Es gibt kein Recht auf Wirtschaftswachstum. Kieron O'Hara

„Die Kanzlerin macht einen guten Job“

Sebastian Kehl ist Kapitän des Deutschen Fußballmeisters Borussia Dortmund. Thore Barfuss und Alexander Görlach diskutieren mit ihm über die Euro-Krise, Politik in Deutschland und seine Zukunftspläne.

The European: Bei Transfers und den Jahresgehältern von Profis geht es oft um große Summen. Eine Parallele zur Euro-Krise, in deren Zuge über Geldmengen gestritten wird, die kaum noch begreifbar sind. Haben Spieler mit Millionengage da einen besseren Zugang?
Kehl: Ich glaube nicht, dass es einem Spieler bewusst sein kann, um welche Summen es beispielsweise bei der Griechenland-Rettung geht. Da werfen Politik und Wirtschaft schließlich mit Milliardenbeträgen um sich. Das sind Zahlen, die auch für Fußballer mit hohen Gehälter nicht wirklich zu fassen sind.

The European: Welche Rolle spielt Geld für die Spieler?
Kehl: Diese Frage muss jeder Sportler für sich beantworten. Das ist eine Frage der eigenen Ziele, des Charakters und vielleicht auch der Herkunft. Eine allgemeingültige Antwort gibt es nicht. Ich glaube aber, dass jeder Spieler in gewisser Weise darauf schaut, in der kurzen Zeit seiner Karriere den maximalen sportlichen und finanziellen Erfolg einzufahren. Mir ist der erste Aspekt wichtiger, aber da kann ich nicht für alle meine Kollegen sprechen.

The European: Wenn man die Euro-Krise weiterdenkt, könnte sie am Ende auch die großen Bundesligavereine treffen und Einfluss auf den Spielbetrieb haben. ­Reden Sie in der Mannschaft oder im Verein über solche Themen?
Kehl: Natürlich tausche ich mich mit interessierten und weltoffenen Spielern über politische Themen aus. Ich bin viel unterwegs und verfolge die Nachrichten. Oft genug, da bin ich ehrlich, kommen wir aber an einen Punkt, an dem wir inhaltlich nicht mehr durchblicken. Da fällt es dann schwer, sich eine Meinung zu bilden. Die Krise in Griechenland etwa habe ich täglich verfolgt. Ob und wie es am Ende mich, meine Familie oder den Verein treffen könnte, kann ich aber nicht absehen.

„Der Euro liegt mir am Herzen“

The European: Dieses Gefühl haben viele Menschen. Oft verfügen wir nicht über den Zugang, um uns zu aktuellen Entwicklungen eine abschließende Meinung zu bilden. Ist das am Ende der Grund für die wachsende Politikverdrossenheit?
Kehl: Vielleicht trägt die Komplexität vieler politischer Debatten und die gefühlte Machtlosigkeit der Menschen dazu bei. Wir Fußballer haben unseren Beruf, und wir lesen Zeitung – der eine mehr, der andere weniger. Aber genau wie viele andere Bürger sind wir oft überfordert mit den Informationen,
die auf uns einprasseln. Die Leute schnappen drei, vier Schlagworte auf, aber das reicht natürlich nicht, um das große Ganze zu erfassen.

The European: Sie sind einer der älteren Spieler im Kader. Sprechen Sie mit den jüngeren über solche Themen?
Kehl: Ich drücke niemandem die Zeitung in die Hand und sage: „Du liest jetzt mal diesen politischen Hintergrundtext." Wir haben eine andere Ebene, auf der wir uns bewegen. Die Fußballebene. Auf diesem Terrain müssen wir uns verstehen, hier müssen wir harmonieren. Alles andere ist nicht meine Aufgabe. Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

The European: In unserer Lebensphase gab es gewichtige Entwicklungsschritte der Europäischen Union. Ob die Reisefreiheit nach dem Maastricht-Vertrag oder die Gemeinschaftswährung. Wie stehen Sie zum Projekt Europa?
Kehl: Ich stehe Europa sehr positiv gegenüber. Auch der Euro liegt mir am Herzen. Gerade Deutschland als großer Exportnation hat die gemeinsame Währung doch viele Chancen geboten.

