Linke sind keine besseren Menschen. Petra Pau

Die ZDF-Affäre

Die Politik mischt sich so dreist wie immer und so öffentlich wie nie in die Personalpolitik des ZDF ein. Intendant und Verwaltungsrat haben sich ineinander verbissen. Nun sucht der Sender einen Weg aus dem Schlamassel.

Wie auch die anderen öffentlich-rechtlichen Sender hatte das Zweite schon immer damit zu kämpfen, dass Politiker überall ein Wörtchen mitsprechen wollten. Nie war diese Einmischung aber so offensichtlich wie im Moment. Im März lehnte es ein Aufsichtsgremium des Senders, der Verwaltungsrat, rundweg ab, den Vertrag des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender zu verlängern, wie es der Intendant Markus Schächter vorgeschlagen hatte. Seitdem ist das ZDF blockiert; der Chefredakteur eine Lame Duck, der Intendant düpiert, die politische Unabhängigkeit des gesamten Senders öffentlich infrage gestellt. Wie geht es weiter?

Das Spiel funktioniert wie Schach – mit schwarz-roten Figuren

Die Union kontrolliert die Mehrheit der Mitglieder des Verwaltungsrats. Der Verdacht liegt nahe, hier solle ein wenig handzahmer Journalist just von denen abserviert werden, über die er berichtet. Das ist nicht ganz falsch – aber dennoch ist die strategische Lage etwas komplizierter. Wie Schach funktioniert dieses Spiel, aber statt weißer und schwarzer Figuren geht es um schwarze und rote Posten. Die sind gerecht zwischen Union und SPD aufgeteilt. Die Intendanz ist schwarz, die Chefredaktion rot, wobei die Programmdirektion wieder schwarz ist und der Berlin-Chef rot und so weiter.

Die Affäre Brender unterscheidet sich von den vorherigen Fällen von politischer Einflussnahme dadurch, dass sie in aller Öffentlichkeit stattfindet. Wochenlang beschimpften sich die Ministerpräsidenten Roland Koch und Kurt Beck. Kochs Kritik löste öffentliche Empörung aus, weil sie als allzu dreiste Einmischung der Politik ins Fernsehen erschien. Die bekanntesten ZDF-Journalisten solidarisierten sich in einem offenen Brief mit ihrem Chef.

Steckt hinter allem die Bundeskanzlerin?

Der Verwaltungsratsvorsitzende Beck machte schließlich öffentlich, was er für die eigentliche Motivation des Eklats und wen für seine Verursacherin hält: Die Bundeskanzlerin, so Beck, wolle den “roten” Hauptstadt-Chef Frey auf Brenders Posten hieven, um dessen Platz für den “schwarzen” Vize Peter Hahne frei zu machen. Das politisch wichtige Büro Berlin sollte in CDU-Hände fallen, vermutete Beck.

Nikolaus Brender hat sich nach Informationen von The European offenbar damit abgefunden, ab April nicht mehr Chefredakteur zu sein. Er rechne nach der Bundestagswahl damit, dass der Intendant anklopfe und ihm mitteile, dass die Kandidatur keine Chance mehr hat, heißt es. Offiziell äußern sich zu dem Thema zurzeit weder Brender noch Schächter. Mancher glaubt an Schächters Rücktritt.
Die Schuld an der unerfreulichen Hängepartie lasten viele im ZDF inzwischen ihrem Intendanten an. Es wäre Markus Schächters Aufgabe gewesen, Brenders Chancen auf Wiederwahl vorher zu klären, statt es zu einem Eklat kommen zu lassen, meinen sie. Mancher glaubt darum, Schächter könnte sein eigenes Schicksal mit dem Brenders verbinden und zurücktreten. Dem Sender stünde dann wohl ein zähes und peinliches Gezerre bevor wie zuletzt bei dessen Wahl 2002.

Es bleibt die Aussicht auf einen Kompromiss. Einen neuen Chefredakteur, behaftet mit politischem Makel. Einem düpierten Intendanten, öffentlich gedemütigt. Einem Sender unter der Knute einer medienpolitischen Großen Koalition, die wie eh und je Posten unter sich aufteilt. “In den Sendungen des ZDF soll den Fernsehteilnehmern in Deutschland ein objektiver Überblick über das Weltgeschehen, insbesondere ein umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit vermittelt werden”, heißt es im ZDF-Staatsvertrag.
Vielleicht zeigt die Brender-Affäre schlicht ein umfassendes Bild deutscher Wirklichkeit.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alexander Kissler, Jo Groebel, Markus Schächter.

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Mehr zum Thema: Angela-merkel, Zdf, Oeffentlich-rechtliche

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