Religion nicht beschneiden. Wenn die Zahl der Muslime in Deutschland steigt, sei es durch Zuwanderung oder durch Nachwuchs, wird auch die Zahl der Moscheen steigen. Und niemand, auch nicht ein demokratisches Volksbegehren, wird es Muslimen verbieten können, Grundstücke zu erwerben und auf diesen – selbstverständlich unter Berücksichtigung entsprechender Bauvorschriften – Moscheen zu errichten.

Die Zukunft der Religion

„Das 21. Jahrhundert wird religiös sein, oder es wird nicht sein“, lautet ein Satz des französischen Philosophen André Malraux (1901-1976), der in unserer Zeit besonders gerne von dem jüngst verstorbenen Peter Scholl-Latour zitiert wurde. Der türkische Philosoph Ali Bulaç pflichtete ihm bei, als er vor einigen Jahren meinte: „Neue Denker, die wie der Heilige Augustinus, der Heilige Thomas oder Descartes in christlicher Bildung erzogen sind, werden in dieser Zeit auftauchen. Meiner Ansicht nach wird das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Rückkehr zur Religion sein. Entweder werden die Menschen auf diesem Planeten als Gattung Selbstmord begehen, oder sie werden sich dazu gezwungen fühlen, zur Religion zurückzukehren.“

Für manche Menschen klingen derartige Prognosen wie Horrorszenarien. Sie träumen von einem Zeitalter der Überwindung der Religion und wähnen sich als Vertreter einer neuen und fortschrittlichen Weltanschauung. In Wirklichkeit hängen sie damit allerdings einer im Laufe der Geschichte schon vielfach vorgebrachten und immer wieder gescheiterten Idee an.

Ende des 18. Jahrhunderts, zur Hochzeit der Aufklärung, waren viele Intellektuelle davon überzeugt, dass man die Religion in wenigen Jahrzehnten überwunden haben werde. Was passierte? Das 19. Jahrhundert führte zu einer neuen Blüte des Christentums in ganz Europa. Im 20. Jahrhundert waren es die totalitären Systeme, allen voran der Kommunismus, die sich die Überwindung der Religion auf die Fahnen schrieben. Was passierte? Mit wenigen traurigen Ausnahmen brachen diese Systeme wieder zusammen. Ausgerechnet Russland, das am stärksten unter der kommunistischen Tyrannei zu leiden hatte, besinnt sich heute weit stärker auf seine christlichen Traditionen als der Westen Europas. Der Wiederaufbau der einst von Stalin gesprengten Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau war ein eindrucksvolles Zeichen der Überwindung des Kommunismus und der Rückkehr zum Christentum. Ausgerechnet an diesem Ort, der auch an die vielen orthodoxen Geistlichen erinnert, die unter der Herrschaft des Kommunismus ihr Leben ließen, führte Muschikrawall ihr alberndes ‚Punk-Gebet‘ auf.

Früher war mehr Lametta

Diejenigen, die sich über das schwächer werdende Christentum in Europa freuen, übersehen dabei leicht, dass die zunehmende Stärke des Islams eine direkte Folge davon ist. Das 21. Jahrhundert wird kein Jahrhundert des Atheismus werden, auch nicht in Europa. Die Frage ist nur, welche religiöse Strömung die dominante sein wird, das Christentum oder der Islam.

Sich vor einem dominanten Islam in Europa zu fürchten, ist nicht völlig unbegründet. Denn Beispiele dafür, dass der Islam die Führungsrolle innerhalb einer Gesellschaft übernimmt, ohne diese zivilisatorisch herunterzuwirtschaften, sind bislang ausgeblieben. Andererseits entspringt die Angst vor dem Fremden zumeist der eigenen Unsicherheit. Wir wissen, wogegen PEGIDA protestiert, aber wir wissen nicht wofür – und vermutlich wissen sie es selbst nicht so genau. Das bedeutet keineswegs, dass alle Teilnehmer dieser Demonstrationen ‚Chaoten‘ oder ‚Deppen‘ sind. PEGIDA ist Ausdruck einer Suche nach etwas, das verloren gegangen ist. Aber solange dieses Etwas von den Demonstranten nicht präzise benannt werden kann, reduziert sich ihr Protest auf die nostalgische Klage: Früher war mehr Lametta!

Die Kirchen Europas bieten immer weniger Orientierung, immer weniger Heimat. Aber genau nach diesen Dingen sehnen sich die Menschen, und letztlich ist PEGIDA nur ein Ausdruck dieser Sehnsucht. Mit politischen Mitteln wird sich diese Sehnsucht allerdings nicht stillen lassen. Hier hilft nur eine Rückbesinnung auf unsere christliche Herkunft.

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