The European: Glauben Sie an eine künftige europäische Nationalmannschaft?
Kehl: Nein. Am Ende hat jedes Land seine eigene Identität, seinen Charakter und seine Traditionen.

The European: Und was halten Sie von der Idee, ein Kontinente-Turnier zu spielen?
Kehl: Sie meinen etwa Europa gegen Afrika?

The European: Zum Beispiel.
Kehl: Ich bin mir nicht sicher, ob das für die Zuschauer attraktiv wäre. Wir haben ja bereits die nationalen Wettbewerbe, die Champions League, die kontinentalen Länderwettbewerbe und im Vier-Jahres-Rhythmus eine WM. Schon jetzt ist es schwierig, einen 
sowohl für die Klubs als auch für die Nationalmannschaften gleichermaßen vertretbaren und sinnvollen Terminplan zu erstellen. Ein weiteres Turnier würde
 den Fußball-Kalender sicher sprengen und auch der Tatsache, dass jeder Profi Regenerationsphasen 
benötigt, nicht mehr Rechnung tragen.

The European: Die europäische Idee ist eine Friedenserzählung. Wir aber kennen den Krieg nur noch aus den Geschichten unserer Großeltern. Denken Sie, dass wir eine neue europäische Erzählung brauchen?
Kehl: Ich habe diese Diskussion nur am Rande verfolgt. Aber es ist doch so, dass es ohne Frieden als Basis nicht geht. Natürlich gehören auch Konflikte dazu. Dafür haben wir ja die Meinungsfreiheit.

The European: Während der EM haben Aktivisten gefordert, dass sich Sportler zur Situation der inhaftierten Julia Timoschenko äußern. Wie haben Sie diese Debatte erlebt?
Kehl: Mit solchen Fragen war ich immer wieder selbst konfrontiert. Grundsätzlich hat jeder seine Meinung, und die soll er auch vertreten. Wenn man als Sportler allerdings im Fokus steht, ist die Gefahr, in ein Fettnäpfchen zu treten, besonders groß. Am Ende muss jeder Spieler für sich entscheiden, ob er das Risiko eingehen will, sich auf einer solchen Ebene zu bewegen. Was die EM in der Ukraine betrifft, glaube ich, dass es richtig war, ein fröhliches Turnier zu ermöglichen. Was für eine Strahlkraft ein solches Event haben kann, haben wir ja 2006 in Deutschland erlebt. Zuerst geht es um den Sport, alles Übrige sind dann politische Themen, mit denen sich andere beschäftigen müssen.

„Arbeitslose und Rechtsanwälte stehen Seite an Seite“

The European: Waren Sie froh, nicht als aktiver Spieler vor die Entscheidung gestellt zu werden?
Kehl: Aus sportlicher Sicht wäre ich natürlich wahnsinnig gerne dabei gewesen. Was Philipp Lahm als Kapitän, Oliver Bierhoff als Teammanager und der DFB zu dem Thema gesagt haben, muss reichen. Die Spieler müssen sich bei solch einem Turnier auf den Sport konzentrieren.

The European: Zurück zu Europa. Neben der Friedenserzählung ist auch das Wohlstandsversprechen zentral. 
In vielen südeuropäischen Ländern, darunter 
Spanien und Italien, sind große Teile der Jugend arbeitslos – viele von ihnen Fußballfans. Was 
denken Sie, wenn Sie davon hören?
Kehl: Ein schwieriges Thema. In vielen Ländern klafft die Schere zwischen Arm und Reich sehr weit auseinander, das führt zu Unmut und Kritik. Insbesondere unter den Jugendlichen, die kaum Aussicht auf einen gut bezahlten Job haben. Aber im Stadion ist das kein Thema. Hier ist es egal, ob jemand arm oder reich, jung oder alt ist. Dort ist man Fan. Arbeitslose und Rechtsanwälte stehen Seite an Seite, haben das gleiche Trikot an und den gleichen Schal um. In dieser Hinsicht verbindet der Sport.

