Ich rotiere höchstens, wenn ich Opfer des Rotationsprinzips werde. Oliver Kahn

„Der Zombie ist der neue Vampir“

Die Untoten haben einen sensationellen Aufstieg hinter sich und sind heute das archetypische Monster unserer Zeit. Sean Hoade, Experte für den Zombie in der Literatur an der University of Alabama, erklärt warum.

The European: Mister Hoade, schon seit den 60ern kennen wir den Zombie aus dem Kino, so richtig in der Literatur angekommen ist er aber erst wesentlich später. Woran liegt das?
Hoade: Der Zombie hatte als Romanfigur immer ein ganz entscheidendes Problem. Er ist so stumpf im Kopf, dass er kaum mehr als Subjekt durchgeht, sondern eher als Objekt. Im Film, wo das Monster kein Innenleben braucht, ist das okay. Aber in der Literatur? Da müssen Figuren die Fähigkeit zur Selbstreflexion haben, sie müssen grübeln und innere Wandlungen vollziehen können. Vampire, Werwölfe und Gespenster sind dazu bestens in der Lage. Zombies nicht, das macht sie als Figuren untauglich, und wer sie trotzdem in Büchern verwendet, konnte bis vor einiger Zeit nur immer dieselbe, apokalyptische Geschichte von den Menschen am Rande ihres Untergangs erzählen.

The European: Heute schlurfen die Zombies aber ganz erfolgreich durch den Buchmarkt, also muss sich offensichtlich etwas verändert haben. Was genau?
Hoade: Es begann eigentlich vor 10 bis 15 Jahren, als immer mehr Kurzgeschichten begannen, die inneren Prozesse solcher Menschen zu beschreiben, die von Zombies gebissen wurden und kurz davor standen, selbst ein Untoter zu werden. Da gab es also endlich eine Reflexion, den Stoff, den Literatur zum Atmen braucht. Damit begann die echte Zombie-Literatur, wobei ich damit weniger Bücher meine und mehr Trash-Magazine und Groschenromane, aber immerhin.

The European: Wie kamen die Untoten dann vom Groschenroman in die Literatur?
Hoade: Der wirklich bahnbrechende nächste Schritt kam erst mit ironischen, augenzwinkernden Werken wie Max Brooks “Zombie Survival Guide”. Auf der Basis einer imaginativen Zombie-Epidemie erklärt er dem Leser, wie er am besten auf die lebensbedrohliche Situation reagiert. Indem der Leser sich in die fiktive Lage hineinversetzt, reflektiert er aber unbewusst auch die Wirklichkeit. Einen anderen, ebenfalls literarischen Effekt haben Bücher wie “Pride and Prejudice and Zombies” – eine humoreske Mischung aus Jane Austen und einer Zombie-Fabel. Gerade indem der Kontext des schon vorhandenen Romanklassikers verfremdet wird, werden wir gezwungen, das Original neu zu reflektieren: Die Welt in Jane Austens Vorlage, wird uns beim Lesen klar, ist kein bisschen weniger fiktiv als die Welt der jetzt erschienenen Zombie-Parodie. Damit wird deutlich, dass Zombie-Romane genauso ihre literarische Legitimation haben wie die Romane von Jane Austen oder Charles Dickens. Denn sie erreichen, was Literatur erreichen muss: Sie helfen uns bei der Wirklichkeitsbewältigung.

The European: Mittlerweile gilt der Zombie als archetypisches Monster unserer Zeit, als Inbegriff des Schrecklichen in der Postmoderne. Wie kommt er zu dieser Ehre?
Hoade: Nun, tatsächlich, der Zombie ist, wenn man so will, der neue Vampir, das Gegenstück zu Blutsaugern oder Werwölfen früher. Zu deren Blütezeit in der Literatur gab es noch wirklich fremde Kulturen, Wildnis, dichte Waldflächen. Sie waren auch eine Metapher für die Gefahren, die uns aus diesen Bereichen drohen. Was wir stattdessen heute haben, zumindest in der sogenannten zivilisierten Welt, sind endlose Menschenmengen. Von ihnen geht heute die wirkliche Bedrohung aus. Meine Angst ist doch nicht mehr, dass ich mich im Wald verlaufe, sondern dass irgendjemand mich oder meine Kinder aus dem Blauen heraus erschießt. Und wie der Zombie kann auch der Mörder aussehen wie der ganz normale Mann auf der Straße, wie mein Nachbar, wie jedermann.

Dantes Inferno

The European: Horrorfilmregisseur George Romero benutzte die Figur des Zombies dagegen als Metapher für den geistlosen, unersättlichen Konsumenten. Gibt es noch andere Deutungen?
Hoade: Romeros Deutung ist in der Tat die Offensichtlichste. Zombies, die stumpfsinnig in alle Ewigkeit auf der Suche nach Fressen im Kreis herumlaufen, im Grunde das, was sie als Konsumenten schon vor ihrem Ableben taten. Das stammt natürlich direkt aus Dantes “Inferno”, wo die Verdammten dazu verflucht werden, ihr altes Leben mit allen Fehlern bis in alle Ewigkeit in der Hölle zu erleben. Eine andere Metapher wäre, die gesunden Menschen als die gesellschaftliche Elite zu betrachten, die Zombies hingegen als die Unterschicht, die von oben als Bedrohung wahrgenommen wird: Sie folgen ihren tierischen Instinkten, vermehren sich wie verrückt und werden langsam aber sicher zur Mehrheit.

The European: Was genau macht den Zombie eigentlich so grauenhaft?
Hoade: Orientieren wir uns an Sigmund Freuds Unterscheidung von “heimlich” und “unheimlich”. Das Unheimliche, sagt er, ist dem Heimlichen sehr, sehr ähnlich. Fast sind die beiden identisch, nur ein ganz kleines bisschen stimmt nicht mit dem Unheimlichen. Das gilt auch für den Zombie: Er sieht vielleicht genauso aus wie deine Mutter, möglicherweise steckt er sogar in ihrem Körper, aber Junge: Das ist nicht deine Mutter. Das ist viel, viel unheimlicher als ein Mann, der sich in einen Wolf oder eine Fledermaus verwandelt. Aus Vampiren oder Werwölfen kann man romantische Helden stricken. Aus Zombies? Keine Chance. Dazu kommt noch etwas: Im Westen verniedlichen wir den Tod gerne: Unsere Verstorbenen werden geschminkt, kostümiert und in Seidenkissen gebettet. Mit den Zombies kommt ein Teil der schrecklichen, schmutzigen Wirklichkeit des Todes an die Oberfläche. Das ist immer grauenhaft.

Das Interview führte Constantin Magnis

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