Wenn wir ein bisschen mehr schwäbische Hausfrau mit auf den Weg nehmen, dann können wir das System stabiler gestalten. Josef Ackermann

Und alles im Namen der Religion!

Für die einen ist Ostern die Zeit, den christlichen Glauben zu erneuern, andere nutzen sie, um auf ihm herumzuhacken. Auf Facebook ist wieder die große Zeit für Karikaturen wie jene, auf der zu sehen ist, was die Kirche (angeblich) jahrhundertelang blockierte – so ziemlich alles von der Sklavenbefreiung bis zum Tierschutz. Motto: „Meine Meinung steht fest, verwirren Sie mich nicht mit Tatsachen!“

Wen kümmert es schon, dass das Verbot des Sklavenhandels im britischen Empire maßgeblich auf den Einfluss von Geistlichen wie John Wesley und evangelikalen Politikern wie William Wilberforce zurückging? Wen interessiert schon, dass der erste Tierschutzverein auf deutschem Boden 1837 von einem evangelischen Pfarrer (Albert Knapp) gegründet wurde?

Unter den Printmedien übernimmt DER SPIEGEL, das Sturmgewehr G36 der Demokratie, die dringliche Warnung vor der „gefährlichen Rückkehr der Religionen“. Auf der aktuellen Titelseite sehen wir insgesamt fünf diesbezügliche Symbole, vier davon christlich: oben rechts Donald Trump mit einem Buch in der Hand, das wohl die Bibel sein soll; darunter ein Mann mit einem Bild von Jesus; darunter Wladimir Putin in inniger Umarmung mit Patriarch Kyrill; und in der Mitte ein in die Höhe gerecktes Kruzifix, netterweise auch noch mit einem Totenkopf verziert, das ein in religiöser Symbolik wenig bewanderter Betrachter leicht für das gängige Symbol für Gift halten könnte. Auf der linken Seite des Covers sehen wir einige Islamisten mit wehenden Fahnen. Das Verhältnis ist also 4:1. Plausible Schlussfolgerung: Das Christentum ist viermal so gefährlich wie der Islam.

Das fanatische Treiben der Christen

Im Artikel selbst ist das Verhältnis dann ein wenig ausgeglichener, nur etwa die Hälfte des Textes befasst sich mit den Christen. Überall lauern sie, überall mischen sie mit. Was genau sie dabei so Schlimmes anrichten, bleibt eher verborgen, aber es gibt sie, und das ist offenbar Grund genug zur Panik. Zugegeben, einige Schandtaten werden von den investigativen Fachleuten des SPIEGEL durchaus aufgedeckt. „Unter den extremen Christen gibt es Bäcker, die sich aus religiösen Gründen weigern, homosexuellen Paaren eine Hochzeitstorte zu backen.“ Gott im Himmel! Da hat es ein selbständiger Unternehmer doch tatsächlich gewagt, einen privaten Auftrag abzulehnen! Und das in unserer sogenannten „Freien Welt“! Schockbilder der Opfer bleiben uns zum Glück erspart: das schwule Pärchen musste den mühsamen Marsch zum Bäcker am anderen Ende der Straße auf sich nehmen – und alles im Namen der Religion!

Noch schlimmer wird es bei den fanatischen Christen in Brasilien, die sich im Parlament gegen eine Lockerung der Abtreibungsgesetze ausgesprochen haben. Meine Güte! Da setzen sich demokratisch legitimierte Volksvertreter allen Ernstes mit rechtsstaatlichen Mitteln für den Schutz menschlichen Lebens ein! Warum können diese Leute nicht so sein wie unsere Bürger, die in guter APO-Tradition für das Lebensrecht des Juchtenkäfers demonstrieren?

Am gefährlichsten sind aber ohne Zweifel die Christen in Nigeria. „Seit der Jahrtausendwende verstärken fundamentalistische Christen ihre Bekehrungskampagnen in Afrika“, insbesondere in den Kerngebieten des Islams. Damit sorgen sie für „die maximal denkbare Menge an Konfliktstoff“. Wieder so eine Unverschämtheit! Diese Christen wollen doch tatsächlich dort missionieren, wo es bisher kaum Christen gibt! Wo es doch so viel einfacher und friedlicher wäre, Christen zum Christentum zu bekehren! Dass Nigeria unter besonders scharfen Konflikten leidet, ist indes richtig. Kürzlich sprach ich mit einem Christen aus Nigeria, der einen Angriff der Boko Haram überlebt hat.

Wie durch ein Wunder überlebt der Mann

Die Terroristen brechen in sein Haus ein, schleudern ihn zu Boden und halten ihm eine Waffe vors Gesicht. In Anwesenheit seiner Frau und Kinder wird er aufgefordert, seinem christlichen Glauben abzuschwören und sich zum Islam zu bekennen. Als er sich weigert, rast eine Kugel durch seinen Kopf. Die Terroristen halten ihn für tot, jubeln, rufen „Allah ist groß“ und gehen weiter zum nächsten Haus.

Wie durch ein Wunder überlebt der nigerianische Christ diesen mörderischen Anschlag. So sehen „Bekehrungsversuche“ radikaler Islamisten aus. Können die Journalisten des SPIEGEL etwas auch nur annähernd Ähnliches aus dem christlichen Lager in Nigeria vorweisen? Aber Bekehrung ist nun mal generell irgendwie schlecht, da sollte man als Journalist seinen kritischen Verstand nicht allzu sehr aktivieren. Auch die im Heft abgedruckte Weltkarte hätte man vielleicht besser verheimlichen sollen. Auf ihr sind 39 Länder markiert, in denen religiöse Dogmen „spürbaren Einfluss auf die Politik haben.“ Pikanterweise ist nur eines dieser Länder – Russland – christlich, über 30 von ihnen sind muslimisch. Erklärt wird die gar merkwürdige Schieflage, dass nämlich der Text des Artikels und diese Weltkarte in krassem Widerspruch stehen, mit keinem Wort.

Jesus bat, dass der Kelch an ihm vorbeigehe

Es gibt keinen besseren Termin als Ostern, um sich die Grundlagen des christlichen Glaubens und ihre fundamentalen Unterschiede zu denen des Islams vor Augen zu führen. Jesus weiß, was ihm bevorsteht, und bittet seinen Vater inständig, diesen Kelch an ihm vorübergehen zu lassen. Zugleich spricht er aber die Worte: „Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ Als die Soldaten kommen, um ihn festzunehmen, wollen ihn seine Jünger beschützen, doch er hält sie ab: „Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?“ Jesus hat das Martyrium nicht gesucht, er hat es ertragen. Das ist das christliche Verständnis eines Glaubenszeugnisses.

Kein Christ soll sein Martyrium selbst heraufbeschwören, geschweige denn selbst herbeiführen. Der Islam hat ein völlig anderes Verständnis eines Märtyrers, wie wir unlängst wieder in Brüssel beobachten konnten. Sich selbst das Leben zu nehmen und dabei noch andere mit in den Tod zu reißen, ist für einen rechtgläubigen Christen völlig unvorstellbar. Jene, die dies im Namen des Islams tun, können sich hingegen auf Mohammed, den Koran und andere islamische Quellen berufen.

Wenn die deutschen Medien nicht endlich anfangen, diese Unterschiede, die in den Ursprüngen der jeweiligen Religion und nicht etwa in fehlgeleiteten Auslegungen begründet liegen, anzuerkennen, wird eine sachliche Auseinandersetzung zunehmend unmöglich werden.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sebastian Moll: Bessere Integration für Politiker!

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