The European: Aber Jugendarbeitslosigkeit führt schnell zu 
Politikverdrossenheit. Es heißt dann immer, die Politik müsse mehr tun. Sind Sie denn zufrieden, wie unsere Politiker mit der Krise umgehen?
Kehl: Ich habe die Möglichkeit zu wählen und kann dadurch meine Meinung kundtun. Ansonsten sind mir doch die Hände gebunden. Ich könnte ­natürlich auf die Straße gehen und Plakate hochhalten. Wir leben glücklicherweise nun einmal in einem Rechtsstaat und müssen mit demokratischen Mitteln dafür sorgen, dass Politiker uns verantwortungsbewusst und zukunftsorientiert vertreten. Allerdings beneide ich unser Führungspersonal derzeit nicht. Die aktuellen Problemfelder sind wahnsinnig komplex.

The European: Die Piratenpartei verspricht mehr Bürgerbeteiligung. Ist das ein Weg aus der Vertrauenskrise?
Kehl: Es fällt mir schwer, ein klares Bild von den Piraten zu entwickeln. Ich glaube, das geht vielen Menschen so. Für was steht diese Partei denn? Was will sie etwa in der Wirtschaft und der Außenpolitik bewirken? Ihr Ansatz ist auf jeden Fall neu, und er sorgt auch bei den etablierten Parteien für Bewegung. Etwa was die Einbeziehung des Netzes betrifft, um junge Bürger zu erreichen. Aber was die großen Herausforderungen in Deutschland angeht, haben die Piraten für mich – noch – keine klaren Antworten formuliert.

„Ich schätze die Kanzlerin als Mensch und Politikerin“

The European: Hören wir da Wertkonservativismus heraus? Denken Sie, dass die Kanzlerin das eigentlich schon ganz gut macht?
Kehl: Ich habe die Bundeskanzlerin persönlich kennengelernt. Ich schätze sie als Mensch und Politikerin. Es sind schwierige Zeiten, und allen wird man es nie recht machen können. Meines Erachtens vertritt sie aber die Menschen in unserem Land sehr intensiv und engagiert. Ich denke, sie macht einen guten Job.

The European: Politischen Streit gibt es derzeit auch um die Familienpolitik. Auf dem Spielfeld sieht man Sie öfter mit Ihrem Sohn. Welche Bedeutung hat für Sie Familie?
Kehl: Meine Familie ist für mich der Anker, sie gibt mir Kraft. Ich hatte das große Glück, behütet aufzuwachsen. Der familiäre Zusammenhalt bedeutet mir sehr viel. Dieses Gefühl lebe ich. Gerade sind meine Brüder mit ihren Frauen und Kindern zu Besuch bei uns. So etwas möchte ich nicht missen. Natürlich kann ich Menschen verstehen, die das anders sehen. Die mehr Wert auf Selbstverwirklichung legen. Ich bin mit meinem gewählten Weg sehr glücklich.

The European: Wo wir gerade auf dem Spielfeld angekommen sind, bleiben wir doch hier. Sie sind mit Borussia Dortmund zum dritten Mal Deutscher Meister geworden. Wie fühlt es sich an, als Favorit in die Saison zu starten?
Kehl: Wir fühlen uns nicht als absoluter Favorit. Wir haben zwar in den vergangenen beiden Jahren sehr erfolgreich gearbeitet und den Verein gut posi­tioniert, aber dieses Jahr wird es wieder ein harter Kampf und sehr schwer werden. Gerade der FC Bayern wird alles versuchen. Unser Ziel ist die Champions-League-Qualifikation.

The European: Etwas mehr Selbstbewusstsein als in der ersten Saison als Meister sollten Sie schon haben.
Kehl: Natürlich hat sich das Selbstvertrauen innerhalb des Vereins und innerhalb der Mannschaft gefestigt. Wir verfügen über sehr hohe Qualität im Kader, das wollen wir auch unter Beweis stellen. Wir wissen aber, dass dieses Jahr kein Selbstläufer wird. Jetzt geht es darum, die neuen Spieler in die Mannschaft zu integrieren.

The European: Der Druck steigt. Ändert sich dadurch Ihre Rolle als Kapitän?
Kehl: An meiner Rolle als Kapitän hat sich nie etwas geändert. Ich gehe voran, helfe überall, wo ich kann, übernehme Verantwortung und bin durchaus auch mal laut. Ich sehe mich als Ansprechpartner für die Mannschaft. Ich vermittle und bin Bindeglied zwischen Team und Verein sowie zwischen Team und Trainer.

„Den Begriff ‚Reinfall‘ haben Sie gewählt“

The European: Auf internationalem Niveau war die letzte Saison ein Reinfall.
Kehl: Den Begriff „Reinfall“ haben Sie gewählt. Natürlich haben wir unsere Lehren aus den Wettbewerben im vergangenen Jahr gezogen. Wir haben zwar nicht schlecht gespielt, hatten genug Chancen, aber am Ende eben nicht die erhofften Ergebnisse. Dieses Mal wollen wir es besser machen. Wir benötigen Kaltschnäuzigkeit und die Gier, auch international erfolgreich zu sein. Dass wir wichtige Spiele gewinnen können, haben wir bereits in der Bundesliga und im DFB-Pokal bewiesen.

The European: Dennoch, angesichts der nicht optimal verlaufenen EM scheint es in der aktuellen Spielergeneration am Sieger-Gen zu fehlen.
Kehl: Es war klar, dass diese Diskussion aufkommen würde. Ob das so stimmt, dazu kann man unterschiedliche Meinungen haben …

The European: … und was ist Ihre?
Kehl: Es braucht Typen und eine bestimmte Hierarchie, um erfolgreich zu sein. Beides ist vielleicht nicht in ausreichendem Maße vorhanden. Ich glaube aber, dass auf allen Ebenen nach neuen Ansätzen gesucht wird, um an alte Erfolge anzuknüpfen. Es ist doch so: Am Ende werden wir am sportlichen Erfolg, an Titeln gemessen und das ist leider in den vergangenen Jahren, was die Nationalmannschaft betrifft, nicht geglückt. Auch in meiner DFB-Zeit, 2002 und 2006, hat es am entscheidenden Schritt gefehlt. Dieser Makel bleibt auch 2012.

The European: Haben Sie schon Pläne für die Zeit nach der Karriere als Profifußballer?
Kehl: Natürlich habe ich mir über diese Zeit bereits Gedanken gemacht. Ein Studium würde mich reizen, das wäre eine ganz neue Richtung. Eine andere Möglichkeit wäre, und das hat mir Jürgen Klopp im vergangenen Jahr auch immer wieder bescheinigt, Trainer zu werden. Es reizt mich ohnehin, weiter im Sport zu bleiben. In dieser Welt fühle ich mich wohl und könnte mit meiner Erfahrung sicher auch vieles bewirken. Dennoch möchte ich mir die Option offenhalten, nach der Karriere zunächst einen Break zu machen, um am Ende vielleicht etwas Neues zu wagen.

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Dieser Beitrag ist in der ersten Printausgabe des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Utopia – Unsere Welt in 100 Jahren, warum die nächste Bundesregierung Schwarz-Orange ist, das rationale Menschenbild nicht trägt und wer 2016 US-Präsident wird.

Sie können es hier direkt bestellen.